Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Schreiber dieser Zeilen die Aufnahme einer sachlichen Antwort. Nur der aufrichtig liberal gesinnte Freiheitskämpfer Dr. Lille hat sich bereit erklärt, die genannte Antwort in seiner Zeitung „Nya Pressen" als Leitartikel zu veröffentlichen. Nun hörten die so stolzen und verschlossenen Aristokraten Finnlands zum erstenmal ein wahres Wort über Juden und Judentum, und ihre versteinten Herzen wurden etwas weicher. Die Leiter der finnländischen Politik waren prinzipiell für die Gleichberechtigung der Juden gewonnen. Aber wie weit war da wiederum die Praxis der Behörden von den Prinzipien der Landtagsabgeordneten! Die Regierung beantwortete vielmehr im Herbst 190$ dieses prinzipielle Entgegenkommen der Abgeordneten mit dem Verbot des rituellen Schächtens — der humanitäre Sinn der Regierung war den Tieren gegenüber viel größer als den Menschen. Während im Namen der Barmherzigkeit das rituelle Schächten den Juden untersagt wurde, sind viele jüdische Arbeiter samt Familien, mitunter direkt vom Krankenlager, in grausamster Weise ausgewiesen worden. Eine jüdische Deputation, die sich im vergangenen Sommer an den russischen Generalgouverneur S e y n um Aufhebung des Schächtverbotes wandte, bewirkte nur eine schärfere Kontrolle der Polizei und demzufolge wurden mehrere Juden ausgewiesen. Das geschah, nachdem der Landtag von 1910 für die Gleichberechtigung der Juden gestimmt hatte. Nun wissen wir zwar, daß die ganze Abstimmung in einem Moment erfolgte, als die Auflösung des Landtages schon beschlossen war. Wir wissen auch, daß diese Abstimmung nur ein Scheinmanöver war, um Stimmung für Finnland in Europa zu machen. Jetzt, nach der Einverleibung Finnlands durch Rußland, müssen zahlreiche Finnländer selbst den Wanderstab nehmen und, wie einst die Juden aus Palästina, in die vier Weltgegenden ziehen. Wir wissen es, was das für ein Volk bedeutet. Die finnländische Regierung will es aber noch heute nicht wissen, was es heißt — arme jüdische Handwerker und Kaufleute, die ihr Brot in Finnland suchen, auszuweisen und ins Elend zu stoßen. Prof. M. Mandelstamm Aus Kiew kündet uns eine Trauerbotschaft den Tod des Herrn Prof. M. Mandelstamm an. Mit dem Heimgegangenen tritt eine markante Persönlichkeit vom Schauplatz national-jüdischer Tätigkeit. Mit Genugtuung erinnern wir uns der Jahre, wo Mandelstamm wacker in unseren ersten Reihen stritt; mit Wehmut gedenken wir der Entwicklungen, die ihn schließlich veranlaßt haben, jene Reihen, mit denen ihn jahrelang innige Gesinnungsgemeinschaft verknüpft hatte, zu verlassen. Die Meinungen des ausgezeichneten Gelehrten und Volkstribuns konnte man zuweilen anfechten; an der idealen Reinheit seiner Gesinnung war nirgends ein Zweifel. Trotz seines formellen Rücktritts aus unseren Reihen, blieb der Verewigte im Innersten seines Herzens uns treu und ergeben und unterhielt mit manchem von uns die allerherzlichsten Beziehungen. Er schwärmte noch in letzter Zeit von einer Reise nach Palästina. Dr. Mandelstamm war eine Zierde des Judentums im allgemeinen und der in Rußland lebenden Juden im besonderen. Er war ein Fürst im Reiche des Wissens, ein Mann von vornehmer Denkart, von zuverlässigem Charakter. Sein Hinscheiden ist ein schmerzliches Unglück für die vielen Tausende, die den Reiz seiner Persönlichkeit begriffen und geschätzt haben; es ist auch ein Unglück für die jüdische Gesamtheit. Mandelstamm hatte sich mit eigener Kraft, durch unermüdlichen Fleiß, durch eine nur äußerst selten anzutreffende Selbstlosigkeit zu der angesehenen Stellung emporgerungen, in die er nach und nach einrückte. Er war besonders in den letzten Jahrzehnten seines reichen Lebens eine der populärsten Persönlichkeiten Rußlands. Er gehörte zu den beneidenswerten Menschen, die keine Gegner haben. Vor der Größe dieses Charakters mußte auch der unerbittliche Judenhaß einer antisemitisch so verseuchten Gegend, wie es das Westgebiet Rußlands ist, verstummen. Für die Genesung Mandelstamms wurden nicht nur in Synagogen, sondern auch in christlichen Kirchen Bittgottesdienste veranstaltet. Professor M. Mandelstamm Der Verewigte hat sich in den Herzen unserer Brüder ein Denkmal gestiftet in seinem wohltätigen Schaffen, in seiner zionistischen Arbeit und in der ersprießlichen Tätigkeit für das Wohl unserer Auswanderer. Wir werden ihm für alle Zeiten ein treues, dankbares und ehrendes Angedenken bewahren. ♦ * Das Aktionskomitee hat an die Gattin Dr. Mandelstamms folgendes Telegramm gerichtet: „Tief erschüttert von dem Heimgange Ihres verewigten Gatten sprechen wir Ihnen und Ihrer Familie unser schmerzliches Beileid aus zu dem schweren Verlust, der Sie betroffen hat. Mit Ihnen trauert die gesamte jüdische Nation über das Hinscheiden des Mannes, der lange Jahre hindurch in unermüdlicher Arbeit für sein Volk aufgegangen ist. Möge Ihnen bei dieser schweren Heimsuchung das Bewußtsein zum Trost gereichen, daß Unzählige mit Ihnen empfinden, was Sie, was wir alle verloren haben. Seien Sie sicher, daß der Verewigte im treuen und ehrenvollen Gedächtnis seines Volkes, für das er gelebt und gewirkt hat, lebendig bleiben wird."