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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. jAHRG. BERLIN, 29. März 1912 Unfah y'Dnn 'X )DW"> /pHn Nr. 13/14. MAX MANDELSTAMM E i n L e be n s b i 1 d. Von Nahum Sokolow Hoch oben in der nördlichen Ecke der litauischen Provinz Rußlands liegt das winzige Städtchen Z'agory. Das Städtchen schläft seinen Zauberschlaf. Nichts führt sich in ihm und um es herum. Sanft und sacht schleichen die Jahre hin, ohne daß sich das Städtchen den Schlummer aus den Augen wischt, und wenn es einmal für kurze Zeit den totenähnlichen Schlaf unterbricht, so geschieht es iiur,. um laut zu gähnen und sich dem lieb gewordenen Müßiggange aufs neue zu ergeben. Das Eindringen der Sonnenstrahlen wehrt es immer ab, im Halbschatten, der ihm zarte Kühlung gewährt, fühlt es sich am wohlsten, und alle Häuschen stehen abgewendet vom Sonnenschein da. Scheint einmal die Sonne, so scheint sie auf Hunger und auf ein Volk, das in Demut zu darben gewohnt und froh ist, wenn es höhere Mächte nur auf seine karge Art von der Wiege zum Grabe wanken lassen. Ein kleiner Teil dieser Bevölkerung mag auch zuweilen einen niedrigen Grad von Wohlhabenheit erreichen, einfache Leute, kaufmännischer Sinn, ein bißchen Philistertum, aber klare Verhältnisse, Genügsamkeit, unverdorbene Sitten, . naive Lebensfreudigkeit, nirgends ein Riß, durch den man in Konflikte und Wirrnisse sehen könnte; alles so hübsch glatt und viereckig, . so angenehm natürlich, Es ist die Klasse der sogenannten anständigen Bürger „Baale-Batim". Die Krone bilden die Intellektuellen. An solchen Intellektuellen war dieses Städtchen besonders reich. Es spielte in der Epoche der „Aufklärer" eine bebedeutende Rolle. Dort lehrte der gediegene, unproduktive, aber in seinem Kreis als Genie verehrte und einen unmittelbaren Einfluß auf die Menschen ausübende Chajm Sack. Dort stand die Wiege mancher Schriftsteller und Publizisten, die auf dem Gebiete unserer Geistesarbeit einen ehrenvollen Platz einnehmen. Zu diesen zählten die Mandelstamms, ein Gelehrtengeschlecht, dessen Sprossen sich auf allen Gebieten h'ervorgetan haben. Die Mandelstamms waren eine der ersten jüdischen Familien in Rußland, die den Uebergang aus dem Ghetto in die europäische Bildung an sich vollzogen haben/ Sie waren sozusagen eines der Versuchskaninchen der russisch-jüdischen Quasi-Emanzipation, Die Eigenart dieser Familie ist schwer zu erfassen, wenn man nicht zugleich die allgemeinen Bedingungen berücksichtigt, unter denen sie hervortraten. Ihre Bedeutung wird erst in ihrem vollen Umfange klar, wenn man den Wurzeln nachspürt, mit denen ihre Persönlichkeiten in dem Bildungsbereiche der Zeit, in ihren Sorgen und Freuden, in ihrem falschen und richtigen Wollen steckten. Nur aus diesen Wurzeln konnten diese Persönlichkeiten werden, und nur in diesen Menschen konnten die Elemente, sich vereinigen, die zuerst zur Haskala und dann zur Assimilation sich zusammensetzten. Dieser Familie entstammte der schwärmerische, tinstäte, genial begabte Polyhistor Leon Mandelstamm, der Pionier der Aufklärung, der Uebersetzer der althebräischen Literatur, ein glühender Anhänger Mendelssohns, ein Fahnenträger westeuropäischer Ideen in Rußland, der an dem Aufklärungsprozeß der russischen Juden einen regen Anteil nahm. Zu dieser Familie gehörte der Hebraist Benjamin, mit dem ich vor vielen Jahren eine rege Korrespondenz unterhielt. Benjamin hatte einige neuhebräische Bücher geschrieben und veröffentlichte in meinem Jahrbuch Haasif die Sinnsprüche, in denen die Erfahrungen seines reichen Lebens einen volltönenden Ausdruck fanden. Er lieferte mir sowohl in den gedruckten, wie in den bis jetzt ungedruckten, aber außergewöhnlich interessanten Briefen nicht unerhebliche Beiträge zur Geschichte der Aufklärung der russischen Juden. Gehörte er ja einem Familienkreise an, der seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts in mehr als einer Beziehung ein eigentümliches, scharf gezeichnetes Spiegelbild der tiefen Geistesbewegungen geworden, die sich im russischen Judentum Geltung verschafft. Seit der genannten Zeit mochten in Rußland nur wenige bedeutendere Momente des öffentlichen, jüdisch-literarischen und wissenschaftlichen Lebens vorgekommen sein, denen in diesem Kreise nicht in hervorragender Weise eine persönliche Vertretung oder irgendwelche unmittelbare Förderung und Pflege zuteil geworden wäre. Die Bedeutung Benjamins lag in der Energie der Lebensführung, in der Kraft der Persönlichkeit, in der Schärfe des anregenden und empfänglichen

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