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Die Welt · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr- 12 DIEÄELT 357 Opfersinn und Tatkraft (Ein Vorschlag) Wenn es eines Beweises bedürfte, daß die Zionisierung des jüdischen Individuums mit der Einreihung in die Organisation nicht vollendet ist, daß in den meisten Fällen ein langer innerer Prozeß das zionistische Wollen intensiviert, daß vielleicht erst in den kommenden Generationen die Kraft vorhanden ist zu der herbeigesehnten nationalen Tat, so genügt ein kleiner Hinweis auf die Entwicklung der zionistischen Institutionen. Es besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen der Kraft unseres nationalen Wollens und dem Wachstum unserer Volkseinrichtungen; und Jean Fischer hat ganz recht, wenn er in der Erkenntnis dieses Zusammenhanges bei Gelegenheit der jüngst von der „Welt" veranstalteten Rundfrage zur Entwicklung des zionistischen Gedankens es für unsere Aufgabe erklärt, alle unsere Gesinnungsgenossen dazu zu erziehen, einen Teil ihres Vermögens in Palästinaunternehmungen anzulegen. Ein höchst wichtiges Erziehungsproblem. Das Baseler Programm statuiert als eines der Mittel zur Erreichung unseres Endzieles die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins und macht keinen Unterschied zwischen Zionisten und außerhalb unserer Organisation stehenden Volksgenossen. Die zu lösende Aufgabe besteht in der Stärkung des Volksbewußtseins in der großen Masse unserer Anhänger. Denn die alleinige Kraftquelle, aus der alle zionistischen Regungen entspringen, ist das Volksbewußtsein — das Bewußtsein des unlöslichen Verwachsenseins der Volksgenossen mit der Nation und ihren Interessen. Wir besitzen ein Institut, dessen erfreuliches Wachstum wir von Jahr zu Jahr feststellen können. Aus der Regelmäßigkeit der Eingänge des Jüdischen Nationalfonds, aus seiner unbestreitbaren Volkstümlichkeit können wir mit gutem Grund auf ein lebendiges Volksbewußtsein schließen. Aber ist diese Leistung etwas neues, dessen wir Zionisten uns besonders rühmen dürfen? Der Nationalfonds heischt Opfer von uns — mehr oder weniger stark fühlbare. Diese Regung unseres Volksbewußtseins unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was wir von jeher als die starke Seite unseres Volkes haben bewundern können. Immer war unser Volk stark im Entäußern, im Entbehren, in der Betätigung des Opfersinns. Ein Teil davon ist auch die bis auf den heutigen Tag von den uns fernstehenden Kreisen des jüdischen Volkes nach allen Richtungen geübte Wohltätigkeit. Zur Nationalfondsspende bedarf es keiner besonderen Erziehung mehr — sollte es wenigstens nicht bedürfen —, wir brauchen nur die altehrwürdige starke Seite unseres Volkes weiter wie bisher zu pflegen. Das Volksbewußtsein soll aber nicht nur zum Opferbringen befähigen; es soll daraus vor allen Dingen die Kraft zur lebendig wirkenden Volkstat erwachsen. Daran hat es bisher gefehlt. Das ist die Kraft, die durch den Zionismus im Volke geweckt werden soll. Tatkräftige Juden sollen erstehen. Hier muß künftig die starke Seite des jüdischen Volkes liegen. Damit diese Tatkraft, jetzt nur eine schwach rieselnde Quelle, in mächtigem Strome fließe, ist es nötig, unser Volksbewußtsein zu befestigen, zu härten, zu vermännlichen. Die zionistische Auffassung, daß unser Leben mit dem Schicksal unseres Volkes unlöslich verbunden ist, verlangt gebieterisch, unser Einzelgeschick mit dem Boden Palästinas irgendwie zu verknüpfen. Diese Tat ist von einzelnen in bewunderungswürdiger Weise vollbracht. Die russischen Studenten, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Erez Israel gezogen sind, um dort als Bauern auf ihrer Scholle zu leben, haben ein glänzendes Beispiel jüdischer Tatkraft und jüdischen Heldenmutes gegeben —; auch des Opfermtlfes. Aber die Tat ist das wesentliche, nicht das Opfer. Noch hat jene Einzeltat im jüdischen Volke nicht die fortreißende Wirkung des Sturmwindes, kann sie nicht haben, braucht sie auch wohl nicht zu haben. Doch muß heute schon das Volksbewußtsein der organisierten Zionisten so stark sein, daß sie als unabweisbare Pflicht empfinden, mit ihren materiellen Kräften an den Arbeiten zur Hebung der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Palästinas ernstlich teilzunehmen und auf jiiese Weise wenigstens mittelbar ein Band mit dem Lande ihrer Sehnsucht herzustellen. Das ist der Sinn der finanziellen Beteiligung an unseren Palästinaunternehmungen, an unseren Banken und unseren Landgesellschaften. Es war einmal die schöne Idee, jeder Jude solle einen Share der jüdischen Kolonialbank besitzen. So erhebend dieser Gedanke auch sein mag, die Tat hätte doch nur einen symbolischen Charakter gehabt. Im Anfang unserer zionistischen Epoche war die Tat — nicht das Symbol. Wir Zionisten müssen über das Symbol, über die bloße Andeutung hinweg zur wirklichen Tat gelangen. Wer sich mit einer symbolischen Handlung begnügt, d. h. wer nach seinen Vermögensverhältnissen 100 und mehr Anteile besitzen müßte, in Wirklichkeit aber nur eine winzige Anzahl Shares besitzt (von den Genügsamen nicht zu reden, die sich nicht einmal symbolisch geben), für den hat die Beteiligung nicht den Charakter einer Tat, die sein Interesse mit der Entwicklung Palästinas verknüpft, sondern nur die Bedeutung einer Spende, eines geringfügigen Opfers. Diese symbolische Beteiligung ist Geist vom alten Geiste des Golusjudentums. Es ist nicht schwer zu beweisen, daß fast allgemein die bisherige Beteiligung an den Institutionen unserer Bewegung den soeben gekennzeichneten Zug aufweist. Wie wäre auch sonst der für Finanzinstitute unglaubliche Zustand zu erklären, daß ein erheblicher Teil der Dividenden gar nicht abgehoben wird! Denn das ist charakteristisch für die symbolische Beteiligung: Sie ist widernatürlich selbstlos; sie ist gegen alle Gesetze des Weltalls nicht mit dem Herzen bei der Dividende. Und da scheint mir der Punkt, wo in unserm Erziehungsproblem angesetzt werden muß. Die Dividende ist für die Lebenskraft eines Finanzinstituts von zweifelloser Bedeutung. Und niemand verkennt, daß die Lebenskraft unserer Palästinainstitutionen eine notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit an der palästinensischen Entwicklung ist. Man kann als Jude unschwer ein ideales Interesse an den Operationen unserer Institutionen gewinnen. Wer aber ernstlich und vertrauensvoll ein Stück von seiner materiellen Kraft einbringt, um so indirekt mitzuarbeiten, für den geht notwendig das persönliche — ideelle und materielle — Interesse an der Dividende parallel mit dem ideellen und materiellen Interesse an den Erfolgen des Instituts. Also müssen wir ein anderes und zwar ein gesundes Verhältnis zur Dividende anbahnen, um uns zu wirklich würdiger Beteiligung zu erziehen. Und das ist sehr wohl möglich, da die Dividende unserer Bankinstitute ganz zufriedenstellend, zum Teil sogar sehr zufriedenstellend ist. Wir werden die Dividende künftig nicht mehr verfallen lassen; das wäre eine Versündigung gegen den heiligen Geist des Kapitals. Wir wollen sie aus Gründen der Erziehung auch nicht achtlos dem Jüdischen Nationalfonds überweisen. Wir wollen auch nicht gleich davon die Bedürfnisse des >v i

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