Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 11 DIE3&ELT 335 diese Streittrage „berühre glücklicherweise England nicht". Demgegenüber wird in der Protesterklärung nachdrücklich hervorgehoben, daß die Angelegenheit allerdings unglücklicherweise auch England berühre. Die Art, wie die russische Regierung mit englischen Staatsbürgern jüdischen Bekenntnisses umzuspringen wage, sei eine Herausforderung Englands. „Darum sind wir der Meinung, daß die Regierung Sr. Majestät verpflichtet ist, uns aus diesem Zustand der Rechtlosigkeit zu befreien." — Die Erklärung wird in politischen Kreisen lebhaft besprochen und hat auch in Rußland Eindruck gemacht. Dies kann man am besten aus einem Hetzartikel der „Nowoje Wremja" ersehen, der sich mit Bezugnahme auf diese Kundgebung der englischen Juden in wüsten Schimpfereien gegen das „internationale Judentum" ergeht, welches in die souveränen Rechte des russischen Staates eingreife. Die einzige Antwort, die Rußland darauf geben könne, führt das vornehme Patriotenblatt aus, sei eine allgemeine ausnahmslose Grenzsperre gegen alle Juden. . . . Der Prozeß gegen den Uralsker Polizeimeister Vorige Woche begann vor dem Militärgericht in S a r a t o w die Verhandlung gegen den gewesenen Polizeichef von Uralsk, L i w k i n , der die beiden Juden Benjaminowitz und Bielostotzki, welche ihn bei seiner vorgesetzten Behörde wegen seiner fortgesetzten Erpressungen angezeigt hatten, kurzerhand niederknallte. 40 Zeugen sollen in dem Prozeß vernommen werden. Liwkin war ein judenfeindlicher Wüterich schlimmster Art, der von den Juden in Uralsk horrende „Abgaben" erhob und sich durch seine Erpressungen ein großes Vermögen erwarb. Schließlich konnten die jüdischen Bewohner die unersättliche Geldgier des Polizeioberhauptes nicht mehr ertragen, und die genannten zwei jüdischen Kaufleute erstatteten gegen Liwkin die Anzeige beim Gouverneur, der eine strenge Untersuchung anordnete. Aus Rache erschoß Liwkin die beiden auf offener Straße. Man sieht dem Ausgang des Prozesses mit Spannung entgegen. Ferner wird unter dem 8. d. M. gemeldet: Das Militärgericht in S a r a t o w hat heute in der Mordaffäre des Polizeimeisters Liwkin folgendes Urteil gefällt: Die Mordtat an den beiden Juden sei mit Vorbedacht, aber im Zustande höchster Erregung vollbracht worden. Liwkin wird zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Ferner muß er den Witwen der beiden Ermordeten eine Rente von je 20 Rubel monatlich als Schadenersatz zukommen lassen. Das Urteil erregt peinliches Aufsehen. (f [%Q- SPRECHSAAL - ogj Das Komitee zur Feier des 50jährigen Jubiläums der „Haze- :irah" ersucht uns um Abdruck des folgenden Aufrufes: Im Adar d. J. sind fünfzig Jahre verflossen seit der Begründung der „Hazefirah" durch Ch. S. Slonimskyin Warschau. Die hebräische Literatur, die allezeit um ihren Fortbestand gegen ungünstige Strömungen zu kämpfen hatte, feiert selten Feste. Allein dieses 50jährige Jubiläum legt davon Zeugnis ab, daß unsere Literatur lebenskräftig genug ist, wenn sie es trotz aller Hindernisse so weit gebracht hat. Damals, vor 50 Jahren, war die Schaffung einer ständigen hebräischen Presse bloß ein Traum, den einzelne Idealisten, die Freunde unserer Sprache und unserer alten Kultur, träumten. Heute aber, 50 Jahre nach dem Entstehen der ersten Nummer des wissenschaftlichen Wochenblattes „Hazefirah", erscheint die „Hazefirah" in ganz anderer Gestalt, in der Gestalt einer lebendigen Tageszeitung, die täglich politische und allgemeine Nachrichten sowie literarische Beiträge einem weiten Leserkreis vermittelt, einem Leserkreis, der fast ausschließlich in der hebräischen Presse die Befriedigung seiner jüdisch-kulturellen Bedürfnisse findet. Viele Faktoren haben zusammengewirkt, um unsere Presse auf diese Stufe emporzubringen. Doch müssen wir dankbar des ersten Versuches gedenken, der ersten Nummer der „Hazefirah" in Warschau, welche der literarischen Entwicklung und der Erziehung eines jüdischen Lesepublikums, dem die hebräische Zeitung ein Bedürfnis und kein bloßer Luxusartikel ist, einen kräftigen Antrieb verliehen hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die „Hazefirah" zur Verbreitung der hebräischen Sprache, zur Ausgestaltung der Literatur in ihren verschiedenen Formen viel beigetragen hat, und es ist ferner Tatsache, daß sie in den Jahrzehnten ihres Bestandes das hebräische Wort in hunderttausende jüdische Häuser hineingetragen hat — und mit dem hebräischen Wort den nationalen Gedanken, die nationale Erkenntnis. Denn die hebräische Zeitung ist keine bloße Form, sie ist nicht nur in hebräischen Worten geschrieben, sondern sie ist hebräisch auch ihrem Wesen, ihrem Inhalte nach. Die hebräische Zeitung kann nicht anders als hebräisch, als national sein. Denn diese zwei Begriffe sind unzertrennlich miteinander verknüpft. So geleitet der nationale Gedanke die hebräische Zeitung stets auf ihrem Lebensweg, und es muß hervorgehoben werden, daß die hebräische Presse es war, die die Ausbreitung der großen nationalen Bewegung ermöglicht hat, ohne die wir uns heute das jüdische Leben gar nicht mehr vorstellen können, der Bewegung, die ihrerseits wieder alle unsere geistigen Güter und kulturellen Errungenschaften gefördert hat. Das Jubiläum der „Hazefirah44 ist also zugleich auch das Jubiläum des nationalen Gedankens, der hebräischen Literatur und Sprache im allgemeinen. Dies haben viele Männer des öffentlichen jüdischen Lebens in Warschau — die hebräischen Schriftsteller und Lehrer sowie die Vertreter der verschiedenen literarischen und kulturellen Anstalten — erkannt, als sie sich versammelten, um zu beratschlagen, auf welche Weise dieses große nationale Fest unseres Volkes und unserer Literatur würdig gefeiert werden könnte. Sie kamen alle zu dem Ergebnis, daß dieses Jubiläum nicht bloß ein Fest der Redaktion der „Hazefirah44 ist, die ja den Gedenktag in ihrer Art begeht — durch Herausgabe eines Jubiläumsheftes usw. - , sondern daß dieses Jubiläum zu einem allgemeinen Festtag aller hebräisch und national denkenden. Kreise in Israel gestaltet werden müsse. Aus diesem Anlasse sollen alle Freunde unserer Literatur sich Rechenschaft ablegen, was das hebräische Schrifttum im Laufe dieser 50 Jahre geleistet und was es noch zu leisten hat. Die Jubelfeier der „Hazefirah44 soll uns als Abschluß einer bestimmten Epoche und als der Beginn einer neuen Epoche in unserer Literatur gelten. Darum hat das Komitee, das in der genannten Versammlung zur Vorbereitung der Jubiläumsfeier gewählt wurde, beschlossen, in Warschau einen groß angelegten literarischen Festabend zu veranstalten, an dem Vorträge über die Entwicklung unserer Literatur und Presse im Laufe der letzten 50 Jahre, über die Fortschritte der hebräischen Sprache und der hebräischen Renaissance-Bewegung — mit besonderer Berücksichtigung der Rolle, die der „Hazefirah" dabei zugefallen ist — abgehalten werden sollen. Das Komitee bittet hierdurch alle Freunde unserer Literatur und alle Leiter der hebräischen und jüdisch-nationalen Institute, persönlich oder durch Entsendung von Deputationen, durch briefliche und telegraphische Begrüßungen usw. an diesem Festabend teilzunehmen, der am 2y. Nissan (3./16. April d. J.) in einem der größten Säle Warschaus stattfinden wird. Ferner ersuchen wir die Freunde der hebräischen Sprache und Literatur in allen Ländern, sowie sämtliche Leser der „Hazefirah", die Jubelteier zum Anlaß zu nehmen, um Vorträge und Referate über die Bedeutung der letzten 50 Jahre für die Entwicklung der hebräischen Literatur und Presse, sowie über die zukünftigen Aufgaben der modernen hebräischen Journalistik zu veranstalten. Hochachtungsvoll Das Festkomitee. Adresse für Briefe und Telegramme: Samuel Ch. Lurje, Warschau, Kotzebuestraße 10. Seit einigen Jahren arbeite ich an einer Sammlung von Biographien berühmter Juden aller Zeiten und Länder. Bis heute sind über 400 solcher Biographien zusammengetragen, und gedenke ich, dieselben im Laufe dieses Jahres in einer derart volkstümlichen Form zu veröffentlichen, daß auch den ärmsten Interessenten die Anschaffung dieses Büchleins möglich sein wird (etwa 1 K. bis 1 K. 50 h. pro Exemplar). Der Mangel eines solchen Nachschlagewerkes ist schon lange fühlbar, und haben sich bedeutende Männer durch Veröffentlichung ähnlicher Sammelwerke sehr verdient gemacht. Leider fehlt diesen Werken die Popularität. Sie konnten den Zweck nicht erfüllen, durch richtige Auswahl der Biographien bedeutender Juden, sowie durch billigen Anschaffungspreis in die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung zu dringen. Es sind meist Werke, die entweder zu umfangreich, zu luxuriös ausgestattet, daher zu teuer sind, oder nur eine ge-