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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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336 DIEÄELT wisse Gruppe (Aerzte, Philosophen, Rabbinen, Militärs usw.) enthalten. Durch diese meine Sammlung soll dieser Einseitigkeit abgeholfen werden. Da ich gegenwärtig weitab von jedem Kulturzentrum wohne und mir kein so reiches Quellenmaterial zur Verfügung steht, wie zur Bearbeitung einer solchen Sammlung nötig ist, trete ich mit der höflichen Bitte an alle Kulturfreunde heran, mir durch leihweise Ueberlassung von Geschichtswerken (mit Ausnahme von Ewald, Jost, Grätz), alten und neuen Zeitschriften, Familiendokumenten usw., welche dem Unternehmen nützlich sein könnten, die endliche Redaktion der Sammlung möglich zu machen. Nr. 11 Ebenso wäre ich für etwaige Winke im Interesse dieser doch recht g Sache sehr dankbar. Die seL. geehrte Redaktion sowie all die geehrten Einsender werden in der Einleitung meines Sammelwerkes dankende Erwähnung finden. Indem ich mich der angenehmen Hoffnung hingebe, dar; meine Bitte allgemeine Berücksichtigung finden wird, um sc mehr, als ich durch diese Arbeit absolut keine materieller1, Vorteile zu beanspruchen gedenke und mir die Notwendig keit eines solchen Werkes seitens berühmter Autoren be stätigt wurde, zeichne ich mit herzlichem Danke ganz er gebenst S. W i n i n g e r, Sereth (Bukowina). c □□□□□□ o FEUILLETON (7=- O □□□□□□ II :=- =y Aus alten Tagen (Bilder /om jüdischen Leben im vormärzlichen Galizien.) Vor einigen Monaten war ich wieder in meiner galizischen Heimat. Es war zur Sommerszeit, und das trauliche Städtchen Palechow mit dem grünen Kranz von Gärten und Feldern übte seinen alten Zauber unvermindert auf mich aus. Am liebsten hielt ich mich vom Getriebe des Marktplatzes ferne und suchte die stillen Vorstadtstraßen auf, die ins Grüne hinausführen. Der Weg geht an Wiesen und Obstgärten vorbei, und nur da und dort steht ein einsames Häuschen auf dem freien Felde. Ganz in der Nähe sieht man die schwarzblauen Karpatenabhänge, die sich bis nach Ungarn hinziehen. Es war an einem Nachmittag, und der Himmel von durchsichtiger Bläue. Ich schritt bedächtig über einen schmalen Fußpfad, der ins Gebirge führt, und die Felder vor mir dehnten sich wie ein endloser buntgewirkter Teppich aus. Ganz in der Ferne kam mir jemand entgegen. Es dauerte eine geraume Weile, bis ich den Mann erkannte. Es war Reb M o r d c h e , ein alter Jude aus dem Städtchen. Wir hatten uns lange nicht gesehen, aber früher, als ich noch in Palechow lebte, suchte ich oft die Gesellschaft des mitteilsamen und interessanten alten Mannes auf und lauschte mit Wohlgefallen den beredten Schilderungen aus seiner Jugendzeit. Reb Mordche hatte das 80. Lebensjahr schon längst hinter sich, war aber immer noch kerngesund und rüstig wie ein Fünfziger. Frau und Kinder hatte er schon lange durch den Tod verloren und nun lebte er einsam in einem Häuschen an der Landstraße, dort, wo schon das freie Feld beginnt. „Die lebende Chronik des Städtchens" nannte man ihn, denn er hatte sein ganzes Leben in Palechow verbracht. „Willkommen in der Heimat," rief Reb Mordche mir freudig zu, als er vor mir stand, und reichte mir die Hand. Ich lud ihn zu einen Spaziergang ein und bat ihn, mir neues aus der Heimat, der ich so lange ferngeblieben war, zu erzählen. Er schüttelte verneinend das Haupt. „Was jetzt bei uns vorgeht," sagte er, „weiß ich nicht. Ich verstehe es gar nicht und kümmere mich auch nicht darum. Es ist alles so ganz anders, so fremd. Ich finde mich in meinem alten Palechow einfach nicht mehr zurecht. Ja, vor Zeiten, seufzte Reb Mordche, da war eine andere Welt. . . . Damals war eine jüdische Gemeinde eine einzige große Familie und man lebte wie Brüder nebeneinander." „Ihr denkt an die Zeit vor dem Revolutionsjahre?4 brachte ich die Rede auf sein Lieblingsthema. „Ja, seit ,Achtundvierzig* hat sich hier alles g: ändert," erwiderte er. „Sogar die Gegend sieht anderaus. Ueberall, wo Ihr jetzt Feld seht, war nur Wale und sumpfiger Wiesenboden. Es hat ein hartes Stücl Arbeit gekostet, diesen Boden zu beackern. . Wir haben die Dorfstraße erreicht und lassen un auf einem Hügelchen nieder, von dem wir einen Aus bück auf das Städtchen gewinnen. Aus einem Obst garten streckt ein Apfelbaum über die Hecke einen Blüten zweig wie einen weißen Arm in die Landschaft hinaus „Das Städtchen sieht anders aus und auch di Menschen sind nicht wiederzuerkennen," fuhr der Alt fort. „Was hat man doch heutzutage für Bedürfnisse Damals lebte eine Familie von vier bis fünf Vierzigern' wöchentlich. Die Menschen waren kräftiger und konnte alle Strapazen ertragen. Man ging zu Fuß die weiteste Strecken. So hatten Palechow und Stryj gemeinsar einen Esrog am Sukkosfeste, und mein seliger Vati legte täglich die paar Meilen von einer Stadt zur andere zurück, damit beide Gemeinden den Esrog benütze könnten. . ." Jede jüdische Gemeinde war ein Staat für sich, un die „Regierer" **) hatten eine große Macht. Sie führte ein strenges Regiment und hatten das Recht, eine; Juden, der Aergernis erregte, eine Tracht Prügel veral folgen zu lassen. Viel galt damals der gelehrte Man: der Handwerker hingegen wurde gering geschätzt, f war ihm verboten, ein „Streimel" (Sabbatmütze) oder a; Wochentage einen „Spodek" (Fuchsfellmütze) zu trage Im Bethause mußte er hinten bei der Tür stehen, ui wenn gelehrte Männer miteinander sprachen, durfte es ja nicht wagen, sich ins Gespräch zu mischen. . ." „Und womit beschäftigten sich damals die Juden0 fragte ich, als Reb Mordche schwieg. „Handel und Verkehr waren in ihren Händen," e widerte er. „Ihnen gehörten die Baudewagen, in dene man damals reisen mußte. Sie transportierten die Frach güter von Ort zu Ort, verkauften die Rohprodukte nac dem Westen und vermittelten den Handel von Land / Land. Eine Reise war damals nicht ungefährlich, den die Fahrstraßen waren in erbärmlichem Zustand, auc gab es allerhand Raub- und Mordgesindel, das di Reisenden auflauerte. . ." „Es war eine andere Welt. Das merk ich wohl sagte ich. „Doch bitt' ich euch, erzählt mir noch mel über die Juden der damaligen Zeit" *) Ein Drittel Gulden. **) Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde.

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