Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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fession", der als akademischer Rechtslehrer den Forderungen der jüdischen Studentenschaft entgegentritt. Es ist dies Prof. Petschek aus Prag. Prof. Petschek hat sich bereits vor zwei Jahren damit eingeführt, daß er eine jüdische Studentenversammlung, bei der er als Vertreter der Universität fungierte, gewaltsam auflöste, nachdem er schon dem ersten Redner, der jüdisch zu sprechen gewagt hatte, ins Wort gefallen war. Die Studentenschaft entschloß sich nunmehr, zu energischer Selbsthilfe zu greifen. Sie lehnte im Dezember v. J. eine Einladung zur Teilnahme an der Feier der Rektorats-Inauguration ab und brachte ihre Stellungnahme öffentlich zur Kenntnis. Der Senat der Universität verlangte die Zurückziehung dieser Erklärung und verhängte über diejenigen Verbindungen, die sich seinem Wunsche nicht fügen wollten, das Farbenverbot. Darauf wurde die Abhaltung einer Protestversammlung beschlossen, und eine Deputation verlangte von dem Rektor die Ueberlassung eines Hörsaales der Universität zu diesem Zweck. Da dieses Verlangen zurückgewiesen wurde, fanden außerhalb der Universität zwei Protestversammlungen statt, und es wurde gegen das Rektorat und vor den Wohnungen der Professoren Petschek und Adler demonstriert. Die Zeitungen berichteten über alle diese Vorgänge, und schließlich sah sich der Senat veranlaßt, einen Hörsaal zu überlassen. Hier fand nun unter dem Vorsitz des Herrn cand. phil. Hermann Glaser eine Versammlung statt, an der auch zwei ruthenische Korporationen teilnahmen. Zahlreiche telegraphische Sympathiekundgebungen waren eingelaufen. Nachdem Herr cand. phil. Bretschneider die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität ausführlich erörtert hatte, ergriff der Rektor, der rumänischer Nationalität ist, das Wort und erklärte, er stände den nationalen Bestrebungen der jüdischen Studentenschaft sympathisch gegenüber. Sodann sprach cand. phil. Reiner über das Farbenverbot, und nach Annahme der im Sinne der Referate beantragten Resolutionen verließen die Versammlungsteilnehmer unter Absingung der „Hatikwah" den Saal. Die Versammlung, an der auch die Dekane der juristischen und philosophischen Fakultät teilnahmen, wird sicherlich nicht ohne Wirkung auf das Verhalten der Universitätsbehörden bleiben. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Die Großrabbinatskrise Das Drama geht seinem Abschlüsse entgegen. Es ist bereits die vom "Gesetze vorgesehene zweite Aufforderung seitens Nahums an den Medschliss Dschismani gelangt, die Konvention mit den Aschkenasim zu annullieren. Zum zweiten Male hat das der Dschismani abgelehnt und seinerseits die gesetzmäßig erforderliche gemeinsame Besprechung der Sache durch das Konsistoriuni und den Großrabbiner verlangt, wozu wiederum Nahum sich nicht verstehen will. Es bleibt also nunmehr das letzte Wort dem Medschliss Umumi, der sich jetzt nicht mehr vermeiden und auch nicht mehr aufschieben läßt. Im letzten Moment ist ein solcher Aufschub von seiten der Rabbinen gewünscht und erbeten worden. Sie gehen von der von ihrem Standpunkte aus vollkommen gerechtfertigten Ansicht aus, daß die Interessen der Gemeindemitglieder, insbesondere der Armen, jetzt, vor dem Pessachfeste, erheblich leiden könnten, wenn die Krise jetzt in ihr akutes Stadium eintreten und durch die Demission entweder des Dschismani oder des Großrabbiners ihren Abschluß finden würde. Sie machten daher bei beiden Parteien Schritte, die die Vertagung der Einberufung des Umumi erreichen sollten. Allein ihre Vorschläge wurden von beiden Seiten abgelehnt. Man will schließlich ein Ende machen. Da nun alle Formalitäten bereits erfüllt sind, die dem Umumi vorherzugehen haben, so hat man definitiv mit dem Zusammentritt der Nationalversammlung am Sonntag, den 17. März, zu rechnen. Inzwischen hat Rabbi Nahum seine Gegner und seine Parteigänger mit einigen interessanten Neuigkeiten überrascht. Im „Telegrafo" waren Erklärungen zu lesen, die interessant genug sind, um hier wörtlich wiedergegeben zu werden. „Ich autorisiere Sie," sagte Nahum dem Redakteur des genannten Blattes, „die Gerüchte kategorisch zu dementieren, denen zufolge ich wegen Fragen der Alliance, des Zionismus oder meiner Person die Demission gegeben hätte. Ich frage mich, welche Verbindung kann es zwischen der Alliance geben und dieser Frage? Seit mieiner Erwählung zum Großrabbiner stehe ich in keiner persönlichen Beziehung zu dieser Organisation. (?) Ich hatte lediglich Gelegenheit, über Schulangelegenheiten mit dem Zentralkomitee der Allianz zu korrespondieren, in derselben Weise, wie ich aus dem gleichen Grunde mit dem Komitee des Hilfsvereins korrespondiert habe. Die Kopien der von mir an diese Institutionen abgesandten Briefe sind im Archive des Großrabbinates zu finden. Ich verstehe ebensowenig, welche Verbindung zwischen der zionistischen Frage und meiner Demission bestehen können. Vergangenes Jahr, als die Gemeinde von Saloniki ein Telegramm an die Regierung sandte, das vom Großrabbiner dieser Gern ein de unterzeichnet war und gegen den Zionismus protestierte, als die Gemeinde von Srayrna ein ähnliches Telegramm absandte, da verlangte man von mir ein Gleiches. Aber ich habe mich kategorisch geweigert, das zu tun." Man weiß wirklich nicht, was man zu dieser Erklärung sagen soll, da es doch ganz feststeht, daß die nächsten Freunde des Großrabbiners sich beständig auf den Großrabbiner beriefen, wenn sie gegen die Zionisten eiferten. Heißt es doch auch, der Großrabbiner habe den jetzigen Medschliss Dschismani als zionistisch bei der Regierung angezeigt und sich zum Beweise der Gefährlichkeit des Zionismus eines gewissen Schriftstückes bedient, das ihm „Hapoel Hazair" bei seiner Anwesenheit in Palästina präsentiert hatte, und das er, mit falscher Auslegung einer ganz unschuldigen Stelle, ins Türkische übersetzen ließ, um es den Ministern leichter zugänglich zu machen. In seltsamem Widerspruch zu alledem hat auch der Großrabbiner letzthin am Purimtage anläßlich der Verteilung der Preise Barsilai für die besten Leistungen in jüdischer Geschichte und Hebräisch an Schüler hiesiger Schulen eine Ansprache gehalten, wie sie von einem zionistischen Agitator nicht nationalistischer hätte erdacht werden können. „Es geschah durch zwei Eigenschaften," führte Rabbi Nahum aus, „daß es Mordechai gelang, das jüdische Volk zu retten: durch seine Liebe zu seinem Volke, das heißt seinen Nationalismus, und durch seinen Patriotismus. Er gehörte jenem Volke an, das allezeit, infolge seines Nationalismus, beschuldigt worden ist, illoyal und antipatriotisch gesinnt zu sein. Aber gerade immer waren diejenigen, die verdächtigt waren, gegen die Staatsgesetze und den Willen des Herrschers zu handeln, in Wahrheit die reinsten und aufrichtigsten Patrioten. Mordechai ist dafür ein Beispiel. Er, der feurigste Nationalist, hat vor allen anderen Untertanen des persischen Reiches durch seine Treue und Vaterlandsliebe dem Ahasverus das Leben und den Bestand seiner Dynastie gerettet, und dadurch gleichzeitig auch das Leben und die Zukunft seines eigenen Volkes. So müssen die Juden immerdar denken und handeln. „Mordechai heißt in unseren Büchern „Isch jemini", was übersetzt werden kann „der Mann zur rechten". Mordechai hatte stets die Fahne des Nationalismus in seiner Rechten und die des Patriotismus in seiner Linken. Die Juden müssen immer seinem erhabenen Vorbilde folgen: immer werden der Nationalismus zur Rechten und der Patriotismus zur Linken die beiden Grundpfeiler unseres Volkes bleiben, die ihm sein Heil und seinen Ruhm bewahren werden." Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Sehr richtig aber fühlt die „Aurore" sich bewogen, der Wiedergabe dieser Rede die Worte hinzuzufügen: „Hoffen wir, daß Seine Eminenz Gelegenheit finden wird, ähnliche Worte vor der Regierung auszusprechen." Zum Kummer Rabbi Nahuims aber und zum Ergötzen aller Unbeteiligten haben diese plötzlichen nationalistischen An-, Wandlungen eine üble Folge für ihn gehabt, nämlich die, seinen intimen Freund und Helfer David Fresco gegen ihn aufzubringen. In einem fulminanten Artikel des „Tiempo" zieht dieser gegen sein verhätscheltes „Oberhaupt des ottomanischen Judentums" los, um ihm für solches Verhalten der Alliance israelite universelle gegenüber und für diese Desavouierung seiner alten Freunde sowohl wie der beiden Gemeinden von Saloniki und Smyrna einfach „Verrat am ottomanischen Judentume" vorzuwerfen. Man ist höchst gespannt darauf, was aus diesem interessanten Intermezzo werden wird. Die Haltung der Presse Der Großrabbiner hat in dem Kampfe, den er so unvermittelt und leichtfertig vom Zaune brach, keine gute Presse. Keine einzige jüdische Zeitung der gesamten Türkei stellt sich auf seine Seite. Im Anfange fanden wenigstens noch