Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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362 DIES^I ELT: Nr. 12 zwar wenig aussichtsreich ist, aber doch ehrlich geführt wird. Vor kurzem fand im großen Saale des jüdischen Hochschülerheimes eine zahlreich besuchte Versammlung statt, die nach Anhörung der sehr ausführlichen Referate der Herren Dt. Rothfeld (Zionist), Gell man (Poale-Zion) und Bristiger (jüdischer Sozialdemokrat) folgende Postulate aufstellte: L die Anerkennung der jüdischen Nationalität im Bereiche der Universität; 2. die Schaffung von Lehrstühlen für jüdische Geschichte und hebräische Literatur; * 3. das Recht, jüdische Hochschülerversarnmlungen in den Sälen der Universität abhalten zu dürfen; 4. die Anerkennung der jüdischen akademischen Verbindungen seitens der Universitätsbehörden. Die Versammlung beschloß ferner die Wünsche der jüdischen Jugend in einem Memorandum dem Rektor der Universität zu übermitteln, und behielt sich vor, nach erfolgter Antwort die Taktik näher zu bestimmen. In Ausführung dieses Beschlusses begab sich eine aus den Gg. Leder, Gellman und Frl. Karp bestehende Deputation zum Rektor der Universität, Professor Finkel, der sich zur Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität ad personam ziemlich günstig stellt. Der Rektor nahm das Memorandum entgegen und versprach in Kürze eine offizielle Antwort —, nach deren Einbringung der Kampf vielleicht in ein akuteres Stadium eintreten wird. Brief aus Mailand (Von unserem ^Berichterstatter.) Infolge der fast gänzlich mangelnden jüdischen Erziehung ist in Italien das Interesse für jüdische Dinge, also auch für den Zionismus, äußerst gering, und die hier existierenden zionistischen Vereine zeigen zum größten Teil wenig Leben. Eine Ausnahme hiervon macht die Mailänder Ortsgruppe,, in der, dank der Rührigkeit einiger Gesinnungsgenossen, eitrig gearbeitet wird. So wurde im Dezember eine zahlreich besuchte Makkabäerfeier veranstaltet, auf der eine Sammlung veranstaltet wurde, deren Ertrag zur Stiftung von 5 Oelbäumen auf den Namen des Kassierers Giuseppe G u a s t a 11 a verwendet wurde. Am 2. März fand ferner eine Purimfeier statt, an der mehr als 150 Personen, eine für Mailand sehr stattliche Zahl, teilnahmen. Die Festrede hielt unser Gg. Nathan, der, ausgehend von der Geschichte des Purimfestes, auf die bevorzugte Stellung hinwies, die der jüdischsen Frau zu allen Zeiten eingeräumt wurde. Heute stelle die zionistische Bewegung an die jüdische Mutter die hohe Aufgabe, die heranwachsende Jugend zum Judentum zu erziehen. Wenn in unserer Jugend die Liebe zu unserem Volkstum geweckt werde, dann werde der Zionismus über die besten Kräfte des Judentums verfügen können und in kurzer Zeit große Erfolge erringen. Zum Schluß wies der Redner auf die Bedeutung hin, die die zionistische Bewegung schon heute für das jüdische Leben in Palästina habe. An die Rede, die mit großem Interesse und Beifall aufgenommen wurde, schlössen sich musikalische Vorträge, die von ausgezeichneten, am hiesigen Konservatorium studierenden jüdischen Künstlern und Künstlerinnen ausgeführt wurden. Unserem Gg. Guastalla wurde dann das Diplom für die auf seinen Namen im Herzlwald gepflanzten 5 Oelbäume in dankbarer Anerkennung seiner jahrelangen unermüdlichen Tätigkeit für unsere Sache feierlichst überreicht. Die Sammlung für den Nationalfonds ergab 51 Lire, die nach Köln zur Eintragung der Mailänder Ortsgruppe in das Goldene Buch überwiesen wurden. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Mr. Zangwill und die Rothschilds Schon lange wirbt Mr. Israel Zangwill um die Gunst unserer Reichen, und es war auch keine verlorene Mühe. Ist doch der Schatzmeister der Emigrationsorganisation, deren Präsident Mr. Zangwill ist, kein geringerer als Leopold de Rothschild. Wie Mr. de Rothschild sein Amt ausübt, hat jetzt Mr. Zangwill öffentlich bekundet: der Schatzmeister gibt selbst die Mittel her, die er verwaltet. Dies ehrenvolle, wenn auch nicht überraschende Zeugnis wurde Mr. de Rothschild während eines Banketts zugunsten der Jüdischen Waisenanstalt ausgestellt. Dieses beliebte Mitglied der Familie Rothschild hatte eben das Glück, einem Mord- Attentat zu entrinnen, und Mr. Zangwill, dem; der Trinkspruch auf Mr. de Rothschild zufiel, ließ es sich nicht nehmen, seine Verdienste um die jüdische Gemeinschaft zu rühmen. Aber für Mr. Zangwill gibt es nicht nur eine itoistische Gegenwart, sondern er hat auch eine zionistische Vergangenheit. Er weiß, wie blutwenig die Philanthropie, mag sie auch die Philan thropie eines Rothschild sein, für die Lösung des großen jüdi sehen Problems beitragen kann. Die Worte, die er daher niefr nur an Mr. Leopold de Rothschild, sondern an die reiche zufriedene Judenheit im allgemeinen richtete, sollten ihren Widerhall finden. In Mr. de Rothschilds Gegenwart, sagte Zangwill, müsse er seine Unzufriedenheit mit ihm und seiner Familie ausdrücken. Er wünschte, die Rothschilds wären nicht so bescheiden. Sie scheinen nicht ihrer eigenen Macht bewußt zu sein. Zahllose Armenanstalten werden von ihnen unterstützt, aber sie schrecken zurück, etwas Großes für ihr Volk zu unternehmen. Das ist der große Fehler in ihrem Charakter. In seinem Unternehmen zu einer Lösung des jüdischen Problems sei ihm der Wirrwarr aufgefallen, der überall herrsche. Sogar die großen Philanthropen und die großen Verbände stünden einander feindlich gegenüber. In Frankreich hasse man die „Deutschen", in Deutschland die „Franzosen", und die Engländer arbeiten weder mit den einen noch mit den anderen. Mr. Leopold de Rothschild sollte es zu. seiner Pflicht machen, den Frieden unter den Juden herzustellen. Er (Zangwill) hätte nicht so gesprochen, wenn ihr: nicht die schrecklichen jüdischen Zustände dazu gezwungen hätten. — Soweit Mr. Zangwill, dessen Worte verständlicherweise peinliches Aufsehen unter den satten, heitergestimmten Gästen erregten. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Im Zeichen des Ritualtnordes Die Kiewer Ritualmordhetze wird immer bedenklicher uno ernster. Die Gerichtsbehörden bekunden eine geradezu rührentk Rücksicht auf die Hetzer von den patriotischen Organisationen Diesen Herren zuliebe, denen man die photographische Abbildung der Leiche Juschtschinskys und das Untersuchung* material bereits vor mehreren Monaten zur Verfügung stellte während Beilis und seine Verteidiger vergebens auf die An klageschrift bzw. auf das Anklagemateirial warteten, wurdk die Affäre Mischtschuk geschaffen, und wird jetzt der ganze Prozeß so augenfällig tendenziös arrangiert, daß mar eher den Eindruck eines phantasiereichen Romans aus den Zeitalter der Inquisition, als den eines unbefangenen Gericht^ falles gewinnt. Mischtsch u k, der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei, der die Ansicht vertrat, daß Juschtschinsky vor einer Verbrecherbande hingemordet wurde, und der nach diesei Richtung Recherchen anstellte, wurde bekanntlich seines Amte: enthoben und wegen Dienstverbrechens ins Gefängnis (geworfen Da nun die Pogromhetzer von der „Rechten" die Affär« Mischtschuk für ihre Zwecke ausnutzen, indem sie i; ihrer Agitation geltend machen, daß Mischtsch uks Tätigkei den Zweck hatte, die Gerichtsbehörde auf falsche Fährte zu lenken, so soll ihnen zuliebe über Mischtschuk jetzi schon abgeurteilt werden, noch bevor der Prozeß Beilis zur Verhandlung gelangt. Das Verhalten der Gerichtsbehörde den Verteidigern Beilis' gegenüber ist mehr als eigentümlich Für das Studium des außerordentlich umfangreichen Anklagematerials — mehr als 500 Bogen — hatten sie nur drei Tagt Zeit, nachdem Beilis die Anklageschrift überreicht worden war, darauf wurde das gesamte Material dem Staatsanwal' übergeben, in dessen Besitz es bis heute verblieb. Die Verteidiger hatten ferner seinerzeit an die Gerichtsbehörde da Gesuch gerichtet, zur Klärung der Frage nach dem „rituellen' Charakter des Mordes Experten heranzuziehen, ferner eim Reihe von Zeugen zu vernehmen, die einiges Licht über den geheimnisvollen Mord verbreiten könnten. Bis heute aber hat sich die Gerichtsbehörde jmit dem Ansuchen der Rechtsanwälte gar nicht befaßt. —