Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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404 DIEE^ELT Nr. 13 „Täte, an unserem Hause am Dache bauen sich die Schwälbchen ein Nest. Schau, grad' über deinem Fenster/' Jüdel blickte das Kind mit großen Augen an, dann richtete er sich auf, wie wenn ein inneres Feuer durch ihn ginge, griff mit den Armen nach dem Kinde und rief, es an sich drückend: „Mein Herzkind, ich werde dir auf deine Fragen antworten. Vor den Bauern sind wir Juden geflohen, mit ihren Kreuzen wollten sie uns erschlagen, in dem Flusse wollten sie uns ertränken. Doch Gott, der Herr, hat uns gerettet." „Juden/4 rief er, indem er das Kind losließ und sich über das Bett zu den Leuten wandte, „reißet die Kleider von eurem Leibe und deekef den Kalk zu und decket die Thora zu. Hört ihr nicht, wie sie alle hinter uns her sind, hört ihr nicht die Hunde bellen, hört ihr nicht die Glocken klingen? Juden, kommt, kommt alle in mein Haus, für euch habe ich es gebaut, alle findet ihr Platz, alle habe ich euch geladen. Kommt, trinkt mit mir Wein und lass'et uns zu Gott singen, Schmiel, komm mit und trinke, deine Bäume blühen in meinem Garten, sie haben schon Frucht getragen." Jüdel hielt plötzlich inne und schaute mit starrem, unverwandten Blicke auf die Tür, die aufgegangen war. Der greise Totenwärter, Mendel, der Schneider, hatte sie geöffnet. „Der Prophet Elia", hauchte er und fiel in die Kissen zurück. Mendel ging geradesWegs auf das Bett zu, schob die weinenden Frauen und das Kind, welches über die verglasten Augen des Vaters aufschrie, beiseite und drückte Jüdel die Lider zu. Dann schritt er zur Tür und schrie mit harter Stimme: „Schicket um Linnen für den Toten und einige Leute mit Schaufeln auf den Friedhof. Eilet, bald ist Nacht/4 Die Sonne war schon untergegangen und hatte nur noch einen blassen Widerschein hinter dem Berge zurückgelassen, als man vom Städtchen aus den schwarzen, schattenhaften. Leichenzug hinter dem Friedhofsplanken verschwinden sah. Drei Sterne leuchteten bereits am Himmel. In dem friedlichen, nächtigen Judenstädtchen, durch das der Frühlingswind strich, flammten die ersten Pessachlichter auf. . . Das Kulturproblem Von Siegmund Katznelson, Prag. I. Unter dem Kultlirproblem verstehe ich die Frage nach dem Wesen einer neiljüdischen Kultur, den Voraussetzungen ihrer Entstehung und den Mitteln, die sie herbeiführen sollen. Nun besteht für jeden, der für sich das Recht in Anspruch nimmt, über Kulturfragen mitsprechen zu wollen, die Verpflichtung, sich eine klare Vorstellung von dem Wesen der Kultur zu machen, damit nicht durch Aequivokatiouen und Mißverständnisse über Inhalt und Umfang dieses Begriffes das ohnehin genug komplizierte Problem noch unklarer und verworrener werde. Vor allem wird es notwendig sein, den Begriff der Kultur gegen die Auffassung von ihrem Wesen, wie sie in der zionistischen Kulturfrage zum Ausdruck kommt, abzugrenzen, um über alle falschen Anschauungen, die man von der Bedeutung der Kultur hat, hinweg zu ihrem wahren Wesen vorzudringen. Hier niuii man freilich sogleich gestehen, daß es bisher nicht gelungen ist, eine allgemeingültige Definition des Kultlirbegriffes zu finden. Die Kulturphilosophie hat bis heute keine von allen anerkannte Definition geben können, ebensowenig wie die Aesthetik eine solche vom Schönen; nach den verschiedenen Gesichtspunkten, unter denen man die Kultur betrachtet, differieren auch die Anschauungen von ihrem Wesen. Vielleicht wird es aber möglich sein, durch Summierimg aller jener zutreffenden Merkmale, die man der Kultur zuschreibi und mit denen man eine erschöpfende Begriffsbestimmung gegeben zu haben glaubt, einer Definition dieses Begriffes nahezukommen. Die richtigste, wenn auch unvollkommene und den Begriffsinhalt nicht erschöpfende Definition scheint mir Friedrich Nietzsche (in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen4 ') gegeben zu haben, der unter Kultur ,,die Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäußerungen eines Volkes" versteht. Diese Auffassung sieht also das Wesen der Kultur in dem souveränen Vorherrschen eines einheitlichen Kunststiles auf allen Lebensgebieten eines Volkes. Darin besteht der Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation, die ja ebenso wie die Kultur Naturbezwingung ist, die aber entweder überhaupt keine Kunst besitzt oder nur eine vom übrigen schöpferischen Leben des Volkes isolierte und zersplitterte. Das sicherste Kriterium für die Erkenntnis einer Kultur besteht also nach Nietzsche darin, daß alle Schöpfungen des Volkes das Gepräge einer einheitlichen Kunst zeigen müssen. Eine Volkskultur in diesem Sinne luitten also z. B. nur die Hellenen in ihrer Blütezeit und die Italiener der Renaissance besessen; die Ansätze zu einer solchen Kultur ließen sich vielleicht auch im modernen Deutschland nachweisen. Als ein klassisches Beispiel eines Landes mit fast reiner Zivilisation wäre Amerika anzuführen. -- Die Definition Nietzsches schließt auch gleichzeitig die Ansicht ein, daß Kultur das Ergebnis von frei schaffenden, nur aus innerer, niemals aus äußerer Notwendigkeit schöpferischen Kräften ist, im Gegensatz zur Zivilisation, dem Produkt von Kräften, die, nur den Bedürfnissen des Alltags gehorchend, sieh ewig in dem engen Kreis der menschlichen Gebrauchsnotwendigkeiten bewegen. Allein, die Definition, wie sie Nietzche gegeben hat, scheint mir nicht ganz erschöpfend zu sein. Obwohl das Künstlerische zugleich auch das Schöpferische par e\- cellence bedeutet, gibt es doch noch eine man darf wohl sagen: höhere - Art des Aktiv-Schöpferischen, die sich ästhetischer Wertung entzieht, obwohl sie letzten Endes auch dem Künstlerischen zugerechnet werden darf; ich meine das im tiefsten, im absoluten Sinne Schöpferische, die Kraft der Wandlung und Gestaltung, welche „die Hand auf Jahrtausende drückt wie auf Wachs", welche die alten Welten stürzt und sich die neuen erbaut, deren Schöpfungen ewigen Bestand haben, weil sich ihre Spuren unverwischbar in das Antlitz der Erde graben und sie niemals ihre schöpferische, verwandelnde Kraft verlieren. Die Zeit, in der dieses Schöpferische im Volksleben seinen vollkommensten, ihm adäquaten Ausdruck findet, ist die Epoche der höchsten Kultur. Wir haben also zwei Auffassungen vom Wesen der Kultur. Die Annahme dürfte nun richtig sein, daß die-