Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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402 DIEIaEELT: Nr. 13 aufhob und fest auf den Kopf drückte, lag" er eine Weile in gedrückter Stellung und wartete, wartete auf das Unheimliche Als er sich wieder erhob und auf die Straße emporklomm, war der Zug hinter ihm. Jüdel atmete auf und trieb die Pferde an. Wie Schläge ins Herz klangen ihm die Kirchenglocken nach und er hastete und trieb stärker an, um aus dem Dorfe in das Freie zfu kommen. Doch, da die brachen, schwarzerdigen, nur hie und da mit schmutzigem Schnee bedeckten Aecker sich vor ihm dehnten, da die bleigrauen Wolken am Himmel, zu denen er aufblickte, wie über aller Welt zu lasten schienen, ward ihm seine Brust so schwer und beklommen, als wenn Steine ihn preßten. Ein feiner Stich in den Lungen, wie mit Nadeln geführt, durchzuckte ihn. Ringsum am Horizonte zogen die ersten Schatten der Dämmerung. Die Erde schien sich zu schließen und enge zu werden wie ein Gefängnis. Jüdel begann mit stillen Lippen zu beten, wie er es oft getan hatte, auf einsamen Wegen, wenn der Abend nahte. Die Zügel der Pferde hatte er losgelassen, die Tiere gingen Schritt für Schritt. Und die Welt hellte sich ihm auf, sein Herz wurde ihm leicht und der Wind sang ihm ein irautes Lied in den Ohren, wie er es am Sabbat im Bethause gehört hatte. Und plötzlich strahlte es in ihm auf, und alles Glück und alle Seligkeit schien darin zu hangen, wie wenn der Odem Gottes ihm dieses Bild vor seine Augen gebracht hätte. Ein hell getünchtes kleines Gemach, von Kerzen -erleuchtet, mit weißen Vorhängen an den Fenstern, in seiner Heimlichkeit von aller Welt und dem Dunkel der Nacht abgeschlossen, durchduftet vom Gerüche der Speisen und dem Pessachweine. Er selber sitzend im weißen Kittel vor gedecktem Tische auf weichen, frisch üb erzöge neu Polstern und neben ihm sein Weib in weißgestärkter Jacke und Haube1 (er ein heimlicher König neben seinem Weibe), und beide in andächtiger Wonne auf das Wunder Gottes hörend, auf ihr Kind (Leibele, das älteste), das sie anschauen würde mit überirdisch glänzenden Augen, die von einer fernen Gotteswelt Kunde bringen und das sprechen würde: „Täte, ech will dech fragen *)....." Dann werde er zu lesen beginnen von dem Wunder, das Gott an den Juden getan, er würde lesen, während draußen vor der Türe einer warten und dem Sange ihres heinilichen Glückes zuhören würde, bis ihm aufgetan werde, um einzutreten und von ihrem Weine zu trinken . . . Der Prophet Elia, der einst wieder die Juden durch das Wunder Gottes durch feindliche Länder über leichte Brücken von Spinngeweben in der Luft ins gelobte Land zurückführen sollte....... Die Pferde standen plötzlich stille. Der Weg führte durch eine lange gewundene Straße den Berg hinauf, an dessen Spitze ganz in der Ferne zwischen dem Gesträuche der braunen Bäume die weißen Leichensteine eines jüdischen Friedhofes sichtbar wurden. Am Horizonte hatte sich durch die Wolken ein langer gelblicher Streifen gebrochen, ein letztes Licht verbreitend für die hereinbrechende Nacht. Von den Dächern der zerstreuten Gehöfte ringsum auf den hügeligen Aeckern stieg Rauch auf, aus den kleinen matten Fensterscheiben erstrahlte hie und da ein Licht. Wie ein letzter Ruf des Tages schollen von irgendwoher die Schläge einer Axt. Jüdel horchte eine Weile aus seiner Traumverlorenheit auf und atmete tief, als ihm mit dem Bewußtsein der dämmerhaften, undurchdringlichen Welt rings um ihn her wieder ein enges, beklemmendes Herzgefühl seine Brust einschnürte. Und wiederum stach es ihn wie mit Nadeln in den Lungen, nur heftiger, tiefer sich einbohrend. f *) Einleitung zu den bekannten „vier Fragen" der Haggadah (Mali ni seht an oh). „He,u rief er laut seinen Pfertien zu, um seinen Schmerz zu überschreien, und er faßte sie rasch und krampfhaft an den Zügeln, um mit ihnen den Wagen hinaufzubringen. „He," schrie er nochmals. Ein Hustenanfall unterbrach ihn. Als wühle in seinem Innern etwas und breche sich Bahn und reiße etwas von ihm selber mit, so schüttelte es seinen Körper und machte ihn schlaff, daß er loslassen mußte und zurücktaumelnd an der Leiterstange des Wagens sich anhielt. Als der Hustenanfall vorüber war, fühlte Jüdel einen sauren, Geschmack im Munde und eine Mattigkeit in den Gliedern. Doch konnte er freier die schauerkühle Abendluft wie eine Erfrischung in sich aufnehmen. Jüdel ging zu den Pferden, streiehielte sie und zog langsam, ganz langsam den Wagen den Blerg hinauf. . . Bei fremden Leuten hatte Jüdel gedient und an fremden Tischen stein hartes B-rot gegessen. Säcke hatte er in der Jugend geschleppt und allerlei Lasten. Des Nachts hatte er in den Ställen bei den Pferden geschlafen oder auf delm Wagen vor Wirtshäuslern an den Landstraßen. In eine Welt hatte Jüdel mit seinen grauen, demütig fragenden Augen geblickt, die dumpf war und mar von Sdhreien und Fluchen erfüllt. Nur manchmal, an stilüen Feiertagen und Sabbaten, wenn er aus dem Bethause ging, wo er ganz hinten am Eingange, von keinem befragt und besehen, in das laute Schreien der Gemeinde sein stilles Gebet hatte einfließen lassen, wenn er dann durchs Städtchen ging, müßig und einsam hinaus aufs Feld, wio die Sonne jegliches Lebendige beschien und er sich mit einbegriffen fühlte in das tausendfach Unendliche der Schöpfung, da war es eine aufkeimende hoffende Sehnsucht, die aus der Tiefe seines Herzens sich zu allem Fernen erhob, zu dem Städtchen, wo Menschen wandelten, mit denen er Worte tauschen wollte, und noch weiter zu den wundervoll rätselhaften Wolken, denen er noch Vertrauteres, Geheimnisvolleres sagen mochte. Aber diese Gefühle, auf die nur die sonnenhafte Stille antwortete, fielen ungelöst in sein Herz und beklemmten ihn. Er schloß sie in sich, daß davon niemand wußte, und auch er selber nicht in Worten. Dann kam das Wunder, das ihm die Welt aufschloß und die Quellen seines Herzens öffnete. Jüdel hatte irgendwo auf seinen Wegen ein Mädchen gefunden, eine jüdische Magd, die draußen bei einem Pächter arbeitete. Zwei helle, frohe Augen hatten ihn angeblickt und ihm die Antwort auf sein rätselhaftes Leben gegeben. Und als nun sein Blick offen wurde für das Wundervolle, von dem er bis jetzt nichts geahnt hatte, als er die lebensprühende, sehnige Gestalt sah und das nie gekannte, betörend selige Lachen vernahm, das überall von ihr zeugte, wenn sie am Brunnen den Eimer zog, oder wenn es aus der Küche des Hauses herausscholl, oder noch aus dem dunklen Stalle herausklang, wenn sie die Kuh molk, da war er eines Tages vor sie hingetreten und hatte es ihr gesagt, nicht daß hinter seinem zerrissenen Kittel ein Strom der Liebe für sie erglühe, solches hätte er in Worten nicht deuten können, er hatte ihr gesagt, daß er sie zum Weibe begehre und ob sie mit ihm zusammen durchs Leben gehen wolle. Und sie war mit ihm gegangen. Und nun hatte Jüdel einen Herd und ein Heim, freilich eine enge und dumpfe Stube, die er nicht einmal sein eigen nennen konnte. Aber schien nicht die Sonne durch die kleinen Fenster und wärmte nicht an Winterabenden das Feuer im Herde? Und war nicht ein gottgesandter, kleiner Glücksgast eingezogen, der in der Wiege lag und Jüdel mit klugen Augen anlachte, wenn er abends von seinen Wegen heimkehrte? Und wie beseligend war es, das kleine feine Dling aus der Wiege zu nehmen und mit stummem Gefühl, wie in ein Wunder blickend, sich Bart und 'Gesicht vfon dem kleinen Händchen krauen zu