Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 DIE2 samtbild blieb er lebenslang mehr einem deutschen Professor oder Priester als einem Russen ähnlich. Dieser Umstand mochte ihn auch vor der russischen Assimilation einigermaßen beschützt haben. Selbstverständlich war auch dies nur Form; im Grunde blieb er Jude. Mit reichem Wissen ausgerüstet, kehrte Mandelstamm nach Rußland zurück und ließ sich in Kiew nieder. In den siebziger Jahren sehen wir ihn dort als praktischen Augenarzt. Die Augenheilkunde lag dort noch gänzlich darnieder. Mandelstamm kann als einer der Pioniere dieser Wissenschaft und dieser Praxis in Rußland gelten. Die Kunst der Diagnostik war ihm in hohem Maße igen. Er war zugleich auch ein Philanthrop. Seinen Kranken war er im wahren Sinne des Wortes ein Vater, uneigennützig und selbstlos bis zur iußersten Grenze. Seine sich mehr und mehr hebende iVivatpraxis und die in derselben gemachten Erfahrungen verschafften ihm bei der Bescheidenheit und gleichzeitigen Sicherheit seines Auftretens, bei den Aerzten sowohl wie hei dem Publikum und den Staatsbehörden sehr bald die llgemeinste Anerkennung, so daß sich nicht nur seine konsultative Praxis zu einer außerordentlichen Höhe hob, andern daß er auCh von mehreren wissenschaftlichen resellsChaften zum Mitglied ernannt wurde. Schon nach inigen Jahren war er der gesuchteste Augenarzt Vestrußlands, seine Privatpraxis wurde die ausgedehntste im Lande. Er stieg in seiner Lebensstellung von taffei zu Staffel, er wurde Augenarzt der Erziehungsnstalten, der philanthropischen Vereine, und diese enorme raktische Tätigkeit sah er nur als Dienerin seiner wissen- Chaftlichen Studien an. Neben dieser Tätigkeit fand er Zeit und besaß Kraft, seine ärztlichen Erfahrungen durchzuarbeiten und literarisch zu verwerten und nebenher selbständige Studien auch auf anderen Gebieten zu betreiben. Besonders der Zeitraum 1868/1878 stellte eine Periode intensivster literarischer Tätigkeit Mandelstamms dar. Schon auf der Klinik hielt er Vorträge, deren nrühende Lebendigkeit eine zahlreiche Zuhörerschaft von tudenten an ihn fesselte, der er Izum Teil auch persönlich alietrat, und auf die er einen starken Einfluß ausübte, s war selbstverständlich, daß ein Mann von dieser edeutung, von diesem wissenschaftlichen und prak- 'sehen Können für die Professur bestimmt war. Er ar auch dafür ganz geschaffen. Seine Verdienste um e Entwicklung der modernen Augenheilkunde waren ja hon damals sehr groß; seine Studien waren bahnrechend für die exakte physiologische Richtung auf dem iebiete seiner Spezialität gegenüber den früher herrsChen- 'en unkritischen und unwissenschaftlichen Anschauungen, r erlangte auch bald die venia legendi bei der Kiewer dizinischen Fakultät, aber seine Habilitation scheiterte eh kurzer Zeit an dem hartnäckigen Einsprüche des Miniriums, das es grundsätzlich von sich wies, den Eintritt ies Juden in das akademische Lehramt zu genehmigen. •■ kam über Mandelstamm die Tragik des Judenschicksals. "Vr selige Salomon Aschkenasi aus Kiew hat mir oft -' ihlt, welchen Eindruck diese Zurücksetzung auf Man-!i lstamm zu jener Zeit gemacht hatte. „Siehst du," klagte ri dem Freund in tiefenden, bebenden Tönen ,.solche 'Vschimpfungen; solche Demütigungen muß man erdulden, weil man Jude ist!" Niemals würden sie einem ( Iiristen angetan wrerden. Man würde ihn aufs höflichste ersucht haben, auf das Lehramt zu verzichten, und das [ELT 387 wäre alles gewesen. Man würde ihn nicht jahrelang von Instanz zu Instanz herumschicken. Wir müssen uns in unserer persönlichen Ehre beleidigen lassen, und wie können wir jemals diesen Leuten klar machen, daß wir das Höchste wollen, was von Menschen erstrebt werden kann! Dann wird uns nur geantwortet: bescheidet euCh eben mit dem, was fein Jude erreichen kann. . . . Ach, wie hat diese Predigt, daß ich mich bescheiden soll, mich durch mein ganzes Leben begleitet! Wie oft haben meine Bekannten geklagt, daß ich nicht beim Geschäft geblieben sei, wie andere Juden. Dann könnte ich Geld verdienen. Mein Gott, — mein Gott ■— sehen sie denn nicht ein, daß ich nicht anders kann, selbst wenn ich wollte? Wenn dieser Drang nach Wissenschaft mich ergreift, dann ist es doch wie eine Gewalt, die stärker ist als ich selbst. . „Ich legte" - fuhr Aschkenasi fort „den Ann um seine Schulter. Was konnte ich ihm zum Trost sagen? Ich fühlte tief mit ihm das schwere Schicksal des Juden, dem ein guter Geist oder ein böser Dämon den Drang zur Wissenschaft in die Seele gesenkt hatte, ohne ihm die Bedingungen zu schaffen, um das Ziel erobern zu können. Tausend Fußangeln sind ihm gelegt, von denen der christliche Gelehrte nichts ahnt. Tausend Qualen und Hindernisse hat er zu überwinden, die jenem erspart sind. Mandelstamm hatte aber den Schmerz überwunden. Er war voll eines stolzen, von der Allmacht des sittlichen Willens und der Einsicht durchdrungenen Selbstvertrauens. Er ging mit jugendlicher Frische an die Bewältigung immer neuer Aufgaben. Der ungestüme Idealismus seiner Jugend, der wie Frühlingshauch durch sein ganzes Leben ging, war in seinem reiferen Alter zu einem nie verzagenden Optimismus geworden. Er, der kein einseitiger Praktiker, sondern auch Theoretiker insoweit war, daß er alle Aufgaben unter einem höheren Gesichtspunkte zu beurteilen suchte, besaß neben der Sicherheit des Willens und der Energie des Handelns auch eine unerschöpfliche erfinderische Kraft, seine Welt selbständig auszubauen. Er wurde nicht zum offiziellen Professor ernannt, nichtsdestoweniger wurde er zur ausschlaggebenden Autorität auf seinem Gebiete. Er erwarb sich einen bis in die fernsten Länder reichenden Ruf und betätigte sich auf sämtlichen Gebieten wissenschaftlicher und sozialer Arbeit. Kaum lassen sich die Wohlfahrtsvereine und gemeinnützigen Anstalten, denen er als Mitschöpfer oder Mitarbeiter nahe gestanden, lückenlos herzählen. Er gehörte zu den Gründern der jüdischen Bildungsgesellschaft in Kiew. Er hatte sein lebhaftes Interesse für alle Bildungsfragen jederzeit in hervorragendem Maße bekundet und seine Zeit und Kraft jederzeit in den Dienst dieser SaChe gestellt. In der Millionärenstadt Kiew fiel Mandelstamm eine ganz spezielle Rolle zu; man möchte fast sagen, die Rolle eines Apostels. Er stand namentlich in ganz besonderen Beziehungen zu den reichen Juden jener Stadt, freundlich und intim zu den besseren und edleren self-made-Männern der älteren Generation, mahnend und strafend zu den von Gold und Ehrgeiz geschwollenen und sich gräßlich breit machenden Parvenüs. Ist es ja um das Judentum in diesen Kreisen, wie bekannt, ganz sonderbar bestellt. Man liebt es dort, im engeren Kreise jüdische Erinnerungen aufzufrischen und jüdische Anekdoten zu belachen, einzelne Riten willkürlich und sozusagen aphoristisch zu beobachten, um der Väter willen auch hie und da eine Unbequemlichkeit der Religion