Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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414 DIEE^ELT Nr. 13 die Nacht hinaus. „Ich habe eine alte Eule gefangen! Kommt herbei!" — Da begann es sich den ganzen Abhang entlang hinter allen Büschen und weit unten in der Tiefe zu regen. Da und dort leuchteten Laternen auf — ein Scharren und Klettern und Murmeln, so unheimlich, als hätte ein Höllenrachen sich aufgetan — ein Straucheln und kühnes Springen — und die wehrlose Frau war von allen Seiten umringt. Nun war es hell von den vielen Lichtern, und sie sah in hundert Gesichter, deren Augen forschend und lauernd zugleich auf sie gerichtet waren, sah in drohend erhobenen Fäusten Aexte, Beile und Sensen, die bis in den Himmel zu reichen schienen, und als sie hilfeheischend ihre Augen über die Menge schweifen ließ, bemerkte sie, daß dies Gewimmel von Lichtern, hin- und herschwankenden Lammfellmützen und plötzlich aufblitzenden Sensen sich endlos hinzog, als wollte es die ganze Welt erfüllen. In wenigen Augenblicken durchlebte sie die Schrecken eines Ueberfalles, sah die rohen Menschen in die Häuser stürmen, die Bewohner auf die Straße zerren und niedermetzeln; es schien ihr, als höre sie ihre Kinder qualvoll stöhnen, als sähe sie, wie sie alle in himmelanstrebenden: Flammen, unter glühend zusammenkrachendem Gebälk verzweiflungsvoll die Arme heben. Da hob auch sie ihre alten, zitternden Hände und schrie aus der Tiefe ihrer gepeinigten Seele: „Adonai, du mein großer Gott, laß dein schwergeprüftes Volk nicht in dieser heiligen Nacht verderben!" Aber Oprischan schüttelte sie auf und rief sie zurück aus dem schreckensvollen Traum in die nicht minder schrcckensvolle Wirklichkeit. Indem er sie und den verschüchtert neben ihr stehenden Bauernknaben betrachtete, war ihm plötzlich ein Gedanke gekommen, vor dessen Gewalt und Größe er erschrack. Er, Oprischan, der verachtete Badediener, wollte der glorreichen rumänischen Nation endlich die Augen öffnen, wollte den Beweis liefern, daß jene dunkle, blutige Sage, die im Volke lebte, keine Sage sei, sondern heilige Wahrheit! Was denn sonst hätte dieses Judenweib mit dem Christenknaben hier zu suchen — jetzt in der Osternacht? Aber noch behielt er alles für sich. Diese Bauern hatten sich seiner Führung anvertraut; mit ihm an der Spitze, von seinen Ideen belebt, vom Hauche seiner Begeisterung mitgerissen, wollten sie jetzt das Städtchen erstürmen. Darum sollten sie das große Geheimnis erst erfahren, wenn der Beweis unumstößlich da war. „Nun, alte Hexe!" schrie er, „wohin wolltest du jetzt?" Aber sie antwortete nicht; ihre Glieder erschienen zu Stein erstarrt, nur ihre Augen lebten und blickten seltsam verworren um sich. Sie erinnerte sich des Telegramms, das am Nachmittag gebracht worden war, und flehte in ihrem Herzen zu Gott, er möge die Retter endlich nahen lassen. Tönte nicht ein Trompetenstoß durch die Nacht? Klang nicht Pferdegctrappel von der Hohe des Abhangs herunter? Wenn sie jetzt kämen, jetzt in der höchsten Not! . . . Oprischan wollte indessen Klarheit haben. Er ergriff ihren Arm, beugte sich gegen ihr Gesicht und raunte ihr leise ins Ohr: „Sage mir die Wahrheit, wohin du mit dem Jungen wolltest?" In diesem Augenblick kam ihr ein erlösender Gedanke. Sie richtete sich plötzlich aus ihrer gebückten Haltung auf, und wie ein Siegesleuchtcn ging es über ihr faltenreiches Gesicht. Als Oprischan die Frage wiederholte, antwortete sie, indem sie in die Ferne sah: „Nach Pojana!" „Also dort sollte es geschehen?" „Ja." „Wenn ich dir verspreche, dir nichts zuleide zu tun, willst du uns hinführen und alles zeigen?" „Ja." Sie wußte nicht, was er meinte und antwortete mechanisch, allein nur von dem Gedanken, der sie beschäftigte, erregt und mutig gemacht. Oprischan wandte sich um. „Brüder!" rief er, „wir wollen jetzt nach Pojana! Ihr sollt dort etwas erfahren — etwas! " Er verschluckte sich an seiner eigenen Begeisterung. „Wollt ihr mir vertrauen und mit mir hingehen?" Aus tausend rauhen Kehlen kam zustimmende Antwort, und der laute, dröhnende Ruf pflanzte sich über den ganzen Abhang fort, wie das Branden und Brausen einer gegen das felsige Ufer geschleuderten Mecreswoge. Da setzte sich der ganze Zug in Bewegung, strauchelnd und mit Aexten und Sensen klirrend. Die Laternen wurden bis auf wenige ausgelöscht und nun hatte diese scheinbar endlose, im Dunkeln hin und her wogende, dumpf grollende Masse etwas unsagbar Unheimliches. Die Frau ging an der Spitze, neben sich den stumm daherschreitenden Jungen, und fühlte hinter sich die folgenden Menschen als eine einheitliche, feindliche, die ganze Welt füllende Macht. Der Gedanke, dieser eine sie heimlich erfüllende Gedanke, den sie noch fassen konnte, stärkte ihre alten Glieder, und sie schritt dahin, so leicht, als hätte sie lange Zeit geruht. Als sie eine Weile gegangen war, begann sie zu beten: „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!" Ihre Stimme war heiser und brüchig*, aber von einer heimlichen Zuversicht durchbebt. Und die Nacht lag dunkel und still auf der Erde, die Sterne funkelten über den ganzen Himmel: tausend und abertausend goldene, blausilberne, freundliche Augen, und in der Luft zitterte ein weicher, würziger Hauch, denn es wollte Frühling werden und die zahllosen Keime des Segens und der Schönheit strebten aus dem Schoß der Erde empor. Es ging langsam, aber ohne Unterlaß über Wiesen und steinige Halden: mitten aus dem allgemeinen Gemurre erhob sich dann und wann ein harter, ungeduldiger Ruf und manchesmal klang das* stoßweise Atmen, das aus den vielen Kehlen kam, wie das Fauchen einer wilden Bestie. Plötzlich begann einer aus der Mitte zu singen, weit hinten antwortete ein zweiter, ein dritter — zehn, hundert Stimmen fielen ein, es brauste durch die Stille wie eine wilde Sturmsymphonie, eine langsame, klagende Melodie, die in tausendfachen Tönen aus Büschen und Hainen und von Felsenwänden widerklang. Die alte Frau befand sich immerfort an der Spitze. Allgemach hatte sie alles um sich vergessen. Die Begebenheiten der letzten Stunde, die gehegten Befürchtungen der letzten Tage — ihr ganzes langes Leben hatte sich zu einem wirren Knäuel von Bildern und Empfindungen vereint, und ihr Bewußtsein, befreit von der Schwere der Gegenwart, erging sich in fremden Welten. Sie sah und hörte, was sie vor fünfzig Jahren gesehen und gehört, die Hoffnungen und die Wünsche ihres versunkenen Lebens schwebten als lebendige Wesen vor ihr, zogen einen flammenden Vorhang auseinander und ließen sie in ein anderes Dasein blicken. Da standen Häuser, die in den Himmel wuchsen, da blitzten und kreisten und funkelten zahllose wundersame Lichter, da fuhren klirrend und rauchend und pfeifend — wahrhaftig, wie deutlich sie dies sah — Eisenbahnen in endlosen Zügen kreuz und quer durcheinander. Und sie fuhr mit — spürte das Klirren und zerrende Rütteln, fühlte, wie sie dahinflog und wie tausend fremde Düfte und Winde um sie hauchten und flatterten. Aber in ihren bunten Traum tönte der brausende Gesang der Menge,