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Die Welt · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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fühlten, ist nicht zu verwundern. Befanden sie sich doch jetzt endlich auf freiem Fuße und konnten außerhalb der Kaserne Luft schöpfen. So kam es denn auch, daß sie mit der Zeit auch mit neuen Kleidern und anderen Konfektioinsartikeln zu handeln begannen. Die finnländische Regierung machte ihnen keine besonderen Schwierigkeiten beim Ergreifen dieses neuen Handelszweiges, aber sie bestand auf der Errichtung eines, vom Zentrum der Stadt abgelegenen „Judenmarktes". So war der Handel für die Juden auch innerhalb der städtischen Zone eingekreist und von den anderen Handelsstätten völlig abgeschnitten. Viel Ehre hat zwar dieser „ j u d e n - t ü m 1 i c h e " Markt den Juden nicht eingebracht, andererseits bietet er uns doch die beste Illustration für die Fähigkeit, Sparsamkeit und Ausdauer auch dieser alten jüdischen Soldaten. Viele von ihnen haben sich emporgearbeitet und eröffneten große, modern eingerichtetete Geschäfte in beliebigen Teilen der Stadt, ohne bei der Behörde viel darum nachzusuchen. Die Regierung hat aber in solchen Fällen auch ihrerseits die Augen zugedrückt und ist passiv geblieben. Ebenso unbeachtet ließen die Juden das Gesetz, welches ihnen die Ehe untersagt. Allerdings mußten eine Zeitlang ihre Frauen offiziell nur als Schlwestern, Nichten oder sonstige Verwandte, die zum Besuch kamen, angemeldet werden. Erfuhr zufällig die Regierung von diesem „Betrug", so mußte das Paar, mitunter schon als Großeltern, als Brautpaar vor der Polizei erscheinen und sich öffentlich seine Ehe bestätigen lassen. Nur das alte, von Generation auf Generation vererbte sittliche Leben der Juden vermochte auch die alten jüdischen Soldaten in Finnland vor Mischehen zu schützen und die alte jüdische Sitte zu wahren. So ist es ja auch Pharao nicht gelungen, die jüdiseb-rechtntaßigen Ehen durch Bedrohung und Vernichtung ihrer Sprößlinge zu unterbinden und einzuschränken. Wo das materielle Leben gedeiht und die Jugend blüht, wird auch das Gemeininteresse im geistigen und religiösen Leben reger. Nach und nach begannen kleine Gebethäuser zu entstehen. Rabbiner und Lehrer wurden berufen und alt und jung mußte sich mitunter zugleich das Alphabet einprägen. Zur Belehrung der Juden in Finnland hat die unablässige Tätigkeit der Rabbiner B u k a n z in Helsingfors und Senior Salomon Segal in Wiborg Jahrzehnte hindurch beigetragen. Bei Leuten, die die Hälfte ihres Lebens in der Kaserne zugebracht haben, war der Posten eines Geistlichen doppelt schwierig und dornenvoll, denn für Menschen, die keine Erziehung genossen haben, gilt keine Autorität. Die Rabbiner mußten da zuerst die Religiosität und die Bildung der Alten heben, um an die Jugenderziehung schreiten zu können. Das war nach jeder Richtung hin schwer, aber nicht erfolglos. Die Lehrer J. S. S c h a p i r o und Dr. Günzburg haben es sogar in den 90 er Jahren in Helsingfors so weit gebracht, daß die Jugend genügend talmudische und hebräische Kenntnisse aufweisen konnte. Damit war der erste Schritt getan, die durch die Tätigkeit der Mission bedrohte Jugend dem Judentum völlig zu gewinnen. Denn fast kein Land ist von so zahlreichen christlich-theosophischen und Missionsgesellschaften überflutet, wie Finnland. Die schmeichlerische Freundschaft der Berufsmissionäre haben viele als bare Münze genommen, und das Netz dieser „Freundschaft" war schon von allen Seiten gut ausgebreitet. Die jüdische Jugend in Finnland, die sich im Lande heimisch fühlt und die Landessprachen (Finnisch und Schwedisch) als Muttersprachen spricht, zeigte tuch bald eine ausgesprochene Neigung zur Assimilation. Nur der übermäßige Fanatismus, mit dem die Alten stets sorgfältig genährt worden waren, vermochte auch das Judentum ler Jugend aufrecht zu erhalten. Denn, im Gegensatz zu Rußend, sind die Schulen in Finnland auch für die Juden ohne jede Beschränkung offen und der Schulzwang kennt keine Ausnahmen. Wäre also da kein Gegengewicht vorhanden, so hätte die neue Generation bald alles von sich abgeschüttelt, was sie von den Vätern geerbt. Allerdings hat auch dieser Fanatismus seine schlechte Wirkung hinterlassen. Hand in Hand mit dem religiösen Fanatismus geht bei den Juden aller Zeiten und aller Länder die sog. „Ma-jafith-Tradition", d. h. die Juden streng orthodoxer Gesinnung ziehen es zumeist vor, die sie drückende fremde Hand zu küssen und dabei ihrem Verfolger noch einen "Hymnus zu singen. Die fanatischen Juden in Finnland sind auch große Anhänger dieser Tradition gewesen. Nie haben diese Männer es verstehen können, wie eine Minderheit von ca. 2000 Seelen unter einer Bevölkerung von 2V2 Millionen ihre Menschenrechte öffentlich verlangen könnte. Im Gegenteil, sie glaubten vielmehr den Haß des Volkes noch mehr heraufzubeschwören, wenn die Geffentlichkeit von dem Wohlstand der Juden trotz der einschränkenden Gesetze etwas erfahre. Als ich vor einem Jahrzehnt den Plan einer öffentlichen Agitation und der Gründung eines Vereins für die Judenemanzipation entwarf, wurde ich bald als höchst gefährlich abgewiesen. So blieb für die Juden in Finnland bis 19Ü5 die hintere Tür des Polizeiamtes die einzige Stelle, wo sie — meist vergeblich —• ihr Recht suchten und sich dabei der Laune und Willkür der Polizei aussetzten. Erst im Jahre 1905, als die Freiheitsbewegung in Rußland gewaltige Dimensionen angenommen hatte und Finnland über Nacht für sich das allgemeine Stimm- und Wahlrecht errang, begann es auch unter der jüdischen Jugend in Finnland zu gären. Es wurde zunächst ein Komitee für die Emanzipation der Juden gebildet und eine große Agitation durch die Presse wie durch öffentliche Vorträge und Resolutionen entfaltet. Nun konnten wir die Meinung des finnischen Volkes deutlich erfahren, wir erkannten nun, wer für uns und wer gegen uns sei. Nicht das Volk — die Bauern und die Arbeiter — waren gegen die Gleichberechtigung der Juden. Nein! Diese waren vielmehr empört, als sie von den Zigeunerrechten der Juden vernahmen. Gegen die Gleichberechtigung der Juden waren nur die Kaufmannschaft, die Adeligen und nicht zuletzt die Geistlichen, die evangelischen Pastoren, also diejenigen Stände, welche schon in den 70 er Jahren jede freiheitliche Lösung der Judenfrage im Landtag verworfen hatten. Gegen diese Gegner konnte man aber durch Agitation unter den großen Volksmassen nicht viel ausrichten. Die Majorität des Landtages bestand aus Nationalliberalen, den Jungfinnen und Schwedomanen und aus den konservativ-reaktionären Altfinnen (Antisemiten). Um die Judenfrage vor den Landtag zu bringen, muß der Senat die betreffende Petition zuerst begutachten. Der finnländische Senat war aber in der goldenen Aera des vielgenannten Leo Mechelin der Judenfrage überhaupt nicht zugänglich. Als Senatspräsident hatte es dieser Mann in seiner Hand, auf administrativem Wege einige Striche durch die Judengesetze zu machen und somit diese große Schmach zu tilgen, aber er tat es nicht. Die Erhaltung der traditionellen Judengesetze hat auch ihre Verteidigung in einem großen Teil der finnisch-schwedischen pseudoliberalen Presse gefunden. Die führende Tageszeitung der finnischschwedischen Aristokratie, „Hufvudstadesbladet", die von Magister Frenckell, einem dem Judentum abtrünnig gewordenen Einwanderer, geleitet wird, war stets für die Interessen der Juden unzugänglich. Hingegen bemühte sie sich stets, die geistigen Fehler und Gebrechen der Juden hervorzuheben. Als am 2. Mai 1908 auf einer allgemeinen Zusammenkunft der Kaufmannschaft Finnlands in Helsingfors Schmähungen und Verleumdungen gegen die Juden als Bekenner des Mosaismus und Anhänger des Talmuds in plumper Weise vorgebracht wurden, verweigerte der „liberale" Herr Frenckell dem

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