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Die Welt · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 12 ELT 365 NACHRICHTEN Eine Organisation für hebräische Sprache in England Ein Aufruf zwecks Bildung einer Organisation für hebräische Sprache und Kultur in England ist in den letzten Tagen veröffentlicht worden. Der Aufruf ist von vielen hervorragenden Männern des öffentlichen jüdischen Lebens, wie Achad-Haam, Dr. A. B ü c h 1 e r (Rektor des Jevvs' College), Mr. Herbert Bent w ich, Mr. Norman Btntwich, Dr. Samuel Daiches, Dr. S. M. Melamed, Mr. S. B. R u b e n s t e i n , Mr, H. Sacher, Dr. J. M. S a 1 k i n d und Mr. Leon Simon unterzeichnet. Der Aufruf betont den allmählichen Fortschritt der Assimilation unter den Juden in England und weist darauf hin, daß man nur durch die Schaffung einer hebräischen Organisation die hebräische Kultur in England erhalten könne. Die national bewußten Juden in England werden daher ermahnt, sich zusammenzuschließen, um eine hebräische Organisation, wie sie sich schon in Deutschland mit Erfolg betätigt, zu gründen. Der Schriftführer ist Mr. S. Landmann, und es besteht die Absicht, eine Versammlung einzuberufen, sobald sich eine Anzahl Anhänger der Idee gemeldet haben. Eine Rabbinerkonferenz in Galizien Der bekannte Chassidim^Rabbi in Czo<rtkow, Israel Friedmann, trägt sich schon lange mit dem Gedanken, eine Versammlung galizischer und Bukowinaer Rabbiner einzuberufen. Vor zwei Jahren richtete er in dieser Angelegenheit ein Rundschreiben an zahlreiche Rabbiner der beiden Kronländer. Nunmehr soll der Plan feste Gestalt gewinnen. Am 19. d. M. (1. Nissan) fand in Czernowitz eine vertrauliche Vorkonferenz statt, an der eine Anzahl Rabbiner und Laien teilnehmen wird. Auf dieser Vorkonferenz sollen positive Beschlüsse wegen des Zeitpunktes und der Tagesordnung der geplanten allgemeinen Rabbinerversammlung gefaßt worden sein. Hauptsächlich wird sich die Rabbinerversammlung mit der Hebung der wirtschaftlichen Lage der galizischen Judenheit und mit der Organisation der religiösen Einrichtungen zu befassen haben. In weiten Kreisen des Landes gibt sich für das Zustandekommen der Versammlung lebhaftes Interesse kund. Ein neuer Lehrstuhl für talmudische Wissenschaft an der Bonner Universität Nachdem der Bonner Orientalistenverein in seiner Sitzung vom 29. Februar d. j. beschlossen hatte, eine Petition um Errichtung eines Lehrstuhles für talmudische Wissenschaft innerhalb der philosophischen Fakultät der dortigen Universität an das preußische Ministerium der geistlichen Angelegenheiten zu richten, ist dieses Schriftstück am 7. März nach Berlin abgegangen. Zur Hundertjahrfeier der Emanzipation der Juden wird von dieser Seite eine Stiftung zu gleichem Zwecke dem Ministerium zur Verfügung gestellt werden. Lehrstühle für judaistische und talmudische Wissenschaften sind, wie wir bereits berichtet haben, neuerdings auch in Budapest und in Leipzig an den dortigen Universitäten geschaffen worden. o!^ \%Q- SPRECHSAAL - q Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 12. März 1Q12. Sehr geehrter Herr Redakteur! Soeben wird mir die Nr. 9 der „Welt" mit einem „Brief aus Wien" eingesandt, der sich mit meiner Person befaßt. Ich vertraue Ihrer Loyalität, wenn ich Sie bitte, die folgende Berichtigung aufzunehmen: Es ist unwahr, daß ich mein gegebenes Versprechen nicht zu halten gewillt gewesen sei. Wahr ist vielmehr, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, einen Leiter der angekündigten Diskussion aus den Kreisen der Einberufer der Versammlung zu gewinnen. Als mir dies nicht gelingen wollte, habe ich mir durch ein dichtes Gedränge den Weg zum Podium gebahnt und die Diskussion sofort selbständig eröffnet. Es ist unwahr, daß ich erklärt haben soll, über den Zionismus nicht reden zu wollen vor einem Auditorium, das davon mehr als ich verstehe. Wahr ist vielmehr, daß ich meine Stellung zum Nationaljudentum präzisiert und darauf hingewiesen habe, daß ich nichts anderes mit dem Vortrag bezwecken wollte, als das auszuführen, was ich Sombart selbst im Anschluß an seinen Vortrag in Wien entgegenzuhalten entschlossen war. Die Veranstalter des Sombart-Vortrages hatten mir hierzu die Möglichkeit benommen und meine an sie gerichtete Anregung zu einer Diskussion abgelehnt. Das gleiche hatte Sombart selbst getan. Ich habe deshalb an anderer Stelle meine Ansicht über Sombart zu äußern die Gelegenheit ergriffen, und den Interpellanten Rede und Antwort gestanden, bis diese selbst durch ihr improvisiertes Präsidium die Versammlung für geschlossen erklärten. Hochachtungsvoll Dr. Orun w a I d. * Hierzu schreibt uns unser Gewährsmann: Der Bericht über die bewußte Versammlung in Nr. 9 der „Welt" wird vollinhaltlich aufrecht erhalten. Der Satz „auch der gottesfürchtige Herr Dr. Grunwald hielt sich nicht an das gegebene Wort und machte Anstalten, den Saal zu verlassen" (man sieht, Herr Dr. Grunwald zitiert falsch), muß sogar noch eine Verschärfung erfahren: Er verließ nämlich den Saal tatsächlich und wurde unsanft zurückgeholt. Ob er gleichwohl willens war, draußen einen neuen Vorsitzenden zustande zu bringen und sein Versprechen einzuhalten, bleibe dahingestellt. Auch von dem anderen Passus, dessen Richtigkeit Herr Dr. Grunwrald bestreitet, wird keine Silbe zurückgenommen. Sfa O □ □□□D FEUILLETON Reise-Notizen Von Schalem Asch. I. Die lebenslustigen Russen. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war. Jedenfalls in einer kleinen deutschen Stadt, weit, weit von mserer Heimat und uns Juden so schrecklich fremd. Die Pogrome waren eben erst vorüber, und man konnte n jedem deutschen Neste russischen Juden begegnen. Wir waren damals einige junge Leute beisammen, aus ussisdhen Schulen ausgeschlossene Studenten. Wie wenn CT o_ □□□□□□ II -V wir von einem anderen Stern den Spießbürgern der kleinen Stadt auf die Köpfe gefallen wären. Mit unserer lauten Unruhe störten wir den schläfrigen Frieden ihrer Häuschen und Gärtchen, und sie maßen uns dafür mit unfreundlichen Blicken. Bloß die Kinder behandelten uns gerade so, als wenn wir Heimische wären, grüßten uns jeden Morgen wie jeden Bürger auch, schenkten uns Blumen und Sträußchen, sangen uns ihre kindlichen Lieder. In einem der „Bier-Cafes" des Städtchens spielte und tanzte eine russische Truppe. Man nannte es daher: „Zu den Russen". Wollte so ein stiller Deutscher des Abends „über die Stränge hauen", dann ging er hin,

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