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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 13 DIEMKE LT 405 jenige Kulturstufe als ideal zu bezeichnen wäre, für welche beide Definitionen zutreffen, die also in großer Synthese das Künstlerische und das Absolut-Schöpferische (im prägnanten Sinne) vereinigt; sei es nun, daß die Kultur, deren Definition Nietzsche gegeben hat, den letzten Durchgang zu der Kultur bedeutet, die als höchster Gipfelpunkt die Kette der schöpferischen Entwicklung abschließt und die oben definiert wurde, oder daß sich neben dem einheitlichen Kunststil auch gleichzeitig die Spuren des absoluten Schaffens in allen Lebensäußerungen des Volkes finden lassen. Soweit wir freilich in der Geschichte zurückblicken, läßt sich keine Epoche anführen, in der dieser Idealzustand verwirklicht worden wäre: entweder war nur eine Art des Schöpferischen vorherrschend oder finden sich beide nur in einzelnen, ihre Umgebung weit überragenden Menschen, nicht aber im ganzen Volk. II. Wenn wir uns nun, nachdem wir eine befriedigende Definition des Begriffes gefunden zu haben glauben, nach den Voraussetzungen für die Entstehung einer neujüdischen Kultur fragen, so müssen wir zunächst untersuchen, welche Bedingungen hierfür erfüllt werden müssen, und dann, welche Erscheinungen im Judentum der Gegenwart diese Bedingungen zu erfüllen bestrebt sind oder sie schon erfüllt haben. Jakob Wassermann sagt in seinem Buche „Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit": „Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Die Schicksale der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampfe gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtages, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur, und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zerschneidung der Tradition, alles dies hat die Juden als ganzes Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhanges bewußt wird, wo er im Schöße der Geschichte, der Ueberlieferung ruht, wo lirewige Symbole ihn tragen, urewige Blutsströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zum Göttlichen leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein." In prachtvoller Formulierung gibt hier Wassermann die Bedingungen, welche für die Entstehung einer neujüdischen Kultur ausschlaggebend sind: vor allem ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu den Zeiten einer starken, einheitlichen, doch bereits entschwundenen jüdischen Kultur, da noch alle die Kräfte im Judentum, die durch die lange Goluszeit gebrochen und isoliert wurden, allen Schöpfungen des Volkes ihren eigentümlichen Rhythmus und ihre eigene Färbung mitteilten. Und mit diesem Gefühle der Zugehörigkeit zur jüdischen Vergangenheit verbunden das Bewußtsein der eigenen Art und die Sehnsucht nach Neugestaltung dieser — wie wir fühlen — noch schöpferischen, im Grunde noch ungebrochenen, unvertilgbaren Art. Wenn wir also im modernen Judentum ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewußtsein besonderen Wesens nachweisen können, dann dürften die ersten Voraussetzungen für die Entstehung einer neujüdischen Kultur gegeben sein. — Für jeden, der das Judentum der Gegenwart mit Aufmerksamkeit betrachtet und allen seinen Daseinsäußerungen mit liebevollem Verständnis nachgeht, wird es immer offensichtlicher, daß in einer stets wachsenden Anzahl von Juden das Zugehörigkeitsgefühl erwacht. Immer zahlreicher werden die „Stimmen des Blutes". Es gibt heute keinen bedeutenden jüdischen Dichter mehr, der sich nicht mit dem Judentum in seinem Innern irgendwie auseinandergesetzt und meistens den Zusammenhang mit dem Judentum der Vergangenheit und auch der Gegenwart gefunden hätte. Man denke nur an Richard Beer- Hofmann, Artur S c h n i t z 1 e r, Stefan Z w e i g , Jakob Wasserm a n n , Hugo Salus und viele andere. In wem aber erst das Zusammengehörigkeitsgefühl wach geworden ist, der wird auch bald das Judentum in seiner Seele als die Quelle seiner schöpferischen Kraft erkennen und aus dieser Erkenntnis sich für dessen Erhaltung und Neuschöpfung entscheiden. Und wenn Wassermann den schöpferischen Juden als Orientalen im mythischen Sinne bezeichnet (was Wassermann Mythos nennt, deckt sich ungefähr mit dem, was ich das Absolut- Schöpferische — diesmal im weiteren Sinne — genannt habe), so ist damit die Ansicht ausgesprochen, daß alles wirklich Schöpferische im Volkstum wurzelt, mögen auch seine Werke in Form und Inhalt keine eigentümliche Besonderheit aufweisen und sie zum unvergänglichen Gemeingut der ganzen Menschheit geworden sein. Dieser Anschauung scheint allerdings ein Phänomen im modernen Judentum zu widersprechen, das seiner besonderen Bedeutsamkeit wegen ein näheres Eingehen erfordert; ich meine: H u g o von H o f m a n n s t h a 1. Es wird wohl kaum bestritten werden, daß man Hofmannsthal mit Recht dem Judentum zuzählen darf. Ebenso unbestreitbar ist es auch, daß Hofmannsthal einer der bedeutendsten lebenden Dichter ist, der auf die Entwicklung der deutschen Literatur den stärksten Einfluß genommen hat. In Hofmannsthals Werken findet sich aber keine Spur von einem Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum, obwohl an einer tatsächlichen, wenn auch nicht ganz nahen Zugehörigkeit nicht zu zweifeln ist. Die Tendenzen seines Schaffens sind durchaus nichtjüdisch. — Wenn sich nun zeigen läßt, daß ein s c h ö p f e - ri sches Wirken ohne festes Wurzeln im Volke und ohne das Bewußtsein eigener Stammesbesonderheit möglich ist, so erscheint die Schaffung einer neujüdischen Kultur in Palästina zwecklos — vom Standpunkte menschlicher Kulturentwicklung wenigstens. Um hier zu einem klaren Resultate zu kommen, ward es notwendig sein, das künstlerische Schaffen Hofmannsthals in seiner tieferen Bedeutung zu betrachten. Hofmannsthal gilt heute als der Vorläufer oder gar als der Repräsentant einer neuen Klassik. Sein größtes Verdienst ist es, daß er für eine neue Zeit einen neuen Kunststil gefunden hat. Allein, wer die gesamte künst-

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