Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Schriebe ich diese Worte für irgendein Volk auf der Welt, der einfältigste Bauer würde mich auslachen, wie ich da offene Türen einrenne und platte Selbstverständlichkeiten breitspurig auseinandersetze. Jeder Serbe oder Kutzowallache würde mir ins Gesicht lachen, daß ich ihn 'erst lehre, sich und seinen Stamm als Selbstzweck zu empfinden. Er hat diese Empfindung im Blute. Er könnte gar nicht anders empfinden, wenn man ihm auch ein anderes Lebensgefühl beibringen wollte. Wenn ich aber vor Juden, von Juden und zu Juden diesen einfachen und selbstverständlichen Gedanken auseinandersetze, so habe ich damit einen Kern einer neuen Weltanschauumg, einer neuen Lebensempfindung herausgeschält. Ist es etwa nicht so? Bedenken wir nur: Seit Josephus Flavius bis zum letzten Schreiberlein unserer Tage ist alles, was mit dem entsetzlichen Worte „Apologetik" bezeichnet wird, auf diesen Grundton abgestimmt: Laßt uns leben, denn wir bringen euch Nutzen. Wir haben der Menschheit dies und jenes gegeben, also haben wir ein Recht auf Leben, oder doch auf Duldung, wie die Ganzbescheidenen sagen. Oder gar: Seht, wir können dies und das, wir werden euch den und jenen Nutzen bringen, also laßt uns leben. „Ach, laßt mich herein, ich kann euch nützlich sein, ich bin fähig zu All-Ding, zum Lernen ein Mojach, zum Arbeiten ein Kojach, zum Handeln ein ganz kluger Jüng!" — so sang der Jargondic'hter Abraham Goldfaden. Das ist der Tenor aller „Verteidigung1* und aller Begründung der Existenzberechtigung. So spricht aber nur ein Knecht, der sich verdingen will; der zählt mit geübter Zungengeläufigkeit alle seine Fähigkeiten und Fertigkeiten auf, die ihn für den Dienst empfehlen sollen. Wer eine Spur von Menschenwürde, von Gefühl seines Selbstzwecks in sich trägt, der hat diese Zungenfertigkeit nicht. Sicherlich hat auch der aufrechte, selbstbewußte Mensch — und dieser erst recht! — manchmal das Bedürfnis, über sein Können und Leisten Bilanz zu machen und er tut es auch manchmal. Aber nur für sich. Er trägt das nicht mit sich herum wie ein gutes Zeugnis, immer bereit, es jedem, der es sehen will oder nicht wall, zu zeigen. Wir Juden haben das leider — ach, wie häufig! — getan. Das war und ist der beschämendste und erschütterndste Ausdruck unserer Golus-Versklavung. Wir haben es verlernt, uns als Selbstzweck zu empfinden und leiten unser Recht auf Leben ab von den Diensten, die wir den anderen geleistet haben, noch leisten oder zu leisten versprechen. So die Juden über sich und von sich selbst. Und die anderen? Die, Freunde? Die Verteidiger? Jeden Ausbruch des Hasses vertrage ich leichter als die Freundlichkeiten unserer „Freunde." Sie billigen sich selbst, im Grunde genommen, Milderungsumstände zu, wenn sie in ihrer geradezu demütigenden Art unsere Existenzberechtigung anerkennen. Sie sehen nicht uns, sie sehen nur unsere Brauchbarkeit, sie denken nicht an uns, sie denken nur an unsere Nützlichkeit, sie anerkennen nicht uns als Selbstzweck, sie anerkennen uns bloß als Mittel. Und das Betrübende und Beschämende an der Sache ist, daß wir himmelhoch jauchzen über solche „Anerkennung". Jedes Volk trägt seine Existenzberechtigung in sich, wir aber nur in unserer Nützlichkeit — für andere. Das Golus hat uns so sehr abgestumpft, daß wir nicht einmal fühlen, wie tief uns das degradiert, wie weit außerhalb jeder Menschen- und Volkswürde uns dieses „Leben für andere" stellt. Wir fühlen das gar nicht. Jetzt fühlen wir es schon. Wir fangen schon an, es zu fühlen. Das ist ein tiefster Kern der zionistischen Gesinnung, des zionistischen Lebensgefühls: das jüdische Vo)lk — ein Selbstzweck! Niemand hat ein volleres, lebendigeres und stolzeres Bewußtsein von dem, was das jüdische Volk der Menschheit gegeben hat, als war. Aber wir wissen zugleich, daß wir nicht als Lohn dien er der Menschheit gearbeitet haben. Was in uns lag, das haben wir gegeben, weil das unsere geschichtliche Bestimmung, unser ethischer Wille, unser „kategorischer Imperativ" war. Und gibt es so etwas wie eine Mission der Völker, das heißt: eine a priori bestimm- und erkennbare Einzelaufgabe im Dienste der Gesamtentwicklung, - nun, dann wrollen wir mit ganzer Seele unsere Mission erfüllen, jetzt und in aller Zukunft. Aber wieder nicht als Lohndiener oder zur Begründung unseres Rechts auf Leben. Man soll uns als Menschen, als vollwertige Menschengruppe behandeln. Wem unsere Eigenart, die uns die Natur gegeben, nicht gefällt, der mag uns kritisieren, schelten, hassen. Wem sie gefällt, der mag uns anerkennen, lieben, loben. Aber man soll und darf uns nicht unser natürliches, unangreifbares, weil selbstzweckliches Rechtauf Dasein absprechen, wenn und wofern unsere Dienste nicht gefallen. Und man darf und soll uns nicht mit gnädiglicher Herablassung wie einen folgsamen und nützlichen Bedienten streicheln, wenn wir guten Dienst getan. Wir haben es satt, als Mittel und bloß als Mittel behandelt zu werden. Wir wollen als Selbstzweck gelten. Warum? Immanuel Kant hat es gelehrt und begründet: „Er (der Mensch und wir fügen hinzu: das Volk) ist nämlich das Subjekt des moralischen Gesetzes, welches heilig ist, vermöge der Autonomie seiner Freiheit," Jawohl. Das jüdische Volk soll sich wieder einmal als das Subjekt aller seiner ihm innewohnenden moralischen und intellektuellen Kräfte fühlen und das allein ethische Bewußtsein der Autonomie seines Willens, der sittlichen Freiheit seiner Selbstbestimmung in sich erwecken. Das fehlt uns ganz. Daher kam es, daß häufig die Besten unter uns, wenn sie strebten, suchten, forschten, schufen, keine natürliche Haltung hatten und keine instinktsicheren Bewegungen. Sie wußten sich unter einer Art von Polizeiaufsicht und waren beherrscht von der bangen Sorge, ob sie wohl auch die Zufriedenheit des Herrn ernten werden. Diese natürliche Haltung und die Instinktsicherheit der Bewegungen will der Zionismus dem Juden wieder erringen. Indem der Zionismus den Juden Volksbewußtsein, Volksstolz und Volkswohl lehrt, lehrt er ihn den kategorischen Imperativ: Handle so, daß du, und in dir dein Volk, nicht bloß als Mittel, sondern auch als Selbstzweck geachtet und gewertet wirst!