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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 25)
Language
German
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Nr. 13 MEXaKELT 40Q Judith, die niedrige Jüdin, geht aus dem Elternhaus zu dem Grafen, der sie hintergeht, bis sie schließlich — eine gebrochene Frau — nach großen seelischen Qualen, den Weg in ihren Heimatsort und ein Grab am „guten Ort" findet. Judith bereut auch ihren Abfall, klagt den Christen an und sucht ihn doch wieder zu entschuldigen: „Er stahl mir meinen Glauben. . . Eine Jüdin, hat die überhaupt Gemüt, was braucht die einen Glauben . . Und wenn die Jüdin ihr Herz an einen Christen verliert und alles läßt, ihm zu folgen, weil sie ihn liebt, so gebietet ihm sein Glaube zu denken, daß sie eine Jüdin ist." Und sie sagt schließlich: „Ich wurde unglücklich und schuldig, und da erkannte ich, was der Glaube ist: kein Gewand, sondern die Seele selbst, und die wechselt man nicht." Daß eine Verbindung zwischen Jüdin und Christ nicht von Dauer ist und der Jüdin Unglück bringt, dieses Motiv der Franzosschen Novelle findet sich auch in Dramen und Gedichten, wunderhübsch stellt Alfred Meißner in einem viel zu wenig bekannten Gedicht „Die Jüdin" dies dar: den Glücksrausch, Abfall, das furchtbare Ende der verlassenen Jüdin, ihre Reue und Buße. Wie das Verhängnis tönt durch das ganze Gedicht drohend die Strafe für ihre Tat. Ich will das Gedicht aus der Vergessenheit hervorziehen und den Lesern und Leserinnen vorlegen: Es hallen dumpf die Totenlieder, Der alte Jud' zerreißt sein Kleid, Doch senkt er keine Tote nieder, Die man begräbt, die lebt in Freud' Das Grab, das wartet. So ist der Juden Brauch zu Lande Schon aus uralter Zeit herab; Wer sich von seinem Glauben wandte, Der heißet tot, man gräbt sein Grab — Ein Grab, das wartet. Der Trauerbaum, die Schrift am Steine Tun Kunde, wann die sünd'ge SeeP Gestorben ist für die Gemeine, Fürs treue Volk von Israel — Das Grab, das wartet. — — Fern zu Venedig, licht und helle Zieht eine Gondel durch die Flut, Drin sitzt der blonde Kriegsgeselle, An seiner Brust die Jüdin ruht — Ihr Grab, das wartet. Er küßt ihr Haar, küßt ihre Wangen, Er nennt sie seine süße Braut; Sie spielt mit seinen goldnen Spangen, Streicht ihm den Bart und jubelt laut — Ihr Grab, das wartet. Dann nachts im Saal beim Duft und Glänze Schlägt sie die Zither beim Bankett, Bis sie der schöne Christ vom Tanze Heimführet in sein seid'nes Bett •-- Ihr Grab, das wartet. Doch einst erwacht nach holdem Kosen, Trifft sie zur Seit' das Lager leer; Fern trägt das Schiff den Treuelosen Mit vollen Segeln übers Meer. Das Grab, das wartet. Die Jüdin rauft ihr Haar von Seiden, Sie irrt am Strand umher und sucht; Zum erstenmal mit tausend Leiden Denkt sie des Worts: Du bist verflucht — Dein Grab, das wartet! Ein bettelnd Weib auf Alpenwegen Zieht heimwärts sie durch Nacht und Wind, Am Abgrund, ohne Trän' und Segen, Hat sie verscharrt ihr totes Kind — Ihr Grab, das wartet. Daheim so stumm die Gräber trauern — Wer ist's, der ihren Frieden bricht? Ein Schatten an den Friedhofsmauern, Die Jüdin sucht im Mondenlicht Ihr Grab, das wartet. Mit letzter Kraft der kranken Glieder Rollt sie vom Grab den breiten Stein, Spricht das Gebet der Väter wieder, Legt sich dann selbst ins Grab hinein — Es hat gewartet. In Ghettogeschichten findet sich auch schon die Figur des unglücklichen jüdischen Weibes, das an einen von ihr nicht geliebten Mann verheiratet ist. Diese unglückliche Jüdin führt an der Seite eines solchen Mannes ein jammervolles Scheinleben, in dem sie entweder seelisch zugrunde geht oder schwach wird und sich einem Christen, der ihr gefällt, anvertraut. Eine solche Geschichte erzählt Franzos unter dem Titel „Nach höherem Gesetz", nach dem Gesetz der Liebe. Nach Prag führt uns derselbe Dichter mit der Erzählung „Melpomene", die auch die Liebe eines Christen zu einer schönen Jüdin behandelt. Eine solche Verbindung zwischen Christ und Jüdin hat auch K o m p e r t s ,,Christian und Lea" zum Gegenstand. Die schönste Form, das modernste Gewand und den dichterischen Höhepunkt in der Zeichnung einer solchen Jüdin, die ein Christ liebt und ein jüdischer Verwandter heimführt, erreicht unzweifelhaft Georg Herrn a n n in seinem Roman von „Jettchen Geber t". Auf Berliner Boden spielt sich die Geschichte eines jüdischen Mädchens ab, die in ihrer Wehmut und schlichten Rührung ihresgleichen sucht in der deutschen Dichtung. Es ist eine Geschichte aus dem Vormärz, aus der guten alten Zeit, und in diese Biedermeierzeit paßt sie glänzend hinein. Alles ist hier anfangs Sonnenschein. Sonnenschein vom ersten Augenblick, wo Jettchen auftritt, und Sonne überall, wo sie erscheint. Der Dichter hat hier aus innerem Bedürfnis geschrieben, das fühlen wir mit jeder Zeile und Seite, auch wenn er es uns nicht in der Einleitung versicherte. Und während des Schreibens oder schon früher ist ihm das Mädchen, das er uns zeigt, zu einer Gestalt geworden, die wir lieb gewinnen, wie er sie uns zeigt, und der wir entgegenjauchzen vom Augenblick, wo sie im Krinolinenrock, mit dem kleinen, trippelnden Füßchenschritt, den hellen Schirm in der Hand, auftritt, und der wir nachblicken, wie alle Leute, die sie auf dem großen Berliner Pflaster sahen. Und wir finden es nur selbstverständlich, daß Kößling, der christliche Gelehrte und Poet, den ihr guter Onkel Jason ihr vorstellt, sofort einen Teil des Sonnenscheins, den sie spendet, in sein Herz einziehen läßt und daß er sie nicht mehr vergessen kann von ihrer ersten Begegnung, und er selbst nicht weiß, was in ihm erwacht ist, in dem großen, reinen Jungen, bis sie sich

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