Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 DIE] genügt es für uns nicht, an die Kultur unserer Urzeit, an ihre Werke und Werte, an ihre Denk- und Lebensformen anzuknüpfen; wir müssen zu den Müttern hinabsteigen, wir müssen hinabsteigen zu den Gewalten, die all das, Werke und Werte und Formen, geboren haben. Wrir müssen zu unserem Lande gehen, daß es uns segne; daß es sich segne. Machen wir das Schwere nicht leicht und das Große nicht klein, daß es uns nicht verwerfe! Vermeinen wir nicht, es sei genug, aus dem äußeren Oaluth hinauszukommen! Was uns mehr als alles nottut, ist dies, daß wir uns von dem inneren Oaluth reinigen: daß wir von uns abtun all den Staub und Schmutz der Wanderschaft, all das Trübe und Grelle, all das Krumme und Formlose, all das Lüsterne und Unheilige, das die Geschlechter der Verzweiflung in unsere [[ELT Nr. 13 Seele geworfen haben. Diese innere Befreiung vom Galuth aber, muß sie auch, damit die Erneuerung anhebe, von dem Einzelnen mit aller Kraft für sich angestrebt werden, für das Volk muß sie hier Stückwerk bleiben: für das Volk kann sie nur an einem Orte der Erde gelingen, an dem Orte, wo einst das, was dann getrübt und verbogen und entheiligt wurde, in Reinheit und Geradheit und Weihe erstanden ist. Dort erst können wir wahrhaft zu uns selbst kommen. Hier sind wir ein Keil, den Asien in Europas Gefüge trieb, ein Ding der Gärung und der Ruhestörung. Kehren wir in Asiens Schoß, in die große Völkerwiege, die auch die große Götterwiege war, zurück und wir kehren zum Sinn unseres Daseins zurück: dem Göttlichen zu dienen, das Göttliche zu erleben, im Göttlichen zu sein. Martin Buber. Selbstzweck Von Dr. O. Thon Das Postulat: „Vi vre pour autrui", zu leben für den andern, mit dem Auguste Comte das altbiblische und urjüdische: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zu überbieten und zu übertönen suchte, ist zweifellos an sich eine sehr hohe ethische Stimmlage. Die recht bedenkliche psychologische Uebertreibung und Ueberspannung darf ihm füglich nachgesehen werden, da es sich ja um ein höchstes Ideal handelt, das nicht unmittelbar der Verwirklichung entgegengeführt werden muß und soll. Ueberdies darf nicht übersehen werden, daß es in der Wirklichkeit, freilich nur sehr selten, einzelne, wenn auch ganz wenige, Exemplare der Gattung „Mensch" gegeben hat und gibt, die in der Tat diesem ethischen Postulat stark nahekommen, und ganz besonders, daß es in jedem Einzelleben Höhenstimmungen gibt oder doch geben kann, in denen fast jeder Mensch die Kraft und den Mut hat, sein Leben für einen andern, oder für eine Gesamtheit von „anderen" hinzuopfern. Ja, noch mehr. Der Altruismus bis zu seiner weitesten Spannung ist im Grunde genommen der eigentliche Inhalt jedes ethischen Lebens. Wo er nicht vorhanden ist, da sprechen wir schon, aus unmittelbarem Instinkt oder aus reflektierter Ueberlegung, von moralischer Verkommenheit oder gar von Verbrechertum. Jeder ethische Mensch lebt für andere, oder für anderes, für Zwecke und Interessen, die außerhalb und jenseits seines eigenen Wohlbefindens liegen. Aber ist das Leben für andere auch dann noch von ethischem Werte, wenn es erzwungen wird? Nein, in diesem Falle ist es bloß Sklaverei, Knechtung. Ganz gleich, ob der Zwang unmittelbar durch die Knute oder irgendwie mittelbar ausgeübt wird. Altruismus in allen seinen Intensitätsgraden ist nur dann eine Kategorie der Sittlichkeit, wenn er ein frei gewollter Akt, ein eigenerlebter Willensentschluß ist. Wäre es anders, dann könnte man in der Tat den Sklaven, der doch wirklich restlos für den andern lebt und keine Art von Eigenexistenz hat, für einen vollkommenen Heiligen halten. Und doch steht der Sklave, wenn er von Natu r, sozusagen: p h y s e i, Sklave ist, in der ethischen Wertung am tiefsten. Nicht die Tatsache des Dienstes, der geleistet wird, bestimmt den Wert, sondern das bewußte sittliche Wollen, das einerseits nicht erzwungen wurde, andererseits nicht auf irgendwie gearteten Lohn ausgeht. So in subjektiver Beziehung. In objektiver Beziehung muß folgendes bemerkt werden: Man darf wohl den Grad und die Intensität des Altruismus, sozusagen des Lebens für andere, als Wertmesser für die moralische Qualität eines Menschen benützen, aber man darf einen Menschen nicht bloß nach dem Maß der Dienste schätzen, die er einem andern, oder vielen anderen leistet. Immanuel Kant hat es gelehrt: „In der ganzen Schöpfung kann alles, was man will und worüber man etwas vermag, auch bloß als Mittel gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige Geschöpf, ist Zweck an sich s e 1 b s t." Wenn man einen Menschen damit lobt, daß er so und soviel Gewicht- oder Maßeinheiten Nützlichkeit wiegt oder mißt, so hat man ihn seiner Menschenwürde, das heißt: seines inneren Eigenwertes, seines Selbstweckzs beraubt und ihn zu einer Sache, zu einem Gebrauchsgegenstand herabgedrückt. Und wehe dem Menschen, der seine Existenzberechtigung von der Nützlichkeit ableitet, die er für andere aufweist und bloß mit den Diensten begründet, die er anderen leistet. So verhält es sich mit Individuen und genau so auch mit Völkerindividualitäten. Das Volk ist zum Paria degradiert, dem man die Existenz nur dann gestattet oder verzeiht, wenn es sich legitimiert, daß es andern Völkern nützlich sein kann. Das Volk ist innerlich versklavt, das sich nicht als Selbstzweck empfindet und als solcher um Geltung und Anerkennung kämpft, sondern jeden Augenblick bereit ist, die großen Dienste aufzuzählen, die es anderen geleistet, um so seine Existenzberechtigung zu beweisen. Gewiß dient jedes Kulturvolk der Gesamtheit, und ebenso gewiß ist es, daß jedes Kulturvolk seine ganze Kraft bis zur äußersten Grenze anspannen muß, um der Gesamtheit das Höchste und Weiteste an Diensten zu leisten. Aber nur als Akt freien Willens, als Entschluß hohen ethischen Wollens, aus volksstolzem Ehrgeiz heraus, aus dem Bewußtsein seiner historischen Bestimmtheit und Bestimmung heraus, und nicht um das Recht auf Leben oder gar auf Duldung zu erwirken. Man darf kein Volk bloß als Mittel betrachten und werten, sondern als Selbstzweck. Und kein Volk darf sich selbst als Mittel empfinden, sondern als Selbstzweck.