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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 13 DIE3 decken." Jüdel ging zu einem Bauernwagen und raffte eiligst das Stroh. Iwan griff ihn an die Brust und stieß ihn zurück. „Jude, ist das dein, was nimmst du?" Jüdel taumelte. Die Bauern lachten. Verwirrt blickte er auf den Fluß. Große klatschende Tropfen schlugen in das Wasser. Der Kalk im Wagen brodelte und kochte. Da zuckte es in ihm auf, er riß den Mantel von sich, sprang zum Wagen und deckte ihn ein. „Jüdel," schrie das Mädchen auf, „was tut Ihr? Es ist kalt." „Laßt nur," keuchte er, „es wird nichts geschehen, dem Kalk wird nichts geschehen. Geh nur, Mädel, zum Wagen, daß die Bauern den Mantel nicht herunterreißen." Die Fähre schwankte. Ein angeschwemmter Eisklumpen zerbarst. Jüdel zog wieder die Rolle über das Tau. Zwischen seine geflickte Aermelweste und die durch einen Lederriemen festgehaltene Stiefelhose schob sich durch das Aufwärtsheben und Absenken seines Körpers ein schweißnasser Hemdenstreif. Ueber seine Stirne, das Gesicht und den windgetriebenen wirren Bart troffen der Regeii und d-er Schweiß. Das Ufer mit seinen sich beugenden und zu Boden gestreckten Weidenruten näherte sich. „Gebt, Männer, das Fährgeld," rief das Mädchen den Bauern zu, „vier Kreuzer für ein Pferd." Einige Bauern zogen aus ihrem Ledergurt den Beutel. „Gebt kein Geld," schrie Iwan auf, „den Juden geben wir kein Geld." Die Bauern steckten den Beutel -ein. Die Fähre war am Ufer. „Gebt das Geld," sagte Jüdel heiser, „gebt das Geld, bevor ich anlege. Wenn man fährt, muß man zahlen. Der Jude hat die Fähre auch nicht umsonst gepachtet. Fragt nur den Kommissar. Vier Kreuzer für ein Pferd." „Wir geben keins," gröhlten die Bauern. „Betrunkene Muschiks," schrie Jüdel auf, ,,gebt das Geld." Er stand aufgerichtet da, bleich im Gesicht, mit glühenden Augen. Die Flände zitterten. „Leg an, Jude," schrie Iwan, „leg au, sonst werfen wir dich, deinen Kalk und das Mädel ins Wasser! Wartet nur, Juden, wir werden euch geben, Schläge werden wir euch geben!" Jüdel wich zurück. Sein Körper sank zusammen und wurde schlaff. Fünf leidenschaftliche Gesichter drohten ihn an, fünf Bauern. „Sie sind betrunken," sagte er matt zum Mädchen, während er die Fähre ankoppelte und an die Pflöcke band. „Sag dem Vater, dieses Geld ist im Wasser verloren." Jüdel führte seinen Wagen ans Ufer. Die Bauern zogen nach. „Siehst du, Jude," sagte Iwan, höhnisch nachblickend. Die Bauern bogen auf die Straße um. Jüdel nahm aus der Hosentasche einige Kupfermünzen und zählte sie ab. „Hier hast du, Mädel, für die Ueberfahrt. Und für das Haus einige Stücke Kalk." Er deckte vom Wagen den Zipfel des Mantels ab. „Hier nimm sie in die Schürze. Sag deinem Vater, er soll dich nicht mehr auf den Fluß lassen, und er soll selber sich nicht allein herauswagen. Die Bauern sind jetzt vor den Feiertagen aufgehetzt." Das Mädchen wollte igehen. Jüdel hielt sie zurück. „Ja, und sage ihm, wenn er am Pessach zu uns ins Städtel beten kommt, dann soll er nach dem Beten zu mir ins Haus zu einem Weinkiddlisch kommen. Ich habe jetzt mein eigenes, neues Haus bezogen. Das ganze Städtel habe ich zu einem Weinkiddusch zu mir geladen. Der Rabbiner kommt auch. Sag ihm das. Wirst du nicht vergessen?" gELT 401 Jüdel trieb die Pferde an. Es hatte zu regnen aufgehört. Eine neblige, feuchte Kälte lagerte über der Landschaft. Jüdel kam, dem Wagen zur Seite schreitend, auf die Dorfstraße. Die Pferde zogen gesenkten Kopfes und Schweiß in den Flanken mit Mühe den Wagen, der in der aufgeweichten Erde tiefe Furchen bildete. Zu beiden Seiten der Straße lagen die Bauerngehöfte, durchnäßt, öde und trostlos. Von den engen Kaminen der Stroh- und Schindeldächer senkte sich fast bis zu Boden schwerer, heizender Rauch. Wie ein Mahn- und Klageruf au den Frühling, den die bleigrauen Wolken am Himmel vertrieben/ hatten, erscholl über die Zäune mehrfaches Hahnengeschrei. Verwahrloste, halbnackte Kinder, die in den Höfen spielten, blickten neugierig durch die durchbrochenen Bretterplanken der Einfahrtstore und riefen, dem Wagen nachschreiend, Schimpfworte zu. Die Hofhunde schlugen immer wieder an. Von dem Glockengebäude der Kirche, die über den ansteigenden Gehöften auf einem Hügel lag, begann traurig das Totenglöcklein durch die kühle, windige Luft zu schlagen. Dann setzten die zwei großen Glocken dumpf und schallend ein. Jüdel fröstelte es. Er ging zum Wagen, griff unbewußt nach dem Mantel und wiollte ihn anlegen. Plötzlich hielt er inne. Was tat er nur? Der halbfeuchte Kalk konnte ihm ja bei einem nochmaligen Regenschauer vollends verderben. Er deckte behutsam den Wagen wieder ein. Aus der Ferne erscholl vom Dorfe her ein einförmiger Trailergesang. Von der schmalen, auf die Straße sich absenkenden Dorfgasse sah Jüdel hochgetragene, im Winde flatternde Heiligenbilder, bläuliche Kcrzenlaternen, die entblößten Köpfe der sich drängenden Bauern und die weißlichen Tücher der Bäuerinnen. Jüdel trieb den Wagen zur Seite und wartete auf den Begräbniszug, der eben auf die Straße trat und an ihm vorüber mußte. Dem Zuge schritt der Pope voran, einen Regenschirm in der Hand, in einem roten vom Winde geblähten Talar. Hinter ihm ging der Kirchensänger, gesenkten Flauptes, auf einen Stock gestützt, und sang gleichsam in den Boden hinein den einförmigen Gesang. Ihnen folgten zu beiden Seiten, entblößten Hauptes, eine Reihe einzelner Bauern, die Heiligenbilder, Kerzen, bunte Glaslaternen vor sich hertrugen. Ein ins Joch, gespanntes Ochsenpaar schleppte den Leiterwagen, auf dem der mit Kreu/cn buntbemalte Sarg lag. Die Bäuerinnen, die hinter dem Wagen hergingen, sangen in klagendem Tone: „Dein Haus ist verwaist, dein Feld und der Garten. Wer wird es bestellen? Das Pferd im Stalle trauert nach dir und die Kuh an der Krippe. Der Humd im Hofe weint nach seinem Herrn." Jüdel stand hinter dem Wagen am Schauzgraben der Straße und blickte auf die Bauern, die ohne Ende aus der engen Dorfgasse auf die Straße sich drängten. Ein stilles Gefühl der Verlassenheit und der Angst beschlieh ihn, als er den großen fremden Zug erbgessener Bauern mit ihren grellen Heiligenbildern und dem bunten Leichenpomp gegen sich herankommen sah. Der Boden, auf dem er stand, war ihm unsicher und fremd. Der Kirchensänger hatte zu singen aufgehört. Der Pope ging ernst und breitspurig vorüber. „Jude, nimm den Flut ab," hörte plötzlich Jüdel vor sich. Der Kirchensänger stand vor ihm am Wagen, hielt den Stock erhoben und schlug ihm über den Wagen auf den Kopf. Der Hut fiel in den Schauzgraben, Jüdel schwankte, rutschte nach, als wenn der feste Halt für ihn verloren wäre. Ihm war, als müßte dieser ganze Zug über ihn herfallen, mit seinen Kreuzen und Bildern, und als müßten sie ihn erschlagen. Während er den kotbeschmutzten Hut von der Erde

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