Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 DtE^E LT 407 Geistes lösen und in die neue Heimat unseres Wesens verpflanzen. Wir sind gebunden und gelöst, wir sehweben zwischen zwei Welten umd zwischen zwei Zeiten; doch wir gehen unter und ein neues Geschlecht wird heraufkommen, das unsere Qualen micht mehr kennt, weil sein Leben bereits mit allen Wurzeln in der neuen Heimatserde ruht. In uns allen lebt die Sehnsucht, der Stefan Zweig in seinem tiefen „Lied des Fahrenden" ergreifenden Ausdruck gegeben hat: „Wanderern ist keine Ruhe gegeben, Unrast wandert die Wege mit. Fast schon hab' ich verwandert mein Leben Und kam doch weiter um keinen Schritt. Ich wollt', daß ich irgendwo Wurzel wäre, Wiese, Wald, ein Stein oder Blatt, Nur etwas, das ruht, das ohne Begehren Seine Heimstatt unter dem Himmel hat. Ich möchte nur Ding sein, eines von jenen, Die Blüte sind von der Erde Blut, Denen nicht eigenes Sinnen und Sehnen Müdigkeit macht oder wehe tut, Die brünstig sich in die Scholle vergraben, In die einst ihr Samenkorn Schicksal fiel, Nicht Unrast und Wunsch in die Ferne haben, Wolken und wehender Winde Gespiel, Die blühen und welken, die knospen und reifen, Wie Gott es will, und die selber kaum Ihr leises Leben anders begreifen Als einen sinnlosen, sonnigen Traum . . . " Die Frage, wie wir Juden fremder Kulturzugehörigkeit mitwirken können an der Erneuerung jüdischen Geisteslebens, findet ihre Beantwortung darin, daß es ein Irrtum ist zu glauben, man könne Kultur schaffen. Wir können höchstens die äußeren Bedingungen und Voraussetzungen erfüllen: Zivilisation. Eine Kultur kann nicht dekretiert werden, sie entsteht in organischer Entwicklung aller lebendigen Kräfte eines Volkswesens. Und alle Kulturpolitik ist nur Zivilisationspolitik. An dieser Stelle möchte ich in Kürze einiges über die zionistische Kulturfrage sagen. Es ist jetzt wohl klar, daß es eine zionistische Kulturfrage nicht gibt; vielleicht eine zionistische Zivilisationsfrage. Wie aber die zivilisatorische Arbeit ausgeführt wird, ist für die Entwicklung einer neuen jüdischen Kultur ohne Bedeutung. Man könnte hier freilich einwenden, daß auch jede geistige Entwicklung von äußeren Verhältnissen beeinflußt werde, es demnach doch bereits heute in unserer Macht steht, die Entwicklung der neuen Kultur n die von uns gewollte Bahn zu lenken. Allein man darf nicht außeracht lassen, daß es nicht das Volk als iesamtheit ist, das eine Kultur schafft, dem wir also die Richtung, in welcher sich die Kulturentwicklung belegen soll, aufzwingen könnten, sondern daß es nur ■>ehr wenige Menschen sind, die kulturschöpferisch wirken und daß es vergeblich wäre, diese geistige Elite durch zivilisatorische Maßnahmen in ihrem kulturellen Schaffen beeinflussen zu wollen. Ob darum im hebräischen Gymnasium in Jaffa die Bibel in alt-traditioneller Weise oder nach modernen Gesichtspunkten unterrichtet wird, ist für die Entwicklung eines neuen jüdischen Kulturlebens von einer geradezu lächerlichen Bedeutungslosigkeit. Eine Wirkung allerdings könnte eine zivilisatorische Maßregel, welche die Freiheit kulturellen Schaffens einschränken würde, hervorrufen: daß die Entwicklung einer neujüdischen Kultur überhaupt unterbunden und unmöglich gemacht wird. Diese einzige Möglichkeit besteht. Aufs Schärfste ist darum jener Geist der Unfreiheit und Unduldsamkeit zu bekämpfen, der sich in gewissen zionistischen Kreisen ausgebreitet hat. Und alle die, welche diesem Geiste der Intoleranz im Zionismus Geltung verschaffen wollen, sollen sich vor Augen halten, daß sie damit die Möglichkeit einer schöpferischen Zukunft des Judentums ausschließen. IV. Die Frage nach dem Wesen einer neujüdischen Kultur kann heute noch viel schwieriger beantwortet werden, als die Frage nach dem Wesen des Judentums. Solange noch nicht entschieden ist, welche von den Charaktermerkmalen, die man dem Judentum heute zuschreibt, sein wirkliches, konstantes Wesen treffen und welche neu erworbene Goluseigenschatten sind, ist es unmöglich, das Wesen einer neuen jüdischen Kultur vorauszubestimmen. Ich persönlich erwarte eine harmonische Verschmelzung des Judentums mit dem Geiste des Hellenismus — es sei gewagt, das ketzerische Wort auszusprechen. Doch das ist eine ganz subjektive Vermutung, der jede objektive Begründung fehlt. Eines allerdings können wir von der zukünftigen Kultur des jüdischen Volkes voraussagen: daß sie wieder den Zusammenhang mit der vergangenen schöpferischen Kultur des Judentums finden und die Kräfte dieser großen Vergangenheit, welche die lange Zeit des Golus hindurch brach lagen, erlösen wird. Dann werden auch die Menschen erstehen, die durch ein einheitliches, schöpferisches Leben diese Urkräfte des Volkes erfüllen werden. Dann mag auch die Zeit kommen, da man unser Leben in seinem seltsamen, tragischen Streben verstehen wird. Denn es ist die Bestimmung unseres Schicksals und seine Größe, daß wir Untergehende, Versinkende und daß wir bereit und froh sind, unterzugehen um der Kommenden willen. Und wenn es für uns eine tätige Anteilnahme an der Neuschöpfung jüdischer Kultur gäbe, so könnte sie außer in zivilisatorischer Arbeit nur darin bestehen, daß wir das Judentum in unserer Seele für das große Werk der Zukunft vorbereiten, indem wir all das in uns, was wir als unschöpferisch, als zukunftsfeindlich empfinden, überwinden; indem wir der äußeren, durch den Gang der Ereignisse gegebenen Auslese im Volke eine durch unseren Willen gegebene Auslese in unserem Inneren hinzufügen. Die Welt und sich überwinden! „Ich liebe den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen," spricht Zarathustra.