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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Nr. 13 DIE3pELT 413 auf schäumendem Pferde dahergesprengt, und brachte ein Telegramm aus Bukarest. Das Militär mußte in den nächsten Stunden da sein. Aber der Tag verstrich, die heiße Erwartung steigerte sich zu tätlicher Pein — und kein Soldat ließ sich blicken. Und es kam" die Nacht — die erste Passahnacht. Der Himmel hatte die Wunder seiner Sternenwelt entfaltet und stand über der Erde in frieden- und schönheitatmender Unendlichkeit. Die Gassen lagen still, wie ausgestorben, und nur der keitnschwangere Frühlingswind, der belebende Abend der Nacht, regte sich und wehte um die dunklen Dächer. Aber aus den Fenstern — aus allen Fenstern — strahlte feierlich und schön das Licht, das zu Ehren des Passah angezündet war. Wenn ein Fremder, ohne Kenntnis der drohenden Gefahr, durch die Stadt gegangen wäre und in die erleuchteten Fenster gesehen hätte, er hätte geglaubt, in einem Lande des Friedens und patriarchalischer Sitten zu sein. Denn alle Stuben waren gescheuert, die Armut mit weißschimmerndem Linnen verdeckt — und überall stand der Tisch mit den Kerzen, den verhüllten Osterbroten und dem Kräuterteller. Aber wie sahen diese Menschen aus, die heute um die festliche Tafel saßen? Wie sahen sie aus, sie, denen sonst an diesem Abende das Herz sich weitete in frohseliger Hoffnung; die, ausruhend von den Mühseligkeiten des ganzen Jahres, mit befreiter Seele jener Zeit gedachten, da ihre Ahnen unter tausend Wundern und Schrecken aus Mizrajim gezogen waren! Wunder hatten sie jetzt wohl nicht zu erwarten, aber die Schrecken waren da, diese unsichtbaren und fürchterlichen Gespenster, die zwischen ihnen saßen und ihnen den Atem raubten! „Keho lachmo anjo!" Dieses dürftige Brot, das ihre Väter in Aegypten gegessen haben — auch sie aßen es, das ganze Jahr hindurch! Und diese bitteren Kräuter, die sie an die Drangsale und Verfolgungen der Vergangenheit gemahnen sollten, sie schmeckten süß gegenüber all den Bitternissen und Nöten der Gegenwart. Wie lange noch werden diese Kerzen friedlich brennen, wie viele Augenblicke noch wird die Stube rein und festlich bleiben? . . Beim Klempner Daniel war die Not in zweifacher Weise eingekehrt, denn seine Frau lag schwer krank danieder, und er saß am Tische, grau, bleich, gleichsam von einem dichten Schleier des Grams umsponnen, und las die Hagada mit einer Stimme, die brüchig und müde klang, so, als müßte sie jeden Augenblick erlöschen. Ihm gegenüber saß seine Mutter, eine siebzig Jahre alte Greisin. Es war eine jener Frauen, wie man sie häufig in armen jüdischen Familien trifft. Nach einem Leben schwerer Arbeit und unentwegter Pflichterfüllung, nach Jahren voll heißen unzerstörbaren Glaubens an Gott und an das jüdische Volk, sitzen sie nun da, wie ausruhend von dem beschwerlichen Weg, und haben etwas von biblischer Größe und Schönheit, trotz des gefurchten Gesichts und der gebeugten Gestalt. Sie war im Orte geboren und hatte hier alles empfangen, was das Leben einer solch armen und einfachen Frau bringen kann: Eine Jugend voll Arbeit, eine kinderreiche Ehe und eine Unendlichkeit von Tagen und Nächten voll Krankheit und Kummer und Not und Tod. Lhid während all der Jahre war sie nicht aus dem Städtchen gekommen! Aber das Seltsame im Leben dieser Frau war die Sehnsucht! Die Sehnsucht nach der Außenwelt, die wie ein unbegreifliches Rätsel hinter tausend Bergen und Tälern verborgen lag. Sooft ihre Söhne und Schwiegersöhne aus der Stadt kamen, ließ sie sich von all den Wundern da draußen erzählen. Von hohen Häusern und elektrischem Licht und Eisenbahnen. Und jeden Tag war ihre Sehnsucht gleich stark, und wohl jeden Tag, oder, sooft von der Stadt die Rede war, sagte sie: „Wenn Gott mir das Leben schenkt, dann will ich nach Bacau fahren, um die Eisenbahn zu sehen!" Und sie sagte bloß „sehen!", denn, in der Eisenbahn zu fahren, darauf wagte sie nicht zu hoffen. So ging ihr Leben dahin, neigte sich dem Ende zu, und sie hoffte noch immer auf die Erfüllung ihres Wunsches, hoffte zuversichtlich und fest, wie damals, als sie sechzehn Jahre alt war und beinahe in die Stadt gefahren wäre und schließlich doch zu Hause bleiben mußte. Aber sie sollte die Eisenbahn nicht sehen! Es war schon nach Mitternacht. Daniel legte, nach Beendigung des Tischgebetes, die Hagada aus der Hand und erhob sich, als es jäh und hart an die Tür pochte. Die Kranke im Bette schrie auf! Das waren die Bauern! Sie haben sich gewiß in die Stadt eingeschlichen und den wachestehenden Mann überrumpelt, so daß er keine Zeit mehr fand, seinen Revolver abzufeuern! Die Greisin am Tische blieb sitzen, wie erstarrt vor Schreck, und bewegte lautlos die Lippen. Nur Daniel behielt seine Ruhe. Als er an der Türe stand und hinaushorchte, hörte er eine Knabenstimme, die Einlaß begehrte. Er öffnete sofort, und ein zehnjähriger Bauernjunge trat ein, schweratmend vom raschen Lauf. Es war ein kleiner, munterer Knabe, der bei einer Schwester Daniels bedienstet war. Als vatcr- und mutterlose Waise, mußte er in der Stadt seinen Unterhalt suchen, da die Dorfgemeinde, aus der er stammte, ihn nicht erhalten konnte, im übrigen aber froh war, der Last los und ledig zu sein. So kam es, daß er, trotz der kritischen Zeit, den jüdischen Dienst behielt, indem sieh niemand um ihn kümmerte. „Frau Esther!" rief er, als er wieder zu Atem kam: „Sie sollen sofort zu Ihrer Tochter kommen, Sie wissen schon --" Die alte Frau hatte sieh erhoben. Zaubergleich waren Schreck und Müdigkeit verschwunden und aus ihren Augen brach plötzlich ein seltsamer Glanz. Ohne ein Wort zu verlieren, entnahm sie einer Truhe einen alten, schweren Mantel und hüllte sich ein. Daniel trat auf sie zu: „Mutter," sagte er, „ich werde dich begleiten." Aber sie wehrte erschrocken ab. „Willst du Lea allein lassen, krank und schreckhaft, wie sie jetzt ist? Laß mich nur gehen, (iott wird mich schützen!" Sie verließ das Haus und trat auf die nächtliche Straße in Begleitung des Jungen. Mit jedem Pulsschlag ihres alten Körpers, mit jedem Gedanken war sie bei ihrer Tochter, die jetzt einer schweren Stunde entgegensah. So kam es, daß sie weder auf die Finsternis und Stille achtete, noch überhaupt an die eigene Gefahr dachte. Sie ging langsam, gebeugt, selbst ein Schatten in der ringsum lagernden Dunkelheit, und murmelte dann und wann, wie traumbefangen, unverständliche Worte. Der Junge, der mit dem schweren, stapfenden Schritt der Bauern neben ihr herging, verhielt sieh schweigend. Sie hatten bereits die Straße verlassen und schritten einen Abhang hinunter, als sieh hinter einem der kahlen Büsche, die in der Finsternis wie unförmliche Haufen erschienen, etwas regte. Im nächsten Augenblick blitzte das Licht einer kleinen Laterne auf — und vor der erschrockenen Frau, die unwillkürlich die Hand des Jungen ergriff, stand Oprischan, mit Dolch und Revolver bewaffnet, das von der Laterne zum Teil beleuchtete Gesicht seltsam verzerrt. „Oho —- Brüder!" rief er in

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