Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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366 DIE^ELT; Nr. 12 um die lebenslustigen Russen spielen zu hören und tanzen zu sehen. Und jede gute deutsche Hausfrau fürchtete das verführerische Cafe wie die Hölle. Eines Abends gingen wir auch hin. Wir hatten die Anzeige gelesen: „Zu den Russen", und uns sehr gefreut, unsere Sehnsucht nach Rußland ein wenig stillen zu können. Wir setzten uns an ein Tischchen in einer Ecke und sahen uns um. Der Raum war von Deutschen vollbesetzt. Sie saßen schwermütig bei ihren großen Bierkrügen und bewunderten mit müden Blicken die lebenslustigen Russen, die auf der Estrade tanzten. Zwei ältere Leute, in roten russischen Blusen mit breiten schwarzen Gürteln, — sie hatten schwarzes gelocktes Haar — spielten auf Balalaikas die russische „Kasacka". Ein junger „Kleinrusse", ebenfalls schwarzhaarig, in lackierten Stiefeln, und eine Kleinrussin, die ein breites russisches Tuch auf dem Kopfe trug, tanzten dazu. Wie Funken flogen sie, sprangen einander entgegen, setzten sich auf den Boden, er tanzte hockend um sie herum, richtete sich wieder auf, schlug ein Rad und pfiff dazu. Klatschten in die Hände, füllten die Schänke mit ihrem Lärm und Geschrei. Und die Deutschen ließen kein Auge von ihnen, lächelten müde, schüttelten die Köpfe und meinten verwundert: „Ja, ja, sie sind lebenslustig, die Russen!" Als der Tanz zu Ende war, baten wir die Tänzer an unseren Tisch. Wir fühlten uns als Landsleute. Ein Glas Wein war bald für sie eingeschenkt. Und einer von uns fragte russisch: „Scheto? Russkiji Muschiki?" Der Russe machte eine rasche Wendung mit dem Kopfe und blickte uns verwundert an: „Ach wo, Russkij Muschik" sagt er jüdisch. „Ich komme aus Kiew, vom Pogrom." „Was?!" „Zwei Kinder haben sie uns umgebracht. Das bißchen Armut, das wir hatten, zerstört, zerbrochen. Nichts übrig gelassen. Einfach nichts. Mein alter Vater, meine alte Mutter, . . . ich weiß nicht, wo sie sind. Auf dem Friedhofe oder wo sonst? . . . Doch sagt, ist wenigstens schon jetzt Ruhe dort?" „Und das ist Euer Weib?" fragt ein anderer aus unserer Gesellschaft. „Nein! Mein Weib ist mit den Kindern umgekommen. Eine arme Nachbarin. Wir trafen uns, ein paar Juden, bildeten eine Truppe. Und Ihr? Kommt auch vom Pogrom?" Doch der Wirt winkte schon. Die Musik beginnt. Eine russische Kamarenska. „Wartet einen Augenblick!" ruft uns der Jude zu und springt tanzend auf die Estrade. „Ach — a — h! Wanka! Wanka! Und tanzt um die unglückliche Jüdin herum, daß die Funken fliegen. Und singt und klatscht in die Hände. Die Deutschen aber sitzen da, die großen Bierkrüge vor sich, und sehen mit ihren müden Blicken zu: „Ja, ja, lebenslustig, die Russen!" II. Samuil Bock. Wassil Andrej aus dem Dorfe Chotrow irrt in den Straßen von New-York umher, hält jeden Vorübergehenden an und fragt ihn auf russisch: „Wo wohnt da Samuil Bock aus dem Dorf Chotoow?" Die langen hageren Amerikaner antworten ihm mit einem gutmütigen Lächeln, zucken die Achseln und deuten ihm an, daß sie ihn nicht verstehen. Man führt ihn zu einem Schutzmann. Der weiß schon, um was es sich handelt. Nicht das erste Mal, das das vorkommt. „Bringt ihn nach der East-Side" sagt er. „Dort werden sie schon wissen, was er will." Wassil Andrej war wie hundert andere seiner Landsleute von einem amerikanischen Kontor, das den Minen Arbeiter verschafft, gedungen worden. Wie ein Stück Vieh war er zuerst nach Hamburg und von dort nach New York expediert worden. Dann gleich vom Schiffe wieder mit der Bahn nach den Minen, wo die Leute in jahrelanger Arbeit für das Schiffsbillet, für Essen und Schlafen Gesundheit und Augenlicht verlieren. Als nun Wassil da war, wollte er seine russische Bluse und seine russische Mütze nicht gegen die neuen Kleidungsstücke umtauschen, wollte nicht essen und nicht arbeiten, sondern blickte nur sehnsüchtig zur Erde, zur unbebauten, mit Unkraut bedeckten Erde rings um die Grube und sah Chotrow vor sich und die Woleka, die vom Berge herunter durch sein Dorf fließt. Sieben Tage saß er so, sprach kein Wort, antwortete nicht dem Agenten, der russisch zu ihm sprach, bekreuzigte sich ein über das andere Mal, und starrte stumm irgendwohin in die Ferne. Daheim, bei ihnen im Dorfe, hatte ein Schneider, Samuil Bock, gewohnt, mit dem er befreundet war. Der war nach New York gegangen. Wassil wollte nun auch dahin. — Der Agent wurde der Sache bald überdrüssig, auch fürchtete er, der Bauer könnte sterben. So schickte er ihn nach New York. Und da irrte er nun, der alte Wassil, eben von der Bahn gekommen, in den Straßen umher, und fragte jeden Vorübergehenden auf russisch nach Samuil Bock aus dem Dorfe Chotrow. Ein Junge, der gerade nach dem jüdischen Viertel zu gehen hatte, zupfte ihn am Aermel, womit er ihn aufforderte, ihm zu folgen. Auf der East Side faßte Wassili jeden Vorübergehenden an der Hand. Jeder schien ihm Samuil Bock zu sein. So bekannt kamen ihm alle vor. Der Junge hatte ihn in der Essex Street verlassen. Wassil sah sich verwundert um. Träumte er? Alles war ihm so vertraut. Er kannte sie wohl alle, die ihm da begegneten. Und den ersten, der ihm russisch antwortete, packte er am Arm. „Ah, du bist es, Samuil Bock, ich erkenne dich. Ja, du bist es, aus Chotrow." Mittlerweile hatte sich ein Kreis um ihn gebildet. Es war am Abend. Die Arbeiter strömten aus den Shops, die Straßen wurden belebter. Der Kreis um Wassil wurde immer größer, immer bekanntere Gesichter sah er, hörte russisch sprechen, und sprang von einem zum andern: „Du bist Samuil, nicht wahr? Samuil?" „Hast wohl Kinder daheim gelassen?" fragte jemand. „Ja, Bruder, ja" — und die Tränen traten dem Bauer in die Augen — „zwei, bei der Mutter. Hab' Sehnsucht." „Aus welcher Gegend?" fragt ein anderer. „Von der Woleka, vom schwarzen Berg." „Von der Woleka?" ruft jemand, der hinten steht, aus. „Hörst du, Berl? Aus unserer Gegend . . . Laßt mich vor, ich will ihn sehen", und drängt sich nach vorne durch. Fragt: „Von der Woleka? Vom schwarzen Berg?"