Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Der Roman der modernen Jüdin fehlt noch. Er müßte die großen Gesichtspunkte vereinigen, von de n en aus -die deutschen Dichter aller Zeiten die Jüdin in Einzelfiguren gezeigt haben, er müßte aber auch durchtränkt sein von der lebendigen Gegenwart: Die schöne Jüdin, die im modernen Leben steht, die gleichzeitig mit ihrem Stamme fühlt, die im Haus und in der Familie eine gute Jüdin ist und über die in irgend einer Art — vielleicht durch die Hinneigung zu einem Andersgläubigen — der Zwiespalt des Herzens und der des Verstandes kommt, ein Zwiespalt, aus dem sie sich zur schönsten Läuterung emporwindet oder kämpfend und h a n d e 1 n d untergeht: das wäre wohl 411 ein Stoff, der in der Hand eines Dichters schönste Gestalt erhalten könnte. Bisher ist es noch nicht geschehen! Ich sprach in der vorjährigen Festnummer dieser Zeitschrift den Wunsch aus, daß ein jüdischer Dramatiker das moderne Bibeldrama und das Drama der jüdischen Leidensgeschichte schreiben möge. (Ein Wunsch, dem sich übrigens Goldzieher in einem Aufsat/ des „Kunstwart" jüngst angeschlossen hat.) — Ich habe Anzeichen dafür, daß das moderne Bibeldrama auf dem Wege der Vollendung ist. Möchte ich docli den R o m an de r m o d e r n e n Jüdin in der nächstjährigen Festschrift begrüßen können! DIEJqKLT Als das Volk sich erhob (Eine Episode aus dem rumänischen Bauernaufstand von 1907). Von Leo G. Stein, Codren i ist ein altes moldauisches Städtchen im Herzen der Karpathen. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe, von ewigkeitsdunklen Wäldern überschattet, und die dicht zusammenstehenden Häuser erscheinen inmitten der machtvoll aufstrebenden Höhen wie seltsame, schreckhaft sich duckende Tiere. Im Süden erheben sich die schwarzbraunen Bohrtürme einiger Naphtagruben, und von den Bergen tönt das knatternde Geräusch der Sägewerke, das Krachen fallender Bäume und der langgedehnte Ruf der Waldarbeiter. Die wenigen Gassen des Ortes sind eng und schmutzig, die Häuser alt und verfallen, und die fast ausschließlich jüdischen Einwohner verfügen, außer den sehr zahlreichen Kindern, die im Staub und Schmutz der Gasse, inmitten umherstreichender Hunde und Ziegen, ein seliges, patriarchalisches Dasein führen, über keine anderen Reichtümer. Aber sie sind trotzdem rührig und handelsfreudig, denn in jedem zweiten Hause befindet sich ein „Gewölb", welches gewöhnlich von den geschäftskundigen Frauen geleitet wird. Diese Frauen freilich, denen sowohl die Besorgung der Geschäfte, als auch die häusliche Arbeit obliegt, sind infolge des schweren, kümmerlichen Lebens mit dreißig Jahren welk und halb ergraut. Aber die Männer, die fast alle in den Sägen und Naphtagruben als Schaffner und Fuhrleute beschäftigt sind, erscheinen als die Repräsentanten eines besonderen Menschenschlages. Sie unterscheiden sich auffallend von den armen Juden der Städte, welche ihr Leben in Werkstätten, Getreidespeichern, Kramläden und Wirtsstuben verbringen, des Lichts und der Luft beraubt, und zu verstaubten, verknöcherten, verbitterten Menschen werden, denen der Himmel niemals blau, der Baum niemals grün, die Blume niemals hold und süß-duftend erscheint. Sie befördern das ganze Jahr hindurch auf rhren großen, tarkgebauten Wagen mächtige Holzstämme und metallene, naphtagefüllte Behälter in die nächste Kreisstadt. 5>ie Arbeit, die sie leisten müssen, ist schwer und erwidert ihre ganze Kraft. Aber, indem sie ihr Leben größtenteils im Freien verbringen, ewig rege, von dem harten Dienst gleichsam in Atem gehalten, haben sie die, trotz der derben Gestalten, der rauchbärtigen, gezäunten Gesichter und der polternden Stimmen, etwas ' rohes und Frisches an sich, etwas, das an Frost und 5 ohn, an Wettersturz und Sonnenbrand erinnert. Wenn 5in Herbst die Welt im reichen Segen der Früchte, im Glanz und Rausch der Farben daliegt, wenn die Trauben, die auf den sonnigen Südhängen des Gebirgsstockes reifen, geerntet und gekeltert sind, wenn der Wein in vierzig, fünfzig Fässern wohlverwahrt ist, dann kommen die Fuhrleute daher, verladen die Fässer und fahren lärmend und peitschenknallend davon. Sie ziehen an bunten Laubwäldern und dunkelgrünen Nadelforsten vorbei, über Brücken und durch Bäche, über hochliegcnde Pässe und abgrunddrohende Gebirgsstraßen, unter einem Himmel dahin, der hoch und blau und voll rätseltiefer, schöpferischer Träume über der Erde sich wölbt. Und wenn sie um eine Wald- oder Felsenecke biegen und die Welt wie ein plötzlich auftauchendes Bild sonnenflimmernd vor ihren Blicken sich weitet und alles ringsum den wehmutsvollen Zauber der sterbenden Jahreszeit atmet, und die Luft gärend und schwersüß, wie der Wein in den Fässern, um ihre rauhen Gesichter streicht, da fühlen sie wohl traumverworren die Schönheit und Tiefe der Stunde, und es drängen sich über ihre Lippen die alten Ghettolieder, die aus den Städten des Tieflandes sich hierher verirrt hatten. Sie singen: „Voll Jammer und Klag', Aus der Heimat verjagt, Wegen seiner großen Sünd': Also um und um Wandert herum Von Gott das verfluchte Kind!" Und der Wind begleitet orgelgleich ihren Gesang mit anschwellendem und hinsterbendem Rauschen, reißt farbenglühende Blätter von den Bäumen und läßt sie wie märchenhafte Vögel über ihren Köpfen flattern. Es war im Frühling des Jahres 1907. Die unerwartet ausgebrochene Bauernrevolte hatte das ganze Land in Schrecken versetzt. Der verachtete, zertretene Wurm war zur giftgeschwollenen Schlange geworden, die drohend und rachedürstend ihr Haupt erhob. In allen Dörfern wurden heimliche Versammlungen abgehalten und die Führer der Bewegung schleuderten Brandreden in die Menge. Und der Bauer revoltierte. Aber er dachte nicht an das Morgenrot der Befreiung, nicht an seine und seiner Brüder Rettung. Es war das dumpfe Grollen der widerwillig aufgestachelten Masse, die, in die Apathie des Elends und Hungers versunken, sich nun wie ein zornig fauchendes Tier zu regen begann. Es gingen