Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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406 DIE] lerischc Entwicklung;Hofmannsthals überblickt, wird deutlich einen scharfen Riß, ein plötzliches Abbrechen einer begonnenen Entwicklung merken. Frei schaffend war nur der junge Hofmannsthal, in seinen späteren Werken ist er fast nur Uebersetzer und Bearbeiter fremder Stoffe. Aber auch bei Betrachtung der frühesten Werke des Dichters zeigt es sich, daß eigentlich Hofmannsthal in allen diesen Werken fast immer mir denselben Stoff gestaltet. Man wird also mit Recht behaupten können, dal) Hofmannsthal nur in Beziehung auf das rein Formale etwas Neues geschaffen, neue Inhalte dagegen nicht gebracht hat. Somit wäre also sein Schaffen nicht als wirklich schöpferisch, d. h. verwandelnd, zu bezeichnen. Hofmannsthal mag ein bedeutendes, vielleicht das bedeutendste Formtalent der Gegenwart sein, ein schöpferisches, künstlerisches Genie, als das man ihn gern hinstellen möchte, ist er keineswegs. Eine Feststellung übrigens, die durch die Tatsache, daß sich Hofmannsthal bereits nach so kurzer Zeit so vollständig ausgegeben hat, die wirksamste Unterstützung erfährt. Beachtung verdient es auch, daß Hofmannsthals produktives Wirken in sein Jünglingsalter fällt, also in die Zeit, wo noch in gewissem Umfange das Unbewußte der Kindheit, das später durch den abstrakten Intellektualismus des Mannes ganz zerstört wird, vorherrscht, wo noch — hier natürlich nur ganz schwach und verborgen — Zusammenhänge mit dem Volke, dem man entstammt, bestehen, die sich dann infolge eines bewußten Widerstandes gänzlich lösen. Demnach ist das, was an Hofmannsthal schöpferisch war, jüdischen Ursprungs. Mit diesen Ergebnissen für den speziellen Fall Hofmannsthal ist aber nichts gegen die Theorie des Kosmopoliiisnius bewiesen. Eine Auseinandersetzung mit dem Kosmopolitismus im Judentum ist um so notwendiger, als bisher kein wirklich ernster und begründeter Einwand gegen seinen Ideengehalt geltend gemacht wurde. Der bekannte Kosmopolitismus der Juden scheint mir nicht allein seinen Grund in der seltsamen Situation zu haben, in der sich der Jude befand, als er plötzlich aus der engen Geschlossenheit seines Volkskreises in die Weite der Welt geriet. Ein Hang der Menschen, denen die feste Seelenbasis des Volkstums abhanden kommt, sich ins Menschlich-Uebersinnliche, in rein abstrakte Fiktionen (der Begriff der Menschheit ist eine solche) oder auch ins Jenseitig-Transzendente zu verlieren, ist ja ganz unverkennbar. Aber dieser jüdische Kosmopolitismus, wenn man das Wort in seiner höheren Bedeutung als Weltanschauung nimmt, scheint seine stärkste Wurzel im Wesen des Judentums zu haben, da es gerade das Judentum ist, das seinem Wesen inacji am meisten von allen Völkern an das Allmenschliche rührt, wie auch bisher Juden die Träger aller die ganze Welt umspannenden geistigen Bewegungen waren, vom Christentum bis zum Sozialismus. Das Nationale im Judentum ist in den tiefsten Gründen seines Wesens verborgen, wirkt darum aber um so bestimmender auf seine Schöpfungen, so sehr diese auch allmenschlich erscheinen und allmenschlichen Zielen dienen mögen. Vielleicht wird so das Paradoxon erklärt, daß das jüdische, das in seiner Anlage nationalste Volk in seinen Handlungen das kosmopolitischste ist. Durch diese Darlegung ist auch schon der Beweis gegen denjenigen Kosmopolitismus erbracht, der das Heil der Welt in einer unbegrenzten Vermischung aller Rassen erblickt. Es ist möglich, daß eine solche Rassenmischung sehr feine Blüten treiben kann, doch schöpferisch im gELT Nr. 13 letzten und tiefsten Sinne, also weltgestaltend, werden die Menschen, die aus einer solchen Vermischung hervorgehen, niemals sein, da ihnen die große, übermenschliche Urkraftder Vergangenheit, die in den verborgensten, sich schon ins Dunkle verlierenden Schichten der Volks¬ und Einzelseele wurzelt, abgeht, weil sie, mit Wassermann zu sprechen, keinen Zusammenhang mit dem Mythos haben: niemals wird ihre Produktion schöpferische Aktivität sein. — Es ist eine Wahrheit, die sich erst in jüngster Zeit allmählich Bahn bricht, daß Nationalismus mit Allinenschentum in viel engerer Berührung steht als ein farbloser Kosmopolitismus. Dies wird auch wieder durch Hinwreis auf Hofmannsthals Schaffen deutlich bestätigt. Wenn man das bedeutendste und tiefste Werk Hugo von Hofmannsthals ,,Der Tor und der Tod" mit dem „Faust" Goethes, der doch allenthalben als Repräsentant des Weltbürgertums gilt, vergleicht (ein solcher Vergleich drängt sich auch durch die Aehnlichkeit in Form und Inhalt auf), so wird sofort der tiefe Unterschied zwischen beiden Dichtern klar. Dort das Verschwimmende, Entkörpcrte, Uebersinnliche, Blutlose, Schattenhafte, Ziellose des ,,Literaten", des müden Erben („Ganz vergessener Völker Müdigkeiten kann ich nicht abtun von meinen Lidern", sagt Hofmannsthal in einem seiner Gedichte), und hier die Klarheit, Körperhaftigkeit, Sinnenfülle, Daseinsfreude, Erdenhaftigkeit und Planmäßigkeit des genialen Schöpfers, den die tausendjährige Kraft des Mythos erfüllt und der zu tiefst mit seinem Volkstum verknüpft ist, wenn auch seine Werke keine nationale Besonderheit zeigen. Dort eine Kunst im luftleeren Räume, hier naturnahes, vom Blute der Erde durchströmtes Schaffen. Eine wirklich schöpferische Kunst kann nur im Volke wurzeln, das ist die Folgerung, deren Notwendigkeit ich durch die vorangegangenen Darlegungen nachzuweisen versuchte. Und somit wäre auch gezeigt, daß das Judentum keine schöpferischen Werte schaffen wird, bevor es nicht zu einem eigenen nationalen Leben gekommen ist. Da es aber auch im allgemein-menschlichen Interesse liegt, daß das jetzt unschöpferische jüdische Volk zu schöpferischem Schaffen kommt, ergibt sich der Zionismus nicht nur als jüdisches, sondern auch als ein allmenschliches Postulat. HI. Durch das Vorhandensein eines jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls und des bewußten Willens, das Judentum einer schöpferischen Zukunft entgegenzufüjhren, ist aber die Entstehung einer jüdischen Nationalkultur noch nicht gewährleistet. Wir stehen jetzt vor der schicksalsschweren Frage, wie wir, die wir inmitten einer fremden Kultur leben und von ihr unendlich viel empfangen haben, an einer Erneuerung jüdischen Kulturlebens teilnehmen können. Zweifellos wird eine neujüdische Kultur restlos alle Resultate europäischer Zivilisation übernehmen; wir aber haben mehr empfangen als bloße Zivilisation; wir fühlen, daß uns viele Fäden mit der Kultur, in welcher wir leben, die wir aber auch nicht als eigen empfinden können, verknüpfen. Wie können wrir also an der Schaffung einer jüdischen Nationalkultur teilnehmen, ohne ganz frei und gelöst Von Dingen, die von außen in uns gebracht wurden, den Triebkräften unseres innersten, jüdischen Wesens zu gehorchen? Diese Frage deckt die Tragik unseres Lebens in ihrer ganzen Größe auf: wir können unser Sein nicht vollständig aus der alten, Heimat unseres