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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Sederpokale aus der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem. Jüdel Erzählung von Richard Feuerstein. Ueber den Fluß riefen die Bauern. Am anderen Ufer, hart am braunen Gestrüppe der jungen Weiden, schaukelte die verlassene Fähre zwischen zwei Pflöcken, die aus dem g-elben angeschwellten Wasser ragten. Nichts antwortete. Der Wind ging wie ein Schauer durch das schwarze Pechtau, das von einem Ufer zum anderen reichte. Nur manchmal schlugen die Eisschollen an das Plankenwerk und barsten. Dann aber kam es wie hergeweht, tief aus dem Gestrüppe, dorther, wo die sichtbaren Giebel des Dorfes begannen. „Man ko —mint scho—nlu Die Bauern stiegen von ihren kleinen dürftigen Wagen und warteten. Petro schlug seufzend mit der Peitsche ins gelbe Wasser, das immer weiter Schutt und Sand anleckte. „Es wird heute noch regnen," sagte Iwan. „Wie lange tanzt noch die Wettermutter, Iwan?'4' fragte Petro und deutete auf die Wolken, hinter denen das letzte Blau des Himmels verschwand. „Bis über die Fasten wechselt sie ihre Winterpelze. Am ersten Feiertage trägt sie dann ihr grünes Sommerkleid. Dann scheint die Sonne warm, ja Petro, und dann beginnt die Feldarbeit. Wenn Gott nur ein gutes Jahr schenkt/' „Ein gutes Jahr hilft nicht/' seufzte Petro und spuckte ■uif den Schutt. „Der Kommissar nimmt, alles nimmt, und Moschko pfändet auch. Voriges Jahr hat er mir drei Säcke Korn, die ich zur Mühle führen wollte, genommen und ein junges Kalb." „Moschko? Warum hat er dich gepfändet?" „Für Mehl und Schnaps, den ich im Frühjahr für die Feiertage geborgt habe. Und heute habe ich wieder geborgt. Mehl und Schnaps muH man doch für die Feiertage haben. Und nur der Moschko borgt es.kl „Diesmal wirst du ihm nicht bezahlen,'*' sagte Iwan, indem er an Petro näher herantrat. „Weißt du's nicht? Es steht schon gedruckt in der Zeitung und der Pope hat es letzten Sonntag in der Kirche gepredigt. Viele wissen's schon in den Dörfern. Die Juden werden diese Ostern atis dem Lande vertrieben. Alle. Und was sie zurücklassen, gehört uns. Die Häuser, die Gärten, die Schenken, der Schnaps. Das Geld dürfen wir ihnen aus den Taschen nehmen, der Pope hat's gesagt. Die Juden sind schuld, daß wir arm sind. Das weiß selbst der Kaiser, und da ist ein Brief gekommen, wir dürfen die Juden vertreiben. Und drin steht noch: für die hohen Zinsen, die sie uns nehmen, das viele Geld, das Getreide und das Vieh, sollen wir ihnen Schläge geben, so viel wir können. . Das s-ollen die Zinsen sein. Ja, so wie es die Bauern in den russischen Dörfern gemacht, haben. Alles haben sie den Juden dort genommen.4' Iwan wies mit dem Finger über den Fluß auf die weite von der Wintersaat grün gestreifte Ebene, die sich in leichten Anhöhen in den Horizont verlor. Mit glänzenden Augen blickte er dann siegesgewiß auf die vier Bauern, die, auf ihre Peitschenstöcke gestützt, mit offenem Munde und mit Augen, die zu flackern begannen, zuhörten. > V

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