Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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352 DIE^qKELT: Nr. 12 Austritte überhaupt und besonders der der Frauen -erheblich abnimmt. Scheinbar mußten sie wegen der Vorbereitungen zur Reise und der Abwesenheit aus Berlin diese minder wichtigen Aeußerlichkeiten ein wenig verschieben*). Im übrigen aber sind vom Kurfürstendamm und der Tiergartenstraße bis, nach Rixdorf, der Naunynstraße und dem Grünen Weg alle Stadtgegenden, und auch alle jüdischen Vornamen von Klaus und Ingeborg bis David Leib in den Listen vertreten. Am beklagenswertesten ist sicherlich die verhältnismäßig große Zahl von 14 Austritten kleinerer Handwerker und Angestellter**), d. h. die starke Beteiligung auch der ärmeren Klassen, die bisher wenigstens immer noch als eine Stütze des Judentums und sogar häufig des gesetzestreuen gegolten hatten. Welches sind die Gründe dieses rapiden Anwachsens der Judentaufen in Berlin? Der persönliche Ehrgeiz der Täuflinge kommt, wie wir gesehen haben, nur für die Minderzahl der Fälle in Betracht. Außer bei den 10 oben schon angeführten Akademikern mag er vielleicht auch bei einem Teile der 32 unverheirateten Frauen mitgespielt haben. Der einzige Grund ist er keineswegs. Dem Nivellieren aller idealen Lebenswerte, besonders in den wohlhabenden jüdischen Bürgerkreisen und der damit einhergehenden verhätschelnden und verweichlichenden Kindererziehung schreibe ich die Hauptschuld an dem Umsichgreifen der Taufbewegung gerade in den Großstädten zu. Die Sorge der Eltern um ihre Kinder, die Furcht, daß diesen später einmal durch ihre Zugehörigkeit zum Judentum vielleicht Schwierigkeiten im öffentlichen Leben erwachsen können, bestimmt die meist nur nach dem Erfolg urteilenden Eltern, durch einen rechtzeitigen Austritt aus dem Judentum ihren Kindern wenigstens die äußeren Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die sie trotz großen Fleißes und starker Kämpfe für sich nicht beseitigen konnten. Daß aber diese jüdischen Eltern, die meistens noch in jüdischer Sitte und Art aufgewachsen sind und auch häufig für ihre eigene Person noch stark am Judentume hängen, diesen Schritt um ihrer Kinder willen tun und ihn verhältnismäßig leicht tun, hat einen tieferen Grund, Was bietet die offizielle Vertretung des deutschen Judentums diesen Schwankenden, das sie außer der Pietät und der leidigen Gewohnheit am Judentume fesseln könnte? In Berlin geschieht von Seiten des Vorstandes und der Rabbinen, als ihren geistigen Bevollmächtigten, in dieser Hinsicht nichts! Das Rabbinertum ist in Deutschland allmählich zum Predigtgewerbe herabgesunken. Nach einem kurzen Studium, in dem die jüdisch und wissenschaftlich wenig vorgebildeten jungen Leute schon sehr früh ihr Augenmerk auf die praktische Seite *) Die Uebertritte im Jahre 1911 verteilen sich auf die einzelnen Monate wie folgt: Monat Männer Frauen Gesamtzahl 25 15 40 Februar ..... 10 7 17 7 9 16 13 11 24 14 8 22 12 2 14 Juli...... 4 1 5 12 — 12 September .... 2 4 6 Oktober .... 15 5 20 November .... 9 8 17 Dezember .... 25 6 31 148 76 224 **) Und zwar: 1 Arbeiter, 3 Buchdrucker resp. Setzer, 2 Schlosser, l Techniker, 1 Tapezierer, 1 Mechaniker, 2 Zuschneider, 1 Bureauhilfearbeiter, 2 Handlungsgehilfen. ihres späteren Berufes, d. h. auf das Predigen in jeder Fasson richten, gehen sie innerlich meist unfertig ins Amt, wo sie, durch Festpredigten und Kasualien in Anspruch genommen, nicht die Muße finden, mit den Strömungen der Zeit gleichen Schritt zu halten und sich innerlich weiterzubilden. Von einem Verkehr und Einfluß auf das nicht ehrenamtlich tätige jüdische Publikum, geschweige denn von einer Seelsorge kann nicht die Rede sein. Rings herum aber sehen wir andere moderne Geistesmächte in Menge erstehen und Anhängerschaft gewinnen. Es mag viele Juden, und besonders gerade in den „besseren" Kreisen geben, welche die Sucht nach Gewinn und das Erwerbsleben ganz in Atem hält, aber es gibt auch viele, die nach geistigem Brote hungern. Was Wunder, daß diese Suchenden meistens ein Opfer der um ihre Anhängerschaft buhlenden Mächte und modernen Weltanschauungen werden? Da sind die christlichen Missionare oder die bedeutenderen unter den freisinnigen Pastoren — Jatho gehörte zu ihnen —, da ist die monistisch-freireligiöse Bewegung, die naturwissenschaftlich-materialistische Weltanschauung und nicht zuletzt die Sozialdemokratie, deren immer stärker werdender Propaganda wir den Abfall in den Kreisen der kleinen jüdischen Handwerker Berlins im letzten Jahre zu danken haben. Dem Andrängen aller dieser modernen Strömungen gegenüber bleiben die Vorstände und Rabbiner unserer Großstädte tatenlos. Die Entwicklung der modernen protestantischen Theologie ist am Judentume spurlos vorübergegangen. Keine selbständigen und wenige, nur Angriffe abwehrende Schriften sind im Anschluß an die Literatur über das „Wesen des Christentums" aus unseren Kreisen erschienen. Eine moderne jüdische Religionsphilosophie, Theologie, Dog matik oder wie man es nennen mag, die eine Auseinandersetzung des. Judentums besonders mit den zurzeit wirksamen Geistesströmungen und Weltanschauungen als Aufgabe hätte, gibt es schlechterdings nicht, auch nicht in ihren Anfängen. Nachdem man die alten Zäune um die Thora niedergerissen hat, sieht man in den führenden Kreisen des deutschen Judentums, statt neue zu errichten, müßig zu, wie das jüdische Gesetz, das Erbe der Propheten, wie die Saat von Jahrhunderten und die Hoffnung der Zukunft niedergetreten wird. Es gibt unendlich viele Juden -— die Wahlversammlungen z. B. zeigten es immer wieder —, die auch einmal außerhalb der Synagoge, in einer anderen Form als der weihevollen Predigt mit Bibelzitaten oder erbaulichen Literaturvereinsvorträgen, ebenso wie es in anderen Gemeinschaften und Parteien geschieht, eine Auseinandersetzung dessen wünschen, was sie von dem Judentume, von seinen Lebensäußerungen und den in ihm wirksamen Strömungen zu denken haben. Was Wunder, daß die erdrückende Mehrzahl der Großstadtjuden, denen in dieser Hinsicht nichts geboten wird, das Judentum für etwas Veraltetes, Unmodernes und längst Ueberholtes ansieht? Was Wunder, daß sie und ihre Kinder, denen im Religionsunterricht nicht viel Besseres geboten wird, ein Opfer der jung aufstrebenden modernen Weltanschauungen werden, deren Vertreter und Agitatoren mit allem nur erdenklichen geistigen Werberüstzeug ausgestattet sind. Die Kräfte, die auf die gleichgültigen und abseits stehenden Großstadtjuden einwirken könnten, um sie am Judentume zu interessieren, sind verschiedener Art. Die einen mag die Poesie unseres Zeremoniells, die anderen die vielleicht schon zu oft wiederholte Romantik des jüdischen Martyriums, andere da^ Hebräische und seine Literatur, andere wiederum religiöse oder dogmatisch-philosophische Auseinandersetzungen, andere endlich die Anteilnahme und Betätigung in den politischen Gruppen und Parteien des modernen Judentums gefangen nehmen, — in dieser Hinsicht aber geschieht von Seiten des Vorstandes und der Rabbiner unserer Berliner Gemeinde so gut wie