Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 DIEÄELT 361 Judenmission sein, die wir treiben können." Bis zum Jahre 1820 fiel es niemand ein, in den Juden etwas anderes zu sehen, als eine Nation. Erst die Emanzipatoren führten die Bezeichnung „Glaubensgenossenschaft" ein, denn sie sagten sich: „Wenn man in einer Zeit, in der die Religion keine Rolle spielt, die Juden eine Glaubensgemeinschaft nennt, ist dies der beste Schachzug, sie verschwinden zu machen." Sie haben richtig kalkuliert. Schon die zweite Generation war nur mehr jüdisch aus Pietät — vor der Pietät. Aus einem Judentum entstand eine Anzahl zusammenhange loser und sich vielfach bekämpfender „Israelitentümer", und schon sprechen erschreckende Anzeichen dafür, daß der Niedergang des Judentums in manchen Territorien bis zum völligen Untergang führe. Redner beleuchtet nun die Grundideen des Zionismus und seine Bedeutung für die Arterhaltung. Die ausgezeichneten Ausführungen, die natürlich auch wiederholt den Sombartrumrnel behandelten, lösten minutenlangen Beifall aus. Ueber Antrag des Gg. Adolf Böhm gelangte hierauf folgende Resolution einstimmig izur Annahme: „Die am 11. März im Hotel „Post" tagende jüdische Massenversammlung spricht aus, daß die von der israelitischen Kultusgemeinde gegen Sombart inszenierte Hetze lediglich dem Hasse gegen das nationale Judentum entsprungen ist, erklärt, unerschütterlich an dem zionistischen Ideale festzuhalten und die Beseitigung der reaktionären Herrschaft in der Wiener 'Kultusstube als eine wichtige Etappe im Kampfe für dieses Ideal anzusehen." Von den Gegnern, die alle zur Versammlung geladen worden waren, hatte sich kein einziger eingefunden. Beratung der Vertrauensmänner Unter dem Vorsitz des D. K.-Obmannes, Gg. Ludwig Batö, fand anläßlich der Anwesenheit Kurt Blumenfelds in Wien eine Beratung der Vertrauensmänner statt. Der Sekretär der Gesamtorganisation erstattete ein mehr als einstündiges Referat über die gegenwärtige Lage im Zionismus und die nächste, dringendste Arbeit. Die von ihm entwickelten Grundsätze für den Ausbau und die teilweise Neugestaltung der Organisation fanden ungeteilte Zustimmung. An der Diskussion beteiligten sich die Gg. Dr. Weisengrün, Ob.-Ing. Stricker, Ing. G r o a g , 1 ng. F r e u m d - 1 i c h und Adolf B ö h m. Gg. Batö nahm unter lebhaften Beifall der Versammlung Gelegenheit, dem engeren Aktionskomitee und seinem verdienten Sekretär für die ständige Fühlungnahme mit den Landesorganisationen und für die intensive Arbeitsleistung auf allen Gebieten zionistischer Betätigung Dank und Anerkennung auszusprechen. Es (gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher die Gesinnungsgenossen zur baldmöglichsten Aufbringung der westösterreichischen Zentralfondsquote verpflichtet werden. „Todestreue" Wir haben an dieser Stelle anläßlich der Handelskammerwahlen in Olimütz das mährisch -jüdische Problem behandelt und dargetan, daß die Stellungnahme der Juden im Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen auf der einen oder anderen Seite ein gefährliches Hazardspiel sei, das zwar nicht die gutsituierten Nächstbeteiligten, wohl aber die schuldlosen, seih wer ringenden kleinbürgerlichen jüdischen Existenzen >ft bitter büßen müssen. Die Wahlen sind vorüber und die deutschen haben ihren „Besitzstand" mit Hilfe der Juden gewahrt. An dem Stimmenverhältnisse ist aber zu ersehen, laß in absehbarer Zeit die künstlich erhaltene deutsche Herrchaft in den Handelskammern der Vergangenheit angehören vird. Das vom israelitischen Kultusgemeindepräsidenten Dr. ben geleitete „Mährische Tagblatt" ventiliert daher schon \ie Frage der nationalen Trennung der Handelsammern, die das einzig Natürliche und Gerechte wäre und ien nationalen Ausgleich um ein gutes Stück nach vorwärts 'rächte. Mit dieser Einsicht kommen die israelitischen Herren ■etzt, nachdem sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln üe jüdische Wählerschaft für die deutsche Kandidatenliste aranguiert haben! Dias genannte Organ spricht von der ei den Wahlen bewiesenen „Todestreue der Juden". Jaohl, es ist eine Treue, die so mancher jüdischen Existenz en Todesstoß versetzen kann. Nunmehr stehen die Brünner Handelskammerwahlen evor. Wieder dasselbe Bild: Der Kultusgemeindepräsident V. F i a 1 a , der ebenso wie die jüdischen Politiker dieser ladt, Dr. J a r o 1 i m, Dr. F i s c h 1 und Dr. Friedmann, em Teutonenwahne huldigt, arbeitet gemeinsam mit den genannten Führern an der Durchsetzung der deutschnationalen Kandidatenliste und bedenkt nicht, daß diese „Todestreue" einem nicht geringen Prozentsatz seiner von tschechischen Kunden abhängigen Gemeindeangehörigen wirtschaftlich furchtbar schädigen kann. Möge die Judenschaft endlich zur Besinnung kommen. Handelskammerwahlen sind überhaupt kein P o 1 i t i k u m , sondern haben rein wirtschaftlichen Charakter. Den Juden wird es daher doppelt leicht gemacht, das Neutralitätsprinzip zu wahren. Sie haben ohne Rücksicht auf die N a t i o - n a I i t ä t der Kandidaten diejenigen zu wählen, die das Interesse ihres Berufskreises am besten vertreten werden. Der „Jüdische N a t i o n a 1 v e r e i n für Oesterreich" hat seine Brünner Vertrauensmänner in diesem Sinne instruiert. Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Die letzten Tage brachten uns zwei nichtjüdische Gäste, die für unseren Gedanken anregend und bedeutungsvoll wirkten. Auf Einladung der Verbindung „Emunah" sprach Hubert Auhagen in Lemberg über P a 1 ä s t i n a. Sein Vortrag wurde vom Erstchargierten der Verbindung, stud. med. Boge n, eröffnet. In einer kurzen Ansprache wies er auf die erfreuliche Tatsache hin, daß Nichtjuden sich für den Zionismus interessieren und bemerkte im Hinblick auf den Referenten: „Wir sind durch den Zionismus nach Palästina, Auhagen durch Palästina zum Zionismus gekommen." Der Vortrag, der nach einer kürzeren theoretischen Auseinandersetzung in eine Erklärung der Lichtbilder überging, wirkte belehrend und erhebend. Wir waren stolz, daß die Leistungen der palästinensischen jüdischen Bauern einen nichtjüdischen Fachmann zu dem begeisterten Ausrufe bewegten: „Wie schön sind deine Zelte, Israel." — War der Vortrag von Auhagen für die Zionisten Und Palästinafreunde von Bedeutung, so war der von der Verbindung „Hasmonäa" veranstaltete Sombart Vortrag ein Ereignis, welches einen guten und starken Findruck in assimilatorischen und nichtjüdischen Kreisen hervorrief. Der über 1000 Menschen fassende Saal der Lemberger Philharmonie war überfüllt, so daß hunderte von Neugierigen keinen Eintritt mehr erlangen konnten. Unter den Versammelten merkte man orthodoxe Juden und Christen, wie auch die bekanntesten Vertreter der Assimilation. Aufsehen erregte die Anwesenheit der Universitätsprofessoren K e m p i n s k i , Makare wiez und des gewesenen Ministers und jetzigen Führer der Allpolen, G labin s k i. Der Inhalt des Sombartschen Vortrags ist bereits bekannt, ich beschränke 'mich deshalb bloß auf die Schilderung des Findrucks, den er auf die Versammelten und auf die öffentliche Meinung des Landes ausübte. Ganz besonders stark wirkte der zweite Teil der Sombartschen Auseinandersetzungen, der die Unmöglichkeit der Assimilation behandelte. Für uns Zionisten waren die Gründe Sombarts nicht neu. Wir haben es stets hervorgehoben, daß zu einer Assimilation immer zwei Völker nötig sind, daß die einseitige Willensäußerung eines Teiles von einem Volke dazu nicht genüge, daß die Assimilation weder für uns noch für die anderen und schon gar nicht für die Menschheit wünschens- und erstrebenswert ist. - Uns wollte man meist nicht einmal anhören. Sombart, der Nichtju.de, der Mann der Wissenschaft, sagte ganz klar und deutlich: Eine vollständige Assimilation ist nur durch Blutmischung möglich. Diese aber wollen wir nicht, sagte der Nichtjude und fand unter der jüdischen gesunden Masse volles Verständnis. Wir wollen sie auch nicht. Wir sind überzeugt, daß trotz der von assimilatorischer Seite angestrengten Sombarthetze, die in dem galizischen jungassimilatorischen Organe, der „Jednosc", einen rüstig arbeitenden Helfer gewann, die Worte des Vortrages alle ernst denkenden und ehrlichen Assimilanten zum Nachdenken stimmen werden. Mehr wollten wir nicht erreichen und sind überzeugt, daß es für einen denkenden Juden nur zwei Wege gibt: Jude zu sein oder nicht zu sein. — Einige Stimmen der polnischen Presse, die sich gerade mit dem Vortrage von Prof. Sombart gründlich befaßte, teile ich Ihnen demnächst mit. — Der Verbindung „Hasmonäa" gebührt der Dank für die mühevolle Veranstaltung des Vortrages. — Auch die Lemberger Universität ist in den letzten Wochen der Schauplatz des Kampfes der jüdischen Hochschüler um die Anerkennung der jüdischen Nationalität geworden, der