Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 DIEÄELT: Nr. 13 sind, deren Prunkgebäude längst von der Erde verschwunden sind.'Der Turm Davids, in seinem untern Teile noch heute von alten zionischen Steinen getragen, die ohne Mörtel und Bindemittel aufeinander getürmt sind, und die Jahrtausende der Zerstörung überdauert haben, weil sie in ihrer schweren Masse unzerstörbar übereinander liegen, läßt ihn den alten Baustil erkennen, und ohne daß er beliebig kombiniert und konstruiert, weiß er uns in diesem gewaltigen Mauerwerk den Eindruck der ky klonischen Kraft ihres ersten Erbauers hervorzurufen. Wenn er uns in das Tal Jehoschafat hinunterführt, wo die Orabmäler aus uralter jüdischer Königszeit die Wege in die jüdischen Katakomben weisen, läßt er davidische Herrlichkeit in uns aufleben. Wir fühlen die große Zeit über uns schweben, die den Steinberg abgrub, um aus dem gewachsenen Felsen in einem einzigen Stein den Turm herzustellen, der den Namen des schönsten Sohnes des Helden- und Dichterkönigs den spätesten Zeiten verkündigt. Das ist jene Epoche, in der man auf der anderen Seite des Tales in gleicher Weise den Berg abbrach, so daß der charakteristische Turm allein stehen blieb, der auf einem breiten Würfel die Pyramide trägt. Und die gleiche kvklopische Heldenzeit des hebräisch-judäischen Stammes höhlte den Felsenberg aus und ließ durch die hohen Säulen am Berghange die Gräber der Propheten auf die Stadt schauen, in der die gewaltigen Reden dieser größten und gewaltigsten Redner aller Zeiten das Volk und die Könige aufriefen, für Volk und Sittlichkeit zu kämpfen. Aber das Gräberfeld, das ihn die Hoheit der erhabenen Geschichte Israels fühlen läßt, ist nur dadurch lebendig, daß ein einziger Zusammenhang zwischen diesen Gräbern besteht und jenem Friedhof, den oben auf der Bergeshöhe zur Bestattung ihrer Toten die Nachkommen des vertriebenen Judenstammes benutzen, die sich wieder im Lande der Väter und in der durch die Geschichte heiligen Stadt niedergelassen haben. Aber das junge Leben, das in dem Lande zum Lichte der milden und doch heißen Sonne emporringt, kommt in den jungen Palmen zum Ausdruck, die hoffnungsvoll auf das wuchernde Gestrüpp der Berberfeigen tragenden Kaktusheeken herabblicken. Und die hebräische Sprache, die überall und allerorten von ihrem Scheintod zu neuem Leben erwacht ist, seitdem der erwachende jüdische Volksgeist das schlummernde Dornröschenland durch den glühenden Liebeskuß aus mehrtausendjährigem Schlummer zu neuem Leben erweckt hat, diese Sprache, die allein das Gefäß ist, in dem jüdischer Geist seine Eigenart in der ihm angemessenen Form findet, hat in ihren lapidaren Schriftzügen Liliens illustrative Kunst beeinflußt und befruchtet. Wenn nun aber das Land Israel die Heimat des jüdischen Volkes ist, faßbar und greifbar, so gibt es auch eine ideelle Heimat unseres Stammes, und das ist die uralte Litteratur, in die sich die geistigen Züge eingegraben haben, die um die Stirne unseres jugendkräftigen Volkes wehten, als es in das Land Kena'an seinen Einzug hielt, und als es hier die Heldentaten eines Jehoschü'a und Gide'on, eines Schaül und Jehonatan und David in heldenhaftem Kampfe begleitete. Die geringen Reste, die von der ältesten Litteratur gerettet sind, wie ein Holzscheit aus dem Brande des flammenden Tempels, haben die Welt geistig umgestaltet und sind noch heute und für alle Zeiten die geistige Heimat des Jüdischen Volkes. Die Bibel mit ihrer stillen Größe, deren Stil in nichts abweicht von der lapidaren Schrift, in der die Grundmauern des Davidsturms und die Tempelmauer ihren Namenszug für alle Zukunft dem Lande Israels eingegraben haben, ist wie das Land selbst der [mächtigste Faktor in der künstlerischen Entwicklung unseres Lilien geworden. Das Land Israel und die hebräische Bibel, die leibliche und die geistige Heimat Jehudas, beide durch die hebräische Sprache innig verbunden, sind immer die Wurzeln unserer Kraft gewesen und werden es immer bleiben. Indem Lilien seine Kunst in das Land Israel führte, indem er der Bibel die Geheimnisse ablauschte, wuchs er empor aus diesen Wurzeln jüdischer Kraft, und steht fest da, wie der uralte Turm, der seinem Griffel die Auferstehung verdankt. Es mutet uns an wie ein Bild aus der Jugendzeit, wenn wir an dem Brunnen stehen, der auf dem Tempelplatz aus salomonischer Zeit stehen geblieben, ein Bild aus den Jugendtagen unseres Volkes, wo fröhliche Scharen hinaufzogen gen Jeruschalajim, um auf Moriah Peßach, das Geburtsfest unserer Freiheit zu feiern. Und wir träumen uns in die Jugend unseres Volkes zurück und erkennen, daß dieses Peßach Mizrajim erst den vollen Wert für uns erhält, wenn wir verstehen, daß dereinst ein Peßach le-'atid, ein Geburtsfest jüdischer Freiheit der Zukunft folgen soll und wird. Lilien malt uns das Heimatland unseres Volkes, wie es ist und wie es war, und läßt uns ahnen, wie es sein wird: Ein Land der Juden. Wie die uralten Quadersteine aus ältester Zeit, so haben sich die Typen der Juden gehalten. Sie sind auch solche historischen Steine. Diese Judenköpfe, die uns der Künstler Lilien vorführt, sind seinen Studien in Orient und Okzident entsprossen. Man hat uns ja oft genug vorgewimmert,, es gäbe keine jüdische Rasse und keinen jüdischen Typus. Unsere Berufung auf den Spiegel ist bei unseren Gegnern oft genug ohne Widerhall geblieben, weil das Spieglein an der Wand von den Bergen gegenüber diesen Zwergen lieber schwieg. Aber Lilien malt seine Judenköpfe nach der Natur und nach seinem starken Sehen. Das ist jüdische Rasse, das sind jüdische Typen; nicht bloß diese vergrämten galizischen Juden, sondern die mächtigen Judenköpfe aus Buchara und Jemen, aus Marokko und dem Somaliland. Die ruhen auf starken Nacken und gemahnen ernst an die alten Quadern und ihre Erbauer. Daß er den schönsten Judentypus der jüngsten Zeit, Theodor Herzl oft zum Motiv nahm, für seinen Mosche ganz besonders, kann bei dem durchaus jüdischen Künstler nicht Wunder nehmen, und es kommt uns beinahe selbstverständlich vor, daß er unbewußt seinem Jehoschü'a Züge von Wolffsohn verlieh. Die starken Juden des Orients, die er in der Heimat des Volkes Israel kennen lernte, sind selbst Quadersteine aus der Zeit der alten ungebrochenen Volkskraft, überkommen auf unsere Tage, und bilden ein kyklopisches Fundament unseres Zukunftsbaues. Wuschen sie, und wir wissen, es gibt eine jüdische Rasse, und es gibt jüdische Typen, die in ihrer Mannigfaltigkeit zugleich die Vielgestaltigkeit dieser lebensvollen Rasse und ihre unzerstörbare Einheit zeigen. Und wie es einen physischen Judentypus gibt, so auch einen geistigen. Man reist ja herum, und hält Vorträge über jüdische Kunst und jüdische Künstler, um zu beweisen, daß es keine jüdische Kunst gibt und auch nicht geben kann. Aber der jüdische Künstler existiert trotz alledem, und Lilien zeigt, je mehr er vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Nationalen zum Allgemeinmenschlichen emporsteigt, daß er ein echt jüdischer KünsUer ist