Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316527--55782-3349610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 22. März 1912 Umkl? y'Dnn 'X p'J n /^""D Nr. 12. Berliner Judentaufen im Jahre 1911 Von Gotthold Weil Lieber den Wert des neuen Sombartsehen Sammelwerkes über die Judentaufen scheint ja allenthalben in der üdischen Presse Einstimmigkeit zu herrschen. Wohl mag es die Aufmerksamkeit einiger nichtjüdischer Kreise auf das Problem er Judenfrage für kurze Zeit hinlenken, für sie mag es ine Unterhaltung und auch einen ästhetischen Genuß be- Seuten, die Ansichten von Männern verschiedensten Berufes <nd verschiedenster Parteistellung über diese Frage beisammen u sehen, für uns aber, die wir in dem Täufling den Abtrünnigen :nd Fahnenflüchtigen erblicken, ist es nicht möglich, in der- •rtig objektiver und gefälliger Form über die Taufe oder gar ue Berechtigung zu diskutieren. Es bedeutete einen Erfolg des Wahlkampfes, der vor i Jahren gelegentlich der Wahlen zur Repräsentanz der Berner jüdischen Gemeinde entbrannte, daß kurz darauf eine er Forderungen der unterlegenen positiven Wahlvereinigung füllt und das „Gemeindeblatt" des Vorstandes der jüdischen ' lemeinde Berlins ins Leben gerufen wurde. Der liberale Vorind mußte den Unterlegenen die weitere Konzession machen, 1 dieses Gemeindeblatt monatlich Zahl und Name derjenigen ifzunehmen, die in den letzten Wochen aus dem Judentum ^getreten waren, eine Konzession, die ihm um so schwerer illen mußte, als er in den wenigen Monaten, die seit seinem! rscheinen verflossen sind, schon zwei derjenigen Herren als uflinge an den Pranger stellen mußte, die während der ahlen noch als seine Helfershelfer aufgetreten waren, Herrn Otto Brahms vom Lessingtheater und den Cellisten )f. Dr. Heinrich Grünfeld. Der erzieherische Wert d die abschreckende Bedeutung dieser monatlichen Taufen ist nicht hoch genug anzuschlagen. Denn während früher! Uebertritte in aller Stille nur durch Meldung bei dem ■ntsgericht und Erledigung der offiziellen Formalitäten vor sich ngen, und die Oeffentlichkeit erst viel später, und auch dann! r vermutungsweise, davon erfuhr, werden jetzt orbi et urbi, wissermaßen als eine Boykotterklärung, die Namen der Abmnigen in der Residenzstadt bekanntgegeben. Die Nachrichten des Gemeindeblattes über die Berliner .;■ dentaufen im Jahre 1911 liegen nunmehr abgeschlossen vor; '; Ergebnis ist überaus traurig. Die Zahl der Austritte aus m Judenttime im verflossenen Jahre übertrifft die der vorigen ihre um ein bedeutendes. Während sogar in der Blütezeit des ntisemitismus und dem damit einhergehenden Steigen der aufziffer in den beiden schlimmsten Jahren, im Jahre 1889 nur 162 und im Jahre 1893 nur 184 Austritte stattfanden, und auch in den letzten Jahren, im Jahre 1907 nur die Zahl von 149 und im Jahre 1908 die von 186 erreicht wurde, ist sie im Jahre 1911 auf 224 gestiegen. Unid in dieser Zahl sind dabei nur die Erwachsenen, die 148 Männer und 76 Frauen einbegriffen. Die Lehrer an den mittleren und höheren Lehranstalten Berlins werden aber bezeugen können, daß nicht nur 10 ''■/<> aller jüdischen Kinder am christlichen Religionsunterrichte teilnehmen, d. h. früher oder später für das Judentum verloren sind, sondern daß auch ein erschreckend großer Prozentsatz von ihnen in früher Jugend schon förmlich aus dem Judentum ausscheidet. Alle diese Austritte miteingerechnet, sind wir in Berlin bald nicht mehr weit von der Tauf Ziffer Wiens entfernt, das sich mit seinen jährlich mehr als 600 Austritten wohl rühmen darf, die höchste Taufziffer aller jüdischen Gemeinden überhaupt zu haben. Streberei und Ehrgeiz, die höheren den Juden sonst verschlossenen Stellen zu erlangen, werden gewöhnlich als alleiniger oder doch hauptsächlichster Grund für den Austritt angegeben. Es soll nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, dieses Motiv ganz zu leugnen und die mit ihm verbundene Verachtung der Uebertretenden herabzumindern, aber wenn wir uns die Berufe der im letzten Jahre in Berlin ausgetretenen Juden ansehen, werden wir doch diese alte Anschauung wesentlich modifiziere» müssen. Staatsbeamte und solche, die es werden wollen, waren unter den 224 nur 6 (und zwar: 1 Oberlehrer, 2 Assessoren, 2 Regierungsbaumeister, 1 Dozent), und wenn wir sogar die 4 noch in der Ausbildung begriffenen Studenten hinzurechnen, höchstens 10. Alle anderen waren, soweit die Angaben des Gemeindeblattes erkennen lassen, Leute, die in der freien Konkurrenz stehen und die für ihr persönliches Fortkommen nur wenig Gewinn aus der Taufe ziehen konnten. Ich zählte allein 66 Kaufleute im weitesten Sinne des Wortes, 4 Rentiers und 2 Landwirte. Aus den akademischen resp. künstlerisch-wissenschaftlichen Berufen waren außer den 10 schon genannten eventuellen Anwärtern auf Staatsstellen folgende Gruppen an der Taufe beteiligt: 13 Aerzte, 4 Anwälte, 8 Ingenieure, 3 Chemiker, 1 Architekt, 2 Apotheker, 3 Dr. phil., 2 Schriftsteller, 1 Theaterdirektor, 5 Musiker, 3 Maler und Bildhauer. Es sind also in diesem Jahre wieder vor allem die sogenannten „besseren Kreise", die uns den Rücken gekehrt haben. In diesem Sinne ist es charakteristisch, daß in den Sommermonaten die Zahl der