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Die Welt · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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nichts. Der Zionismus hat ein Recht, hier anzuklagen. Denn wenn seine eigentlichen Aufgaben und Ziele auch auf einem anderen Gebiete liegen, so hat er doch durch die ihm eigentümliche jüdische Weltanschauung einen großen Teil der Jugend und auch der Aelteren mit Begeisterung für das Judentum zu erfüllen und sicherlich viele schon Schwankende vom Abfall abzuhalten verstanden, eine Tatsache, die sogar von den zufriedenen Rabbinern auf den Kanzeln und den liberalen Gemeindevertretern in den Wahlversammlungen anerkannt werden muß. Wo ist der siegesbewußte, missionsfreudige und tatenlustige jüdische Nachwuchs dieser besoldeten und ehrenamtlichen jüdischen Gemeindevertreter? Anstatt einen Stein auf den Täufling zu werfen, sollten Vorsteher und Rabbiner der großen deutschen Gemeinden sich selbst an die Brust schlagen und sich selbst großer Unterlassungssünden zeihen, denn an dem Wachsen der Taufbewegung tragen sie selber mittelbar die Hauptschuld. Es ist nicht dürres Laub, das, wie man häufig selbstgefällig sagen hört, abfällt, sondern es sind — einzelne Gewinnsüchtige natürlich ausgenommen — mit die Besten, die uns verloren gehen, weil sie das Judentum für etwas Ueberholtes und Antiquiertes halten. Daß sie reichlich ersetzt werden, und daß ein starker Nachwuchs vom Osten kommt, ist eine Fabel. Kundige wissen, daß besonders in Rußland heute Strömungen im Judentum vorhanden sind, die mit dem Christentum liebäugeln, und die Geschichtsschreiber der Judenmission belehren uns, daß von der Viertelmillion Judentaufen des 19. Jahrhunderts gerade auf die beiden östlichen Länder Rußland und Oesterreich die höchsten Ziffern von 84 000 und 44 000 Austritten entfallen*). Sehnsucht Je mehr wir an den Ausbau unserer Institutionen gehen und je mehr wir die Wichtigkeit der praktischen Ausführung der Kleinarbeit erkennen, die wir leisten müssen, um so mehr verstehen wir auch, daß darunter die große Schwungkraft nicht leidet, die den Zionismus als die Bewegung des jüdischen Volkes geschaffen hat und ihn vorwärts treibt. Gerade bei der praktischen Arbeit wird uns die gewaltige treibende Kraft des nationalen Gedankens und der uns innewohnenden Gefühle klar. Diese Gefühlswelt, die in der Zionsliebe die Sehnsucht der Juden nach entschwundener Herrlichkeit kristallisiert, die ebenso sehr den tiefen Judenschmerz empfindet, wie sie die Glut des hohen Liedes im1 tiefsten Herzen spüren läßt, ist doch im letzten Grunde die treibende Kraft der zionistischen Weltbewegung. Ohne die immanente Liebe zu Zion wäre der Zionismus niemals aus den Verstandesgründen entstanden, die ihn durchaus rechtfertigen. Darum legen wir auf die Liebe zum Lande der Väter als dem Lande unserer Zukunft den Wert der wichtigsten Grundlage unserer ganzen Idee und unserer fortschreitenden Bewegung. Diese Liebe ist aber doch zum Teil wenigstens bedingt durch die Kenntnis des herrlichen Landes an der ewigschönen mittelländischen See. Wer einmal im Lande Israel gewesen ist, den zieht es dauernd mit allen Fasern seines Herzens dahin zurück, und es ist eine Tragödie, die im Herzen manches von uns sich abspielt, der dort war und dem der Mangel an materiellen Mitteln die Rückkehr in das heißgeliebte Land noch unmöglich macht. Wie wichtig für den Fortschritt des Zionismus der, wenn auch nur vorübergehende Aufenthalt im Lande Israel ist, hat der deutsche Zionismus an sich erfahren. Er wurde erst bemerkbar, als seine ersten Vorkämpfer sich die junge Kraft der Begeisterung geholt hatten, die nur aus der Kenntnis des Landes begreiflich ist. Und in den Tagen, wo man vielfach die Wichtigkeit der praktischen Betätigung im Lande Israel noch nicht zur Genüge erkannte, war doch die Kenntnis des Landes Israel und der dortigen Arbeit das weitaus beste Agitationsmittel in den Händen unserer damaligen Vorkämpfer. Das alte Heimatland ist auch in diesem Sinne der Jungbrunnen, aus dem wir immer wieder neue Kraft der Propaganda holen. Darum ist es doppelt notwendig, daß wir alle unsere Kraft daran setzen müssen, — so weit wir zu unserem Leidwesen nicht selbst an dem Aufbau unseres Volkstums an Ort und Stelle mitwirken können —, wenigstens einmal im Lande der nach Zion UBn,, nbv3 nhv Ahnen geweilt und die Arbeit gesehen zu haben, die für die Nachkommen dort fundamentiert wird. Wir sollen nicht bloß mit dem Herzen und dem Munde Zionsliebe fühlen und reden, sondern den Gegenstand unserer Liebe einmal selbst aufsuchen. Gewiß, dem stehen — wir wissen das selbst am besten — die größten materiellen Hindernisse im Wege. Die wenigsten sind aus eigener Kraft in der Lage, die für bürgerliche Verhältnisse nicht unbedeutende Summe zu einer solchen Reise zu erübrigen. Um so wichtiger ist es, daß die Hamburger zionistische Ortsgruppe, der wir schon so manche wertvolle Anregung verdanken, jetzt die Möglichkeit geschaffen hat, daß wenigstens einige, die sonst nicht dazu in der Lage wären, imstande sein sollen, das Land der Väter mit eigenen Augen zu schauen. Ganz wie von Hamburg aus durch den zu diesem Zweck gegründeten Literaturverein die zionistischen Bücher mittels Verlosung in die breite Oeffentlichkeit getragen werden, so hat sich aus der Ortsgruppe Haniburg-Altona eine „Palästina-Reise-Gesellschaft" gebildet, die durch die Ermöglichung einer Reise in das Land Israel ihren Mitgliedern eine bessere Kenntnis vermitteln und in ihnen jene Liebe zu Zion entfachen will, die aus einem Besuche des alten Heimatlandes von selbst emporflammt. Natürlich wird bei der Auslosung nicht gleich jeder, der den Beitrag von 10 Mark jährlich zahlt, schon im ersten Jahre die Mittel zur Reise erhalten. Aber abgesehen davon, daß wir alle das gleiche Interesse daran haben, daß möglichst viele Juden und besonders Zionisten einmal wenigstens selbst im Lande der Zukunft gewesen sein sollen, ist dies für die allermeisten wohl der einzige Weg zu der Hoffnung, doch einmal wenigstens die Sehnsucht nach Zion stillen zu dürfen. Aus diesen Besuchen wird ein ungeahnter Segen für die praktische Arbeit, eine Fülle von begeisternder Liebe hervorquellen, die der Zionsarbeit zugute kommen wird. Wir sind in den letzten Jahren endlich dazu gekommen, daß niemand im ganzen Lager des Zionismus daran Zweifel hegt, daß die praktische Inangriffnahme der Arbeit der einzige Weg ist, der uns jetzt dem Ziele näherbringen kann. Dasselbe gilt aber von der Sehnsucht nach Zion. Auch diese soll aus der Träumerei und dem sehnenden Wunsche zu praktischer Betätigung übergehen, zu wirklichen Besuchen des Bodens, auf dem wir unser Volk neu fundamentieren müssen. Zu diesen notwendigen Besuchsreisen ist der Weg durch die Hamburger Reisegesellschaft *) De le Roi: Judentaufen im 19. Jhd. Lpz. 1899, S. 49.

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