Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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408 BIE ü^gE LT Nr. 13 Die Jüdin in der deutschen Dichtung Von Professor Dr. Oskar Frankl (Reichenberg). Wie das Weib im öffentlichen Leben viel weniger hervortritt als der Mann, so haben auch die deutschen Dichter die Jüdin viel seltener zum Vorwurf für ihre Arbeiten genommen als den Juden. Während ich an anderer Stelle nachweisen konnte,*) daß deutsche Dichtungen in allen Jahrhunderten, vom 15. an, den Juden in seinem Berufe, in seiner Denkungsart und seinen Handlungen, wirklichen und erdichteten, zum Stoffe haben, ist das jüdische Weib viel flüchtiger und vor allem viel äußerlicher von Dichtern dargestellt worden. Aber trotzdem finden wir auch schon in den Werken aus der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts bis hinauf zur deutschen Klassik Jüdinnen angeführt, allerdings fast durchweg als passive, als leidende Figuren, zu denen sich die Umwelt in irgendeine Beziehung stellt Ja noch mehr: wenn wir genauer forschen, so können wir auch schon in den Dichtungen dieses Zeitraumes, soweit sie von Jüdinnen handeln, große Grundzüge herausfinden, die dann auch für die nachklassische Zeit Leitmotive bleiben, unter denen die Jüdin in der deutschen Dichtung erscheint. Denn schon in einigen deutschen Dichtungen des 16. Jahrhunderts wird die Frömmigkeit der Jüdin, allerdings nur flüchtig, betont, in einer Geschichte vom „Judenmessias", die sich bei mehreren Dichtern, so bei F o 1 z und Grimmelshausen findet, wird die Schönheit der Jüdin hervorgehoben, die sie auch dem Christen begehrenswert erscheinen läßt, und in denselben Dichtungen wird auch von einer gewissen Hinneigung des Judenmädchens zum Christen und ihrem Abfall vom Judentum erzählt. Und schon Grimmelshausen sagt, daß die Juden ihre Weiber genau und vorsichtig vor dem Fall bewahren und den Fehltritt des jüdischen Weibes schwer bestrafen. Ich kann im Rahmen dieses Aufsatzes auf einzelne Züge der Jüdin, wie sie sich schon in den Dichtungen dieser Zeit finden, nicht näher eingehen, wie ich überhaupt auch für die neuere Zeit nur die großen Gesichtspunkte zu entwickeln gedenke, unter denen die Jüdin von den Dichtern gesehen wird, ohne auch immer einzelne moderne Dichtungen zu erwähnen. Das Eine aber können wir feststellen, daß schon in den Anfangsdichtungen dieser Art die Figur der schönen, nicht immer standhaften und die der Abfallsjüdin vorkommt, zu der dann im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Salons Berliner und Wiener Jüdinnen eine neue Figur kommt, die ich auch für die neueste Zeit unter dem Namen „M i 1 i e u j ü d i n" zusammenfasse. Mit dem näheren Verkehre zwischen Juden und Nichtjuden im Leben entwickeln sich bei Dichtern der neueren Zeit, bei jüdischen und auch bei nichtjüdischen, die erstgenannten Figuren immer mehr, ja, die schöne Jüdin w i r d g e r a d e z u ein Typus in der deutschen Dichtung. Sie ist so bezaubernd, daß sogar Fürsten lind Könige nach ihr begehren, und sie ist sich auch häufig ihrer Schönheit und des Eindruckes bewußt, den sie dadurch auf die Großen der Erde ausübt. Mag sein, daß bei Darstellung dieser Figur, der schönen Jüdin, die Dichter neben dem Erschauen des wirklichen *) Der Jude in d. deutschen Dichtungen des 15., 16. u. 17. Jahrhunderts. R. Hoffmann, Leipzig, 4. Taus. Lebens von der biblischen Erzählung der Esther, der schönen Jüdin, die sich einen König zum Gemahl gewann, mitbeeinflußt sind. Wenigstens finden wir gerade bei einem großen deutschen Dichter, bei Grillparzer, die Geschichte der biblischen Esther in einem Fragment, und das Leben einer anderen schönen Jüdin, der Rahel von Toledo, in die sich der König verliebt, dramatisiert. Und in dieser ,,Jüdin von Toledo" hat der Dichter auch schon die Schicksale der schönen Jüdin gezeichnet, wie sie sich dann in deutschen Dichtungen typisch immer wiederholen: Die schöne Jüdin von niederer Abkunft ist eine Zeitlang die Geliebte oder die Frau des großen christlichen Herrn, den sie selbst innig liebt, bis er ihrer überdrüssig wird oder es zuläßt, daß sie von seinen Angehörigen, seiner Umgebung, vertrieben oder getötet wird. Im Drama Grillparzers wird Rahel bekanntlich auf Anstiften der Königin getötet, und der König, der längst nach seinem Sinnenrausch zur Ernüchterung gekommen ist, nimmt diese Tat ruhig hin und findet keine andere Bemerkung als die Worte: ,,Die Weiber dieses Stammes sind leidlich, gut sogar," vor dem mißhandelten Leichnam der Jüdin ergreift ihn aber Entsetzen. In einem Gedichte Moritz Hartmanns z. B. wird das Schicksal der schönen Jüdin ganz ähnlich geschildert. Der König sieht bei einem Feste „im Volk versteckt ein braunes Kind — die Jüdin war so schön zu sehn." Nach wenigen Tagen wird die jüdische Jungfrau zum König geführt, der sie in Gold, Samt und Purpur kleidet, die „Frau Königin" sitzt einsam, „der Bischof flucht der Schande, die Land und Volk und Kirche drückt, und daß in ketzerische Bande ein Christenkönig sich verstrickt, und daß die Jüdin schön zu sehn". Schließlich übernimmt des Königs Page die Aufgabe, die Jüdin und damit das Aergernis aus der Welt zu schaffen, er tut es aber nicht um Gottes oder der Königin Lohn, sondern nur aus Rache für verschmähte Liebe: „Er küßt sie auf die nackten Brüste, Sie lächelt träumend, wie zu Scherz, Dann stößt er schnell, wo er sie küßte, Das scharfe Messer in ihr Herz — Da war die Jüdin schön zu sehn." Wir sehen also, daß dieses Thema schon fast schablonenhaft behandelt wird und die Jüdin selbst in ihren Handlungen gar nicht hervortritt. Aber bei Grillparzer und bei Hartmann ist noch nicht betont, wie sich die Jüdin zum Glauben ihrer Väter stellt, sie ist nur die „Schöne", das Objekt der Liebe eines hohen Herrn. In einer anderen Reihe von Dichtungen wird das Motiv des Abfalls vom Glauben mit ihrer Schönheit verknüpft, wenngleich auch in diesen Dichtungen die Jüdin wenig Energie zeigt oder ihre inneren Kämpfe nur selten betont werden. Aber sie opfert hier um ihre Liebe zu einem Christen auch ihr Elternhaus und ihren Glauben. Ich zeigte, daß dieses Motiv schon bei Grimmelshausen berührt wird. Es wiederholt sich später in vielen Ghettogeschichten, von denen ich hier nur die Franzossche Novelle: „Judith Trachtenberg" nenne, in der dieses Motiv eine ausführliche, auch innere Behandlung findet.