Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316528--55831-3349660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 lassen, und sich mit Weib und Kind an den Tisch zu setzen vor einem warmen, d'ampfeinden Essen. Und war nicht ein zweiter Gast geko\nimieii, und ein kleines Drittes, die die Stube voll 'machten mit einer fröhlichen Musik? Und da Jüdel sich von solchem Glücke umgeben sah und er außerdem' ein eigenes Fuhrwesen, Wagen und Pferde sich erworben hatte, kräftigte es ihn zur Ausführung seines letzten Wunsches, den er noch vor Gott hatte. Er wollte sich ein eigenes Haus bauen, für sein Weib uind seine Kinder. Ein kleiner Fleck im Städtel hatte sich zum Kaufe gefunden, in geringen wöchentlichen Abzahlungen durch zwei Jahre hatte er es erstanden, und nun ging er daran, es sich aufzubauen. Ein gutes Fundament aus Steinen sollte es haben, und so sammelte er auf seinen Wegen alle größeren Steine, die er fand, sei es in einem Bache, wio sie einzeln gereiht als nicht mehr benützter Fußsteig dalagen, oder vom Abhänge eines Berges, wo sich manche hie und da vorfanden, oder von einem vermoosten, halbverfallenen Brunnen, wie er solche zuweilen auf abgeschiedenen Wiesen und Feldern antraf. Fuhr sein Wagen mit wenigem Gepäck, so grub er sich an einem Berge einen;Haufen Lehlm ab, und hatte er gute Ladung, so kaufte er sich in der Stadt von seinem Verdienste um einiges Geld einen Balken oder ein kleines Scheit von Schindelbrettern. \ Da nun alles beisammen war und der Frühling kam, arbeitete Jüdel a Ihn orgendlich in der Frühe vor Sonnenaufgang, bevor er mit seinem Wagen ausfuhr, an seinem Häuschen, zeichnete sich den Raum für dasselbe aus, für den Stall und für ein kleines Gärt dien, das er sich vom Platze erübrigt hatte, grub (mit dem Spaten, um das Fundament zu legen und behaute die Balken. Und so jemand vorbeikam, ein jüdischer Handwerker, der zur Werkstatt wollte, oder ein Bauer, der ins Feld ging, lud er sie gütiglidh ein mit einer Prise Tabak, einem Gläschen Schnaps, oder versprach gar, ein Bier zu zahlen und bat -sie, ihm ein Stündlein mitzuhelfen. So glaubte er es kaum, daß sein Häuschen immer mehr w uchs, und wie ein Traum erschien es ihm, als er zu Beginn1, des Herbstes auf den rohen Dachstuhl stieg, um ein Kränzlein von (grünem Reisig aufzustecken und ihm sein Weib mit dem Jüngsten an der Brust und die beiden älteren Kinder mit emporgerecktem Kopfe und lachendem Gesichte von unten entgegenblickten. Zwei Kreuzer warf er damals seinen Kindern herunter als Glückszeichen für ihr künftiges Vaterheim. Das Letzte sollte noch getan werden. Im Winter hatte das Häuschen getrocknet, vor einigen Tagen war er eingezogen und nun sollte es noch vor dem Pessachfeste mit Kalk weiß getüncht werden. Als Jüdel mit den Pferden den Berg erklommen Jiatte und zu dem jüdischen Friedhofe gelangte, wo der Weg hinunter ins Städtel führte, hielt er erschöpft Rast und spähte in das dämmerige Städtchen hinunter. Gedrückt und gehrochen, müde und gequält stand er da, und doch erfüllt von einem innerlichein gotteswunderlichen Lichte, das wie eine sanfte Linderung sein Herz still und gleichmäßig pochen machte und seine grauen, tiefen Augen mit einem Glänze erfüllte, die mit geruhigem Blicke der stumpfen Dämmerung entgegensahen. An dem neuen weißen Schindeldache glaubte er sein Häuschen zu erkennen, das klein und winzig zwischen den alten Häusern eingefriedet dalag. „Jüdel, Ihr seid es," hörte er plötzlich vom Friedhofe rufen. Er fuhr zusammen. Schmiel, der Totengräber, stand am 1 riedhofsplanken und grüßte ihm zu. „Was macht Ihr so spät bei den Toten," fragte Jüdel heiser. 403 Die geben einem immer zu schaffen/' antwortete Schmiel. „Ich mußte einige junge Bäume ausgraben, um Platz zu machen für neue Gräber. LJnd es ist schade, sie haben schon Frucht getragen. Das Feld wird immer enger," sagte er nach einem kleinen Schweigen. „Als ich heraufzog, da konnte ich noch auf dem freien Felde eine Kuh weiden lassen. Und jetzt langt es kaum für zwei Ziegen, die ich halte/' „Was für Bäume sind es," fragte Jüdel fremd. „Zwei Kirschen- und zwei Apfelbäume/' antwortete Schmiel und beugte sich suinter den Planken. „Sie tragen süße, gute Frucht. „Seht/4 sagte er, indem er sieh wieder erhob und ihm einen jungen Stamm zeigte. „Der Saft rinnt aus ihnen. Schade, daß sie verdorren müssen, aber sie standen enge beisammen und nahmen einen Platz weg, den man nicht benutzen konnte. Da habe ich sie mit den Wurzeln ausgegraben, vielleicht pflanzt sie jemand. Es ist doch eine gute Tat, das lebt doch auch." „Gebt sie mir," sagte Jüdel, „ich pflanze sie in meinen Garten. Wenn sie auf dem heiligen Orte gewachsen sind, werden sie doch kein Unglück bringen," fügte er etwas unsicher hinzu. „Ihr habt einen Garten?" fragte Schmiel und reichte ihm die Stämme hinüber. „Ein kleines Stückchen Erde bei meinem neuen Hause," antwortete Jüdel. „Kennt Ihr nicht mein Haus? Dort," wies er hinunter, „das weiße Dach hinter dem Bethause beim Ziehbrunnen. Vor einigen Tagen bin ich eingezogen. Wenn Ihr am Pessach ins Städtel hinunterkonimt, kommt zu mir auf ein Kiddusch. Die ganze Stadt ist geladen/' Der Totengräber nickte. Jüdel blickte plötzlich scheu auf die von der Dämmerung eingesponnenen grauen Leichensteine und die schaltenhaft ausgebreiteten, kahlen Zweige der Bäume. Ein heftiger Frost schüttelte ihn. „Es ist kalt," sagte er zitternd, während er zu den Pferden ging. „Die Luft ist noch giftig," antwortete Sellin iel und lächelte verlegen an den Mundwinkeln. Jüdel fuhr hinab. Ein Fieber hatte Jüdel zu Hause aufs Bett geworfen, von dem er nicht wieder aufkam. Der Doktor hafte keine Hoffnung gegeben, als er am Vortage des Pessachfestes von dem Kranken ging und es den Leuten gesagt, die vor dem Hause scheu und gedrückt dastanden und sich nach Jüdel erkundigten. Die Lungen seien fast versengt, das Herz habe zuweilen zu stocken begonnen. Man hatte draußen nach den Totenwärtern geschickt, damit im möglichen Falle der Tote noch vor den Feiertagen bestattet werde. Jüdel lag im Bette am Fenster, durch das die Nachmittagssonne in voller Flut hereinbrach. Halbaufgerichtet auf hochgelegten Kissen mit zurückgeschlagener Decke lag Jüdel, die vom Hemde freie Brust schwer auf und absenkend, mit wirrem Barte, den Kopf mit einer kleinen Samtkappe bedeckt, und blickte mit überglänzenden Augen auf die in einiger Entfernung stehenden jüdischen Männer und Frauen, die sein Weib, das händeringend und weinend sich auf das Bett Jüdels stürzen wollte, zurückhielten. „Warum richtest du nicht den Seder?" fragte er wie aus einer fremden Welt. „Ist nicht unser Haus weiß getüncht und heil?" Das älteste Kind Jüdels, klein Leibele, öffnete die Türe, drückte sich durch die Leute hindurch, schlich mit leisem Zehentritte an das Bett, und die Händchen weit zu Jüdel ausstreckend, rief es mit ausbrechender Freude: diei^elt