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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 DIEX&ELT 389 vertiefen und in den Lebenskampf der jüdischen Kultursecle versenken. Der Arzt, der Philanthrop, der Humanist war in ihm stärker, als der National-Intellektuelle. Er ühlte sich mehr den physischen Leiden des Volkes verwandt. Er vermochte es nicht, die verzweigten Konflikte an der historischen Wurzel zu fassen, und im Gewirre ier Golus-Bewegung den Kern der Tragik festzuhalten. Er iiatte einmal das Feuer des Prometheus in der Hand, aber lt behielt es nicht, weil er zu gut, zu impulsiv, zu sehr Herz-Mensch und Gegenwartsbeobachter war. Es handelte sich um die Grenzen zwischen den zwei Gruppen der Nationalhistoriker und Kulturellen und der Volkshilfe; hüben der Zionismus, Palästina, der Hebraismus, die Wiedergeburt, drüben die Linderung der Not. Die Grenzen dazwischen aber sind besonderer Natur. Nicht etwa wie /. B. jene zwischen Zukunfts- und Gegenwartsprogramm, m die sicfi die Idee, die stets aus eigenem Rechte ihre Wege geht, niemals binden muß. Diesmal sind es Grenzen im Sinne einer imperativen Sonderung. Das Denken achtet ihrer, oder es zerschneidet die Wurzeln seiner Gültigkeit. Diese Scheidung ist: für uns National-Intellektuelle etwas längst Konstatiertes, sie wird seit langem verfochten, im Dienste und im Geiste einer Selbsterkenntnis des Historischen, das sich gegen die Majorisierung iurch die vorübergehenden Bedürfnisse wehren muß. Vas wir in der jüdischen Kultur erschaut haben, was die .Chowewe Zion" früher durchzuführen suchten — um ur das Markanteste des Zielbewußtesten dieser Beweung anzuführen, alles das vereint sich, trotz der noch iclit ganz ausgeglichenen Divergenzen in dem einen Ziel:!ie Emanzipation des Historischen vom Momentdenken. )iese Selbstherrlichkeit der historischen Erkenntnis spielen wir nicht aus Trutz gegen irgendein Hilfswerk aus. \Vas die erleuchteten Führer eines wirklichen Territorialismus kundgeben, ist vielfach Wasser auf unsere Mühle. Wir mußten aus Notwehr handeln. Auch gegen die würdigsten Sendboten des Territorialismus in unserem eigenen Lager mußten wir die Scheidung der Prinzipien betonen, weil es für eine Weltanschauung notwendig ist, die Prinzipien in ihrer Reinheit zu erhalten. Ich erwähne dies, um auch den Schatten, der das herrliche Bild Mandelstamms, des Zionisten, überlaufen hat, auf das richtige Maß zurückzuführen. Dieser Schatten trübt das herrliche Bild nicht; er macht es nur natürlicher. Mandelstamms Physiognomie war auf unseren Kongressen schon eine abgeschlossene; sein Können hatte sich nicht erschöpft, aber es hatte seine Grenzen gezeigt, und seitdem gehört er in unsere zionistische Galerie, er hat eine wohlerworbene Steile in ihr, was immer auch strenge Formalisten dawider sagen mögen. Talis honos tributus est, sagt Cornelius Nepos, indem er erzählt, das Bildnis von Miltiades sei in jener Halle zu Athen, welche die Foikile hieß, angebracht worden. Wenn man von berühmten zionistischen Führern Rußlands spricht, so drängt sich dieser Name immer wieder auf die Zunge. Er ist nicht mehr auszulöschen, und darin liegt der sicherste Beweis, daß der Zionismus ihn nicht missen mag in dem Register seines Nationalvermögens. Schmerzbedrückt und dabei doch über strenge Trauer durch den Gedanken an die edle, allbereite Kraftnatur hinweggehoben, die, leisestem Egoismus abhold, ihr Bestes für den Fortschritt der Juden auf allen Feldern menschenwürdigen Strebens begeistert eingesetzt hat, umstanden viele der verwaisten Körperschaften, Vereine, Anstalten humanitärer und volkstümlicher Richtung seine Bahre. Bedeutete doch Mandelstamms Abscheiden den Verlust eines Mannes, der nicht bloß bei jeglichem löblichen Werke sofort mitzuzugreifen pflegte, sondern der auch furchtlos immer im Vordergrunde stand und ein schier unnachahmliches Muster von Energie und Treue im Dienste der Gesamtheit gewährte. So steht auch der Zionismus schmerzerfüllt, dankend und huldigend vor diesem Toten, der ihm ein unvergeßlicher Führer gewesen ist. Er hat ein reiches Leben gelebt, voll von Kämpfen, aber auch voll von Erfolgen. Die schönste Periode seines Lebens war der Zionismus — das Schwanenlied des jüdischen Genies im Mandelstammschen Geschlecht. Von der „Haskala" zur nationalen Idee, von Zagory zu Zion — die Wanderung ist vollzogen. Kain, der Ackerbauer. Zeichnung von E. M. Lilien aus der Lilienbibel Bd. I. V

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