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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Geistes. Er war ein ausgezeichneter Bibelkenner und beherrschte den neu-hebräischen Stil mit großer Meisterschaft. Ja, die Familie Mandelstamm mußte selbstverständlich dem Moloch der Assimilation große und schwere Opfer bringen. Als die Emanzipation versagt hatte, und die jungen Streber von einer Freiheitssehnsucht beseelt in ihrer Karriere, ja schon auf dem Wege zu ihrer Bildung auf unüberwindliche Hemmnisse und Widerstände stießen, da warfen viele von ihnen den lästigen Ballast über Bord und gingen im Russentum ganz auf. Man findet sie auf allen politischen, wissenschaftlichen und literarischen Gebieten, überall tüchtig und hervorragend; bei manchen von ihnen ahnt man schon gar nicht mehr ihre jüdische Abstammung, bald klingt der Name schwedisch, bald Wird er durch einen starken Akzent russifiziert. Die Träger dieses Namens sind angesehene Richter, Rechtsanwälte, Lehrer, Schriftsteller, Diplomaten, sämtlich aus dem genannten Städtchen Zagorv stammend, aber in ganz Rußland oder außerhalb der russischen Grenzen zerstreut. Der jüdische Genius sprach sich in den Ausdrücken der Aufklärung zum letzten Male in Leon und in den Lauten der hebräischen Sprache zum letzten Male in Benjamin aus. Aber das war nicht alles. Das Wichtigste, das Eigentliche harrte noch seines Vertreters: das Schwanenlied der leidenden Nation wurde noch einem der letzten Vertreter dieser berühmten Familie vorbehalten: Max Mandelstamm. Max Mandelstamm wurde in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Sohn des Ezechiel in Zagorv geboren. Des Vaters geistige Regsamkeit und der Mutter gefühlvolle Tiefe waren auf ihn übergegangen. Letztere, die von einer guten rahbinischen Familie abstammte, war von einer besonders damals ungewöhnlichen Geistesbildung Der ernste, stille Geist des Maskirschen Hauses äußerte sich schon früh bei der Entwicklung des Knaben und verbreitete sich nachher klärend auf sein ganzes Wesen. Den ersten Unterricht genoß er im Vaterhause zu Zagorv und zeigte sich früh empfänglich für wissenschaftliche Bestrebungen, wie sie gerade damals durch einen Kreis der Aufklärer in seiner Vaterstadt gepflegt wurden. Er absolvierte das Gymnasium der Kreisstadt, wo sein großer Fleiß und seine Tüchtigkeit bald die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf ihn lenkte. Nach Absolvierung des Gymnasial-Studiums bezog er die Universität zu Dorpat und setzte seine Studien in Charkow und auf anderen Universitäten fort. Er studierte Medizin, aber er muß auch sonst viel in seiner Studentenzeit sich angeeignet haben: Naturkundliches, Linguistisches, Philosophisches, sonst wäre die Universalität seines Wissens nicht zu erklären. Seine Eltern waren inzwischen gestorben, und was er von der Heimat hörte, war nicht geeignet, einen Kampf¬ und Tatenmenschen auf der heißen Arena des Lebens mit jüdischem Geiste ermutigend und stärkend zu erfüllen. Rasch und beinahe ununterbrochen flogen ihm von den in alle Winde zerstreuten Verbannten die Hiobsposten zu, bald dieser, bald jener sei von der Sturmflut der Taufepidemie jener Zeit weggeschwemmt worden. Würde er durCh diese Fluten trockenen Fußes gehen? Die Nachrichten mochten ihm viel bitteres Leid bereitet haben. Aber war denn eine genügende Gewähr und Sicherheit für ihn selbst? Was in ihm keimte und trieb und blühte, war Wissenschaft und Aufklärung. Mit dem ganzen Enthusiasmus der [ugend widmete er sich den Naturwissenschaften. Er hatte jede Fühlung mit dem jüdischen Volke verloren, stand den Massen ganz fern, hatte auch schon das bißchen Hebräisch, das er in seinen Kinderjahren gelernt hatte, ganz vergessen und wandte sich mit jener hastigen Gier, mit jenem Pathos und jener Verve, die dem jüdischen Naturell entspricht, dem neuen Lichte zu. Ist es ja die alte jüdische Tragödie: das alte Problem der Lichtwendigkeit und Lichtflüchtigkeit. Wir sind einmal lichtwendig; wir gleichen nicht jener Gattung von Tausendfüßlern, die sich, läßt man einen Sonnenstrahl auf sie fallen, davor zu retten suchen, sondern jenen feineren Geschöpfen, die in lauen Sommerabenden die Lampe umtanzen und ihrer Lichtwendigkeit hier oft einen grausamen Tod verdanken. Wie ein Leuchtturm, der Tausende und Tausende von Vogelopfern fordert, war uns jede Aufklärungsperiode. In Rußland war es die Zeit der sechziger Jahre. Die schwärmerische, verschwommene Stimmungsduselei der „Haskala" hatte sich schon aufgebraucht und erzeugte, freilich in einem ganz beschränkten Kreise, eine regelrechte Assimilation. Die heterogensten Eindrücke stürmten auf diesen Kreis ein: die Wissenschaft, das bunt schillernde Leben draußen, die politischen Freiheitsbestrebungen, tausend verlockende, unsagbar anziehende und faszinierende Neuigkeiten und Modedogmen. Der halb emanzipierte russische Jude hatte sich in einen sprunghaften, unstäten, rezeptiven, nach Neuem schnappenden Allerweltsmenschen mit einem souveränen Mimikrivermögen, man möchte fast sagen, in einen Ideen-Blaubart umgewandelt. Diese Epoche konnte an Max Mandelstamm nicht spurlos vorübergehen. In Charkow -- so pflegte er zu sagen hatte er als Freiwilliger im Chor der evangelischen Kirche mitgewirkt. Sein intimer Freund und Kollege Hirschmann, der nachher einer der berühmtesten Professoren Rußlands geworden ist, hatte ihn in einen evangelischen Kreis eingeführt. Die paar Juden wurden zu jener Zeit verhätschelt und auf Händen getragen, man fütterte sie mit Liebenswürdigkeiten, wie im Altertum für den Zirkus. Es hatte nicht lange gedauert, Hirschmann hatte den Gewissenskompromiß gemacht, er wurde — das beinahe unentrinnbare Fatum! - von den Polypenfängen des Russentums erfaßt; Mandelstamm hingegen wanderte seine eigenen Wege: er befreite sich von jenem Kreise und zog nach dem Ausland. Er war über den Rahmen seiner praktischen Kollegen hinausgewachsen. Er weilte dann lange in den großen Zentren der Wissenschaft und studierte „Westeuropa". Dieser Lebensperiode die Grundlage dazu hatte Dorpat geschaffen — Mandelstamm's entstammte der hervorstechende Zug seines Wesens: das Europäertum. Mancher Beobachter mochte darüber erstaunt sein: wie, ein russischer Jude - und welch korrekte Haltung, welche vornehmen Manieren, welcher Takt und wrelche Sprache! Ja, das Deutsch Mandelstamms hatte etwas Feierliches und Priesterliches, etwas aus der alten Zeit, schlicht und gradlinig, ohne leichtfertige Pointen, ohne Effekthascherei, mit einem Schimmer von Romantik umwoben, im flutenden (jetriebe der Reden und Diskussionen etwas Ruhendes, in dem die Seele eines Kindes und zugleich eines Dichters zu leuchten scheint. Lange hatte er in Westeuropa gelebt, wo er sich nicht auf sein Fachstudium beschränkt hatte. Er orientierte sich über alles, er beobachtete, feinfühlig wie er war, die kulturellen Lebensformen und empfand sich in die Gedankenwelt deutscher Klassiker hinein, ja, er wurde zum Teil ein Adoptivsohn deutscher Aufklärungskultur. In seinem kulturellen Ge-

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