Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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unklare Gerüchte herum, aber bevor man zur Besinnung kam, tauchten die Aufständischen in gedrängten, unübersehbaren Scharen vor den Städten auf, umzingelten in den Dörfern die Herrenhöfe und forderten mit dem Mut der Bewußtlosigkeit ihr Recht. Die Bojaren wollten wohl erst nicht an den Ernst der Lage glauben. Oho! Dieser Bauer, dieses dumme Vieh, das sich mit drei Säcken Maismehl und einem Haufen Zwiebeln für die ganze Winterzeit zufrieden gab; das sich eher zur Leibeigenschaft als zur Freiheit eignete — das war ein lächerlicher Revolutionär und konnte mit einigen Fußtritten zur Raison gebracht werden! Aber als mehrere Gutshöfe überfallen und geplündert wurden, als die erbitterte Menge eine Bojarenfamilie mitsamt den Verwaltern, die sich zur Wehr setzten, erschlug, da glaubten sie endlich — glaubten und zitterten. Und jetzt griff die Regierung ein — es galt jetzt das Leben der Herren dieses Landes! Das Heer wurde mobilisiert und auf die Bauern im buchstäblichen Sinne losgelassen. Mit zielsicheren Gewehren und verderbenspeienden Kanonen! Feuer — Feuer — Feuer — ohne Zögern, ohne Erbarmen; — all die donnernde, platzende Vernichtung hineingeschleudert in die zusammengepferchte, überrumpelte Masse! Es war der glorreiche Sieg des Ministeriums Bratianu! Ueber zwölftausend Menschen mußten ihre verzweifelte Tat mit dem Leben bezahlen. Freilich hatte dieser Aufstand anders begonnen. In einem Städtchen an der nördlichen Landesgrenze wurden die Häuser und Habseligkeiten der Juden in zwei Stunden vernichtet. Aber da kein Menschenleben zum Opfer fiel, erschien das Ganze wie ein rührend hilfloser Versuch, frei nach den großen Beispielen des benachbarten heiligen Reiches. Das war der Anfang. Auf flatternden roten Fahnen trug man die Karikatur jenes unermeßlich reichen Juden, der, gleich den Bojaren, das Elend der Bauern mit verschuldet, indem er durch Scheinpachtungen eine beträchtliche Anzahl von Gütern erworben hatte. Und obschon diese Hetze nur ein Vorwand war, eine spielerische Uebung, die sich die Aufständischen gestatteten, um dann erst gegen die eigentlich Schuldigen loszuziehen, so lastete die Besorgnis vor dem, was kommen würde, drückend schwer auf der Judenschaft des ganzen Landes. So stand auch Codreni im Zeichen des Aufruhrs. In den Waldsägen und Naphtagruben ruhte die Arbeit seit mehreren Tagen, und die Bauern streiften in stets anwachsenden Scharen in den Waldungen umher und bildeten einen täglich sich verengenden Ring um die Stadt. Da die Sägewerke und Gruben deutschen Gesellschaften angehörten, hatten die Leiter, die selbst Reichsdeutsche waren, sich an die Bukarester Gesandtschaft um Schutz gewendet. Ein Telegramm hatte dann wohl das baldige Eintreffen einer Abteilung Kavallerie avisiert, aber die Tage vergingen und das Militär traf nicht ein. In der Stadt herrschte eine erschreckende Ruhe, und die Zeit schlich in atemraubender Bangigkeit dahin. Wenn die Leute über die Gasse gingen, schielten sie verstohlen um sich, denn hinter der nächsten Ecke konnte ein Trupp rasender Bauern vorstürzen, oder sie ließen ihre Blicke weithin schweifen, ob die erwarteten Soldaten sich endlich nahten. Jeder brachte neue alarmierende Nachrichten über die Ausschreitungen der Aufständischen, über Brand und Raub und Vernichtung; und sie gingen von Haus zu Haus, von Mund zu Mund und ließen vor den Augen aller, die sie vernahmen, Bilder des Greuels erstehen, über welchen das Feuer des Weltunterganges loderte. Die Juden der Stadt hatten seit jeher wie auf einer Insel des Friedens gelebt, abgesondert von aller Welt und aller Feindschaft, denn sie waren alle arm, arbeiteten ehrlich und mühsam, wie die Bauern, mit denen sie zusammenlebten, und gaben weder durch Besitztum, noch durch die Art ihres Wesens Veranlassung zu Neid und Haß. Der einzige Feind in ihrer Mitte war der Badediener Oprischan. Er war lange Jahre in Bukarest bedienstet gewesen und hatte sich dort in den verschiedenen Bojarenhäusern, trotzdem er nur Stiefel putzte oder Pferde striegelte, einen gewissen „politischen" Schliff angeeignet. Verworren und mehr aus instinktmäßiger Neigung zur Schlechtigkeit, regte sich in ihm der Gedanke, daß der Semitenhaß ein staatserhaltendes Prinzip, eine patriotische Tradition, ein erstrebenswertes Lebensziel sei. Als er in ziemlich vorgeschrittenem Alter, arbeitsunfähig und verkommen nach Codreni zurückkehrte, mußte er die Stelle eines Dieners im rituellen Bade annehmen, da er sonst Hungers gestorben wäre. Er betrank sich jeden Tag ganz jämmerlich, hielt politische Reden inmitten der Gasse, wie ein römischer Tribun, und drohte den Juden mit Gift und Tod. Wenn er an den drei Tagen der Woche, da das Bad offen war, durch das Städtchen ging, einen langen Stab mit einem eichenen Besen — das Zeichen seiner Würde — schwingend, und die Leute mit heiser hervorgestoßenem: „Bud'ra! Bud'ra!" einladend, in das erquickungspendende Institut zu kommen, dessen Bedienung ihm oblag, da hatte er so recht Gelegenheit, mit seinen Ideen zu glänzen. Er blieb stehen, richtete sich stramm auf, ließ seine ewig zwinkernden, tränenden Augen umherwandern, als wollte er sich vergewissern, ob der Kreis seiner Zuhörer groß genug sei, und begann seine Rede. Sie fing immer mit den Worten an: ,,Oprischan spricht also, höret, Brüder!" — und endete mit dem Rufe: „Und nun, marsch — marsch, nach Palästina, jüdisches Gewürm ----- marsch und auf Nimmerwiedersehen! Oprischan hat also gesprochen!" Aber niemand achtete auf sein Treiben und man ließ ihn trinken und schreien, so viel er wollte. Seit dem Ausbruche der Unruhen trug er ein seltsames Wesen zur Schau. Er hatte den Dienst aufgegeben und sich den Bauernrotten der Umgebung angeschlossen. Zuweilen kam er in die Stadt zurück, streifte scheinbar planlos in den Gassen umher, tauchte immer dort auf, wo man ihn am wenigsten erwartete und schwatzte allerlei Zeug, das ebenso verworren wie bedrohlich klang. Und kein Militär kam. Es war am Tage vor Ostern. Schon des Morgens bemerkte man in manchen Fenstern irgendein Zeichen: ein Kreuz, oder ein kleines Heiligenbild. Die Juden verstanden. Sie versammelten sich in der Synagoge und berieten, was zu tun sei. Sie beschlossen endlich, sich in die Häuser zurückzuziehen, sich mit allem, was ihnen zur Verfügung stand, zu bewaffnen und bereit zu sein. Ein im Dachboden eines Hauses postierter Mann sollte das Nahen der Bauern durch drei Revolverschüsse signalisieren. War das Zeichen gegeben, dann sollten sie hervorstürzen und sich zur Wehr setzen — alle zu gleicher Zeit. Vielleicht gelang es ihnen auf diese Weise, den Feind in Schach zu halten, und vielleicht . . . vielleicht kamen die Soldaten. Dann gingen sie auseinander und eilten nach Hause, wo ihre Frauen, trotz der schweren Zeit, der alten Tradition getreu, die letzte Hand an die Vorbereitungen zum Passah legten. Am Nachmittag kam ein Beamter der Naphtagruben