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Die Welt · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Bemerkenswert ist auch, daß ein im Interesse Beilis' gestellter Antrag auf Verlegung der Verhandlungen nach einer anderen Stadt abschlägig beschieden wurde, trotzdem das russische Gesetz ausdrücklich vorschreibt, daß in Fällen, wo die lokale Stimmung eine völlig unbefangene und leidenschaftsltose Behandlung des Rechtsfalls zweifelhaft erscheinen läßt, die Gerichtsverhandlung nach einer fremden Stadt verlegt werden müsse. Die „Nowoje W rem ja" wollte früher wissen, daß die Verhandlungen öffentlich stattfinden werden, die für das Publikum vorgesehenen Plätze sollen allerdings nur für höhere Beamte reserviert werden. In der Nummer vom 14. März wird indes versichert, daß die Verhandlungen mit Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden werden. Das famose Patrioten*- blatt spricht im übrigen seine Entrüstung darüber aus, daß die Juden und die Rechtsanwälte die „P o 1 i t i k" in den Gerichtssaal tragen wollen. Zum offiziellen „Sachverständigen" im Prozesse Beilis wurde Herr Professor Sikorsky ernannt, derselbe Herr Sikorsky, der in der „Nowoje Wremja" seinerzeit als anonymer „Professor" die Theorie vom Ritualmord aus Motiven national-religiöser Rache entwickelte. Nun hat der ritterliche Herr Sikorsky die Maske abgelegt und in seinem Gutachten die Frage des Ritualmordes bejaht. Dabei berief er sich auf Leroy-Beaulieus Werk „Israel chez les Nations". Der Pariser Gelehrte beeilte sich freilich, für die Ehre zu danken und protestierte ganz entschieden gegen die Insinuation des russischen Professors, der ihn für seinen Gesinnungsgenossen ausgeben wollte. Inzwischen zeigen sich bereits an verschiedenen Punkten Rußlands die Früchte der Ritualmordagitation. Ueberali wird das Bild des heiligen Knaben, des Märtyrers des Ritualmordes, und eine erläuternde Flugschrift mit dem Titel „Jüdische Bestialität" verbreitet. Die Ritualmordepidemie hat namentlich in Südwestrußland bedrohliche Dimensionen angenommen. Wie sehr man heute in Rußland auf den Ritualmord spekuliert, beweist folgender Vorfall: Dieser Tage kam eine russische Frau zum Kantor der jüdischen Gemeinde in Astrachan und machte ihm das Angebot, ihr einen Knaben abzukaufen. Man nimmt an, daß hier eine böswillige Provokation inszeniert war. Die merkwürdige „Händlerin" wurde der Polizei übergeben. Russischer Adel Am 18. März wurde in Petersburg der Kongreß der vereinigten Adelskorporationen eröffnet. Wie üblich, werden die hoch wohlgeborenen Herren sich auch diesmal viel mit der Judenfrage befassen. Diesmal werden auf dem Kongresse spezielle Referate über Ritual morde im Zusammenhang mit der Juschtschinsky-Affäre abgehalten werden. Der Vorstand der Adligenorganisation hat sich der löblichen Mühe unterzogen, aus dem1 Staube der Archive des Staatsrates, des Senats und dergl. die verschiedenen Ritualmiordiprozesse ans Tageslicht zu fördern. Das Ergebnis seiner „wissenschaftlichen" Untersuchungen faßte der Vorstand der allrussischen Edelleute in einer Broschüre zusammen, die sämtlichen Kongreßmitgliedern zugänglich gemacht wrurde. Neben diesem Opus hat der Vorstand für den Kongreß eine weitere Schrift über die „Judenpogrome" veröffentlicht. Demnächst erscheinen weitere zwei Publikationen über den „Kanal" und den „Ansiedlungsrayon". Massenausweisungen Der zweitauaendköpfigen jüdischen Bevölkerung des Land* ortes Rassow, Gouvernement Kiew, wurde vor kurzem durch eine Senatserklärung der Charakter als Erbpächter und das damit verbundene Wohnrecht genommen. Um der Ausweisung zu entgehen, wandte sich die jüdische Gemeinde an den Kiewer General-Gouverneur mit dem Ersuchen, Rassow, das eine ziemlich große Bevölkerung aufzuweisen hat, aber eine Dorfgemeinde ist, in -einen Marktflecken umzuwandeln. Das Gesuch wurde aber abschlägig beschieden und die zweitausend alteingesessenen Juden stehen v o r der Ausweisung. Massen Verhaftung Vor einigen Tagen wurden im Dwinsk 120 ältere Personen in der Synagoge nach dem Abendgebet verhaftet. Sie waren nach dem Beten in der Synagoge geblieben, um über die bevorstehenden Dumawahlen zu beraten. Es fand sich aber ein Angeber, der sofort die Gendarmerie von der „verbrecherischen Versammlung" in Kenntnis setzte, und die Verbrecher" wurden überrascht und ins Gefängnis gebracht. Von den Verhafteten wurden die über 70 Jahre alten am folgenden Tage freigelassen, während die anderen weiter in Haft bleiben. Ein zionistischer Prozeß Dieser Tage fand in der Odessaer Gerichtskammer unter Ausschluß der Oeffentlichkeit die Verhandlung gegen Dr. S a p i r und den Studenten Schwarz wegen „Aufreizung einer Bevölkerungsgruppe gegen die andere" statt. Schwarz hatte nämlich vor etwa 5 Jahren eine Broschüre über den S c h e k e 1 verfaßt, die in Dr. Sapirs „Zionistischer Kopekenbibliothek" erschien. Die Broschüre wurde seinerzeit von der Zensurbehörde nicht beanstandet. Erst als eine grusinische Uebersetzung der Broschüre erscheinen sollte, legte die Tifliser Zensurbehörde Verwahrung dagegen ein, und auf deren Veranlassung wurde dann auch die Jargonausgabe konfisziert und gegen den Verfasser und Verleger die Anklage nach dem bekannten § 129 erhoben. Inkriminiert wurde die Schilderung der traurigen Lage des jüdischen Volkes im Golus, worin der Staatsanwalt eine Aufreizung gegen die christliche Bevölkerung (!) erblickte .... Der Gerichtshof verurteilte Schwarz zu vier und Dr. S a p i r zu sechs Monaten Gefängnis. Nur der Umstand, daß das Verbrechen bereits „verjährt" war, ersparte unseren wackeren Gesinnungsgenossen die harte Strafe. Brief aus Jaffa (Von unserem Berichterstatter.) Das neue Stadtviertel „Nachlath-Benjamin" Dank der Gewährung eines langfristigen Darlehens seitens des Jüdischen Nationalfonds ist hier in Jaffa in aller Stille das neue Stadtviertel „Nachlath Benjamin" entstanden, das *ch an „Tel-Avriw" anschließt und vorläufig 21 hübsche, schmucke Häuschen zählt, zu denen noch 17 hinzukommen werden. Die Häuserbaugesellschaft „Nachlath-Benjarnin" ist last gleichzeitig mit der Gesellschaft „Achusath Bajith", die vor 2 Jahren „Tel-Awivv" geschaffen hat, gegründet worden. Die Mitglieder von Nachlat-Benjamin, die zumeist Handwerker, Handels- und Bureauangestellte usw. sind, wollten sich ursprünglich nicht an den J. N. F. um die Gewährung eines Häuserbaukredits wenden, weil sie mit vielen anderen Palästinensern der Ansicht waren, daß der J. N. F. hauptsächlich für Erwerb und Kultivierung des ländlichen Bodens in Betracht komme. Da sie jedoch ohne ein Darlehen unmöglich ihr Ziel realisieren konnten, so wandten sie sich an andere jüdische in Palästina arbeitende Gesellschaften. Alle diese Bemühungen waren indessen nicht von Erfolg gekrönt und so zeigte sich hier wieder einmal, daß dort, wo es sich um die Bedürfnisse des aufstrebenden Jischub handelt, man ohne das tatkräftige Eingreifen unserer Institutionen nicht vom Flecke kommt. Vielleicht könnte man auch hier den talmudischen Spruch anwenden: Gam su Ttowah! Die Gesellschaft „Nachath-Benjamin" sah sich also nach 3 jährigen anderen Versuchen nolens volens gezwungen, sich an den J. N. F. zu wenden, der auch bald sein Verständnis für die Wichtigkeit dieses Unternehmens zeigte und für jedes Mitglied der Gesellschaft durch die Vermittlung der Anglo- Palestine Company einen Kredit von 3200 Frcs. gewährte, die in 20 Jahren zurückzuzahlen sind. Nun ist kaum ein halbes Jahr vergangen, seit man an den Bau des neuen Stadtviertels herangetreten ist, und seit 2 Monaten sind bereits, wie oben mitgeteilt, 21 Häuschen gebaut, die mehr als 30 Familien Wohnung gewähren. Freunde der hebräischen Literatur wird es gewiß freuen, zu hören, daß zu diesen neuen 21 glücklichen Hausbesitzern auch der greise, ehrwürdige Schriftsteller Alexander Süßkind Rabinowitsch gehört, der sich hier ebenfalls ein eigenes Häuschen erbaut hat. So jungen Datums das neue Stadtviertel auch ist, so verfügt es doch bereits über zwei Einrichtungen, die in dem älteren „Tel-Awiw" noch nicht vorhanden sind: einen Konsumverein und ein Beth-Mikra (Lesezimmer). Das Beth-Mikra, das 2 Zimmer umfaßt, wurde diese Woche mit einer Ansprache von Herrn Jehoschtia Eisenstadt (Barsilai) er-

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