Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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388 mit in den Kauf zu nehmen; man ist Jude aus Gewohnheit, wobei man zuweilen auch christliehe Wohltätigkeitsausübungen den jüdischen vorzieht. . . . Hier war Mandelstamm mit dem anheimelnden Zauber seiner goldenen Laune, mit seinem offenen, wahrhaftigen und rücksichtslosen Wesen, der gefürchtete und zugleich auch der geliebte Strafprediger. Ihm standen alle Türen und alle Herzen offen. Der Lauterkeit seines Charakters und einer seltenen vornehmen Liebenswürdigkeit verdankte er es, daß seiner Person das uneingeschränkteste Vertrauen und die volle Sympathie nicht nur von allen Bevölkerungskreisen und von allen Parteien, sondern auch von der „Haute-Finance" entgegengebracht wurde. Wie leicht konnte dieser erstklassige, berühmte und vielbeschäftigte Arzt in der Millionärenstadt, deren Aufschwung er miterlebt und bei dem er mitgewirkt hatte, Millionär werden. Aber nichts lag ihm ferner als dieses Ziel. Freilich war er ein vermögender Mann geworden, aber seine Wohltätigkeit war größer als sein Vermögen. Die Zahl der Hilfsbedürftigen aus allen Berufsständen, die sich in schwerer Not an ihn wandten und wohl nie ohne Rat und Tat sein Haus verließen, war ungemein groß; deshalb konnte er auch auf die anderen nach dieser Richtung wirken. Die Pogromzeit brach herein, und schwere Gewitterwolken lagerten sich über die Juden Rußlands, besonders in jener Provinz, in der Mandelstamm seinen Wohnsitz und seinen Wirkungskreis hatte. Die Meute blutgieriger Schakale in Menschengestalt war gegen das wehrlose Volk losgelassen worden, und das jüdische Martyrium der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fand nur wenige tatkräftige, einflußreiche Führer und Philanthropen, die sich bemüht haben, die Wunden zu heilen und die Not zu lindern. Unter diesen wenigen sehen wir Mandelstamm in hervorragender Stellung. Er war einer der weitsichtigsten und zielbewußtesten, der wackersten und erfahrensten Wegweiser zur Zeit jener furchtbaren Krise. Die Geschichte jener Zeit harrt noch ihres Historikers, richtiger die Hölle jener Zeit ihres Dante. Es wurde viel gelitten und viel gearbeitet; tausend Zusammenkünfte, Konferenzen, Beratungen, eine endlose Korrespondenz und zahlreiche Projekte beschäftigen uns alle, die in jener Zeit nicht nur mitgelebt, sondern auch mitgewirkt haben. Damals habe ich Mandelstamm kennen gelernt. Von seiner Persönlichkeit ging schon damals eine eigentümliche Anziehungskraft aus: er war ein Bild zusammengefaßter Kraft, der Denker blickte aus den Augen, von der mächtigen Stirn, er war aber auch voller Kontraste. Das war eben das Schönste an ihm. Jede hervorragende Menschennatur ist im letzten Grunde nur durch die Widersprüche interessant, welche sie in sich faßt, und die Art, wie die Widersprüche sich zu einander verhalten, wie sie einander bekämpfen, ausgleichen, aufheben, ist das Zeichen ihrer Originalität. Mandelstamm war ein Zagorver Kind, im Ghetto geboren; ein Naturwissenschaftler, der in die medizinische Praxis ging, ein Westeuropäer, der im heiligen russischen Kiew lebte, ein volkstümlicher Jude aus einer vollständig assimilierten Familie usw. Das Zagoryer Kind war naiv und schaute mit großen neugierigen Augen in die Welt hinein; aber es war ein jüdisches Kind, dem die Einfalt nicht bedingungslos von der Vorsehung verliehen war. Die Naivetät lief immer wieder der Reflexion in die Arme, und andererseits wurde die Reflexion von einem angeborenen Pathos belebt. Mandelstamm stand damals schon dem Chibbnth- Nr. 13 Zion sehr freundlich gegenüber, aber das war etwas Unbestimmtes und Schattenhaftes; es fehlte noch die Form, das Programm. Der Frühling kam: der neue Zionismus. Mandelstamm tastete seinen Pfad; es dauerte nicht lange, und er fand ihn. Er kam zum Kongreß, und was er für uns im Zionismus gewesen ist, das ist in unserem Geiste noch ganz lebendig. Er war eine unserer liebenswürdigsten, geistreichsten Persönlichkeiten, eine unserer bekanntesten und ausgeprägtesten Physiognomien. Um nur vom ästhetischen Standpunkte zu sprechen, war der patriarchalische Kopf Mandelstamms neben den verschiedenen jüdischen Renaissance-Köpfen der Kongreß-Tribüne einer der schönsten und mächtigsten in jenem imposanten Gesamtbilde der ersten so wunderschönen zionistischen Periode der Offenbarung und der herrlichen Welt-Demonstration. Es war aber nicht nur ein Schaustück, nicht nur dekorative Schönheit Mandelstamm war auch einer unserer würdigsten, hochherzigsten und beredtesten Vertreter. Er war ein leuchtendes Beispiel rastlosen Fleißes und treuer Pflichterfüllung während der zionistischen Arbeit. Er beteiligte sich nicht nur an allen Tagungen, er arbeitete auch in der russischen Landsmannschaft in weitsichtigster und zielbewußter Weise; ein Patriarch war er unter uns, ein Patriarch, der wie ein Kind an Herzl hing. Sein Begeisterungsvermögen war enorm, seine Beredtsamkeit unerschöpflich, es war ein fortwährendes Aufquellen und Aufschäumen in seinem Geiste. Er erzählte so lieb und treuherzig, er war im ganzen eine so eigenartige, von hohem Idealismus beseelte Erscheinung, daß er überall, auch ohne es zu wollen, wirken mußte. Es kam der Riß wegen des Uganda-Projekts. Mandelstamm wurde Territorialist. Es konnte nicht anders sein. Man muß die Menschen so nehmen, wie sie in der Mitte ihrer Zeit und aller bestimmenden Umstände sein können. Vielleicht kommt man der rechten Auffassung von Mandelstamms Wesen am nächsten, wenn man in ihm die volkstümlichste Vollnatur, die mit der Entwicklung der russisCh-jüdischen Intelligenz in den letzten vier Jahrzehnten verwachsen ist, sieht. Er war unser volkstümlichster Führer, nicht etwa im Sinne der Volkstümlichkeit, die oberflächlich und volksschmeichlerisch den Schaum der momentanen Begeisterung abschöpft, sondern in der vollen Hingabe an Werden, Erreichen und Hoffen des Volkes, in der Liebe, die dem Leiden nachgeht, an die Quelle der Not herangeht, die keinen Irrtum und keine Schwäche verheimlicht und an keiner Freude am Erreichten sich über drängende Forderungen und Aufgaben hinwegtäuscht, in jener von Herzen aus strömenden Tendenz, die, menschlich und volkstümlich, uns den verklärenden Glanz und das aufzuhellende Dunkel vor Augen führt und die im Triumphgefühl der nationalen Hoheit den Notschrei der Armen nicht überhört. Dieses Nichtüberhörenkönnen war der tiefere Grund des Mandelstammschen Territorialismus. Er dachte und fühlte groß. Ein fordernder Zug der Größe ging schon durch seine Jugendträume, und seine Liebe zum Volke hatte allezeit eine warnende und mahnende Kraft, die gegen innere und äußere Hemmnisse anstürmte und örtlich in die Weite der Entwicklung hinauswies. In die Weite, aber nicht in die Tiefe; dazu war er zu wenig Renaissance-Hebräer. Man konnte das von ihm gar nicht verlangen. Er konnte sich nicht, wie unsereiner, in das große, farbenreiche Geschichtsbild nationaler Erlösung