Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316528--55838-3349667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
beide finden, finden in einer lauen Frühlingsnacht, wo ihre Herzen zueinander schlagen und ihre Blicke ineinander tauchen, und dieses Spiel der Augen ihnen mehr sagt als alle ihre Worte, ihnen sagt, daß sie sich lieben mit der keuschen Glut ihrer unbefleckten Herzen, — eine Szene, wie sie holder und ergreifender sobald nicht geschrieben wurde. Ja, holder und auch ergreifender! Denn schon aus dieser Szene fühlen wir heraus, daß diese beiden sich niemals fürs Leben werden angehören können, daß zwischen sie die rauhe Wirklichkeit treten muß, die es nicht duldet, daß das reiche, vornehme Jettchen aus dein jüdischen Patrizierhause der Geberts den mittellosen Doktor, „der nichts ist als Doktor", den Christen, heimführt. „Und es kommt, wie es kommen mußte, alles, wie es kommen mußte." Jettchen wird von ihrem Liebsten getrennt und von den Verwandten mürbe geredet und sie verzweifelt selber an ihrer Liebe, und als dann der kleine Neffe kommt, der ,,eigentlich gar kein Neffe ist", kommt mit den dicken, fleischigen Fingern, Julius aus dem verwandtschaftlichen Hause Jakobi, kommt aus Benschen bei Posen, und in Berlin sein Glück versuchen will mit Leder, da wird er als willkommene Ablenkung und aussichtsreiche Partie angenommen, erst von den Verwandten und dann gibt auch das hoffnungslose Mädchen nach. Aus Jettchen Gebert wird eine Henriette Jakobi, ein Weib, das wenigstens soviel Widerstandskraft noch im letzten Augenblick aufbringt, daß sie sich beim Hochzeitsmahle aufrafft und ihrem eben erst angetrauten Mann davonlauft zu ihrem guten Onkel und dort ihre Tage hinbrütet, die nur durch spärliche Augenblicke der Anwesenheit ihres Kößling erhellt werden, bis sie sich beide schließlich auch gegenseitig entgleiten und Jettchen in den Tod geht, da sie fühlt, daß sie eigentlich ihren 50jährigen guten Jason liebt, nicht Kößling. Und sie sagt es selbst in ihrem Abschiedsbrief: Die Leute haben mir oft gesagt, daß ich schön wäre, so oft, daß ich es selbst glaubte — aber es hat mir nie ein Mensch gesagt, daß ich glücklich wäre, und vielleicht ist es nicht bestimmt, daß Schönheit und Glück zusammenwohnen." Und sie hat wohl recht und wir glauben es. — Ich gestehe: der Roman war seinerzeit für mich ein Erlebnis und die ganze mit Wehmut übergossene, schöne jüdische Vorzeit kam mir in ihrer holdesten Weiblichkeit vor Augen! Nicht als ob der Roman viel vom Judentum spricht, da wird keine jüdische Frage gelöst oder erörtert, im Gegenteil, das Judentum tritt fast ganz in den Hintergrund, aber es ist soviel Güte und auch soviel Entsagung in den Personen, daß alles aus jüdischen Herzen zu jüdischen Herzen spricht. — Und noch etwas ist hier: es ist der unausgesprochene, unbewußte, aber darum um so hartnäckigere Kampf zweier großen Geistesrichtungen, die sich in den Vertretern der beiden Geschlechter, des edlen, künstlerisch veranlagten Gebertschen und des nüchternen, nur erwerbenden Jakobischen, ausdrückt. Zwei Weltanschauungen, von denen die Gebertsche in ihren besten Vertretern, Jason und Jettchen, zugrunde geht; weiter besteht und zum Leben, einem Leben ihrer Art, erstarkt aber die andere, die materielle des Julius Jakobi, deren Nachkommen wir in einem anderen Roman fast wiederzufinden glauben, ich meine Schnitzlers „Weg ins Freie". Dieser Roman spielt in der Wiener jüdischen Gesellschaft der Gegenwart und ist um so viel bewegter und von jüdischen Fragen um so viel mehr durchtränkt als unsere Zeit anders und politischer geworden ist. Auch das Jettchen Gebert des Hermannschen Romanes hat sich hier entwickelt: das jüdische Mädchen ist im Schnitzlerschen Werk nicht mehr die leidende, von anderen gelenkte Person wie Jettchen, es ist selbst auch berechnend geworden, es ist das jüdische Mädchen der Wiener Gesellschaft im Roman und in vielem nur zu wahr aus dem Leben gesehen. Sie heißt bei Schnitzler Else Ehrenberg. Und während alle Männer hier im Banne des Judentums stehen, ob sie wollen oder nicht, schämt sie sich ihrer Abstammung, sie haßt jedes jüdische Gefühl, sie ist die reine Gesellschaftsdame, der jede tiefere Neigung fremd ist, die klügelnd jeden Mann ihres Kreises von ihrem egoistischen Heirats- oder Genußstandpunkt betrachtet. Sie ist, wie sie selbst sagt, „gegen Liebestränke und solche Geschichten gefeit", hat überall ihr unreifes Urteil, tut in Musik, Gesang und Kunst als stümpernde Dilettantin, weil es Mode ist, rümpft über Vaters altmodische jüdische Ansichten die Nase, foppt die eigene Mutter, bis sie schließlich James Wagner, einem reichen Kaufmannssohn ihre Hand gibt, wie sie diesen und jenen gewählt hätte, wenn er ihr praktischer geschienen hätte. Else Ehrenberg ist nur eine der vielen Personen in diesem Roman und neben ihrer Mutter die einzige Jüdin. Das aber ist das traurigste Bewußtsein, das wir aus Schnitzlers tiefem Buche mitnehmen: Diese Jüdin, die der Dichter zeichnet, ist keine Jüdin, ist innerlich von der Gemeinschaft losgelöst. Sollten die Jettchen Geberts, sollten die guten jüdischen Mädchen und Frauen einer verflossenen Zeit angehören? — Im Schnitzlerschen Werke fehlt übrigens auch nicht der bekannte jüdische Salon, der — wie ich anfangs sagte — schon seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts literaturfähig gemacht ist. Nur daß er hier kein künstlerischer, sondern ein Gesellschaftssalon ist, den Mutter und Tochter Ehrenberg jeden Donnerstag halten. So wird also hier eine Art „ M i 1 i e u j ü d i n " gezeichnet, von der ich ja zu Beginn gesprochen habe. Als Milieujüdin finden wir die Jüdin in den verschiedensten Gestalten. Da ist sie meistens nur eine unter vielen Personen mit schönen oder schlechten Eigenschaften. Auch nur annähernd hier alle Werke mit solchen Jüdinnen anzuführen, würde zu weit führen und den Zweck dieses Aufsatzes überschreiten. Nur einige Typen nenne ich. Die fromme jüdische Hausfrau finden wir von Heines Frau des Rabbi von Bacharach bis zu H e r z 1 s Frau Samuel, in der auch die gute Mutter und treue Gattin gezeichnet ist, als moderne Dame der Gesellschaft bewegt sich die Jüdin in einer Reihe von Romanen, Erzählungen und Dramen, meistens ist sie da die protzende Frau des jüdischen Emporkömmlings, die Jüdin nimmt sogar am politischen Leben teil (Holländer), Max Brod macht moderne Jüdinnen zu Heldinnen eines Romanes, Beda gießt seinen Spott über die schmarotzende Assimilantin aus, eine ganz kuriose Art einer Jüdin führt Bierbaum im „Prinzen Kuckuck" ein und diese Reihe ließe sich beliebig verlängern. Aber all diesen Jüdinnen fehlt das Einheitliche, das Erschöpfende, es sind mitunter gute Ansätze, mitunter Episodenfiguren, häufig einseitig und schlecht gesehene Gestalten.