Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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332 DIEÄELT: Nr. 11 schaftsieben, ihre Eigenschaften und ihr Schicksal nur auf objektive Ursachen zurückführen. Nach Oppenheimer läßt sich nun vornehmlich durch folgende drei objektive Tatsachen alles das erklären, was Sombart durch subjektive Eigenschaften beweisen möchte: Die Juden sind eine vielsprachige Rasse, eine Rasse von Städtern und eine Herrenrasse. Dem Mehrsprachigen löst sich der Begriff vom Wort: deshalb wurde der Jude kationalist; der Stadtmensch ist nicht schwerfällig und nicht erdgebunden, sondern novarum rerum cupidus: so erklärt sich unsere Intelligenz und Zielstrebigkeit; wer einmal Herr war, kann nie eine Knechtesseele werden: deshalb der jüdische Kampf gegen Lohnsklaverei und der jüdische Freiheitsdrang. Oppenheimer widerlegt nun eingehend die Theorie Sombarts, daß der Kapitalismus von den Juden stamme, und kommt zu dem Resultate, daß man den Sombartschen Satz folgendermaßen umkehren müsse: „Nicht dort blüht der Kapitalismus auf, wohin die Juden kommen, sondern die Juden kommen dorthin, wo der Kapitalismus aufblüh t." Zum Schlüsse seiner Ausführungen betonte Gg. Dr. Oppenheimer mit starken Akzenten gegenüber andern Sombartkritikern, mit denen er nicht identifiziert sein will, die Notwendigkeit des politischen Zionismus als der einzig möglichen Lösung der Judenfrage sowie des Kampfes um die Erhaltung unserer jüdischen Eigenart. Das jüdische Volk habe allen Grund, Sombart für seine Arbeit über die Zukunft der Juden dankbar zu sein.! ' * Als Gast des Jüdischen Handlungsgehilfen- Verbandes hielt Dr. Oppenheimer Sonntag, den 10. März, einen hochinteressanten Vortrag über das Lohnprob lern, in welchem er seine bekannte Theorie von der Preis- und Lohnbildung, von der Entstehung des Mehrwertes und der modernen Wirtschaftsordnung, sowie ihrer Schäden entwickelte. Die Arbeit für den Zentralfonds Das innerösterreichische Distriktskomitee ist tatkräftigst am Werke, um das am Brünner Parteitage gegebene Wort einzulösen und die auf Innerösterreich entfallende Quote des Zentralfonds ehetunlichst aufzubringen. Bisher wurden 1000 Kr. gesammelt. Die Gesinnungsgenossen werden auch an dieser Stelle auf den Aufruf aufmerksam gemacht, der ihnen dieser Tage seitens der Distriktsleitung zugegangen ist und aufgefordert, nach Kräften beizusteuern, damit Innerösterreich nicht hinter anderen Provinzen zurückbleibe. Die Juden und die Gemeinderatswahlen Die bevorstehenden Wiener Gemeinderatswahlen sind nicht nur für die Residenz, sondern für ganz Oesterreich und insbesondere für das Wohl und Wehe der österreichischen Judenheit von großer Bedeutung. In der richtigen Erwägung, daß es nötig ist, die jüdische Wählerschaft rechtzeitig aufzuklären, vor verkappten Feinden zu warnen und ihnen nahezulegen, daß sie die Pflicht haben, im Interesse des jüdischen Volkes und seiner Ehre die angebotenen Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen, veranstaltete der „Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt" eine große Volksversammlung. Gg. Dr. Plaschkes führte folgendes aus: Der Kampf gegen die christlich-soziale Gemeindevertretung ist ein überaus wichtiger und nötiger Kampf, und die bewußten Juden sind die letzten, die Lauheit in der Bekämpfung der judenfeindlichen, reaktionären und verderbten christlich-sozialen Politik verzeihen könnten. Aber ebenso energisch müsse man dagegen protestieren, wenn die Judenschaft von unberufenen Führern zur Wahl anderer Antisemiten, nicht völlig makelloser Elemente oder unfähiger Barrierestöcke haranguiert würden. So sei beabsichtigt, im zweiten Wahlkörper der Leopoldstadt, trotz der 35 Prozent jüdischer Wähler, vier Antisemiten und nur einen Juden aufzustellen, der dem merkwürdigen Gemengsei von antisemitischen Deutschnationalen, aus der eigenen Partei ausgeschlossenen Christlichsozialen und jüdischen Renegaten, das sich den Namen „Wirtschaftspartei" beilegte, zufällig genehm ist. Nur wirklich freiheitlich gesinnte Männer von untadeligem Vorleben, reifer Erfahrung und genügender Begabung dürften von Juden gewählt werden. Die Forderungen, für die jeder von Juden gewählte Gemeinderat eintreten müßte, seien folgende: Es ist die Reichsunmittelbarkeit Wiens anzustreben; die Metropole des internationalen Oesterreich darf nicht andere Nationalitäten — insbesondere die 300 000 Tschechen, die 200 000 Juden und die Italiener unterdrücken; es ist gleichmäßige Behandlung der Juden mit den andern Bürgern zu verlangen, insbesondere was den Befähigungsnachweis und das Heimats- 'recht anbelangt; Zulassung der Juden zu den städtischen Beamten- und Dienerstellen; die städtischen Schulen müssen von allen politischen Umtrieben ferngehalten werden, und die Zurücksetzung jüdischer Lehrer und Schüler muß ihr Ende finden. Noch sei es Zeit, aufklärend und erziehend zu wirken, denn der widerliche Stimmenfang, das verlogene Vorspiegeln von Versprechungen, das Zusagen persönlicher Vorteile hätten noch nicht eingesetzt. Möge es den Teilnehmern dieser Versammlung gelingen, unsere Brüder an ihre Pflichten und ihre jüdische Würde zu mahnen. (Sürmischer Beifall.) Weitere Reden hielten die Gg. Redakteur W a 1 d m a n n und Ob.-Ing. Stricker, worauf eine Resolution im Sinne des Referates einstimmig zur Annahme gelangte. Brief aus Böhmen (Von unserem Berichterstatter.) Das Purimfest des Prager Frauenvereins Der Prager Jüdische Frauenverein veranstaltete am 3. März im Heinesaal ein Purimfest für Kinder, und es gelang den Veranstaltern, mehr als es bisher geschehen war, ein Programm zusammenzustellen, das jüdischen Kindern etwas geben konnte. Der Besuch war sehr gut, die Kinder von vornherein sehr lustig, und als sie erst etwas sehen und höien konnten, mit ganzer Seele dabei. Ein „jüdisches Marionettentheater" brachte sehr hübsche dramatische Szenen: „Salomo als Koch" und „David und Goliath", beide besonders für das Fest geschrieben, wie das „königliche Lustspiel" von der Königin Esther. Die Rollen des Stückes wurden in prunkvollen orientalischen Kostümen von zionistischen Studenten und einer Dame gespielt, die den Ton der liebenswürdig-entschlossenen Königin sehr gut traf. Zu jüdischen Bildern — von Viktor Engländer und Jetta Taussig gemalt — wurden Begleiterklärungen erzählt, eine Bärenführergruppe belustigte die Kinder und die Kapelle sorgte für musikalischen Lärm Kurt Blumenfeld in Böhmen Der Parteisekretär der zionistischen Organisation war nun schon zum zweiten Male in Böhmen. Er hat in Aussig, Budweis, Komotau und Prag in öffentlichen Versammlungen gesprochen, durch seine Art der Darstellung und Entwicklung eines durch und durch nationalen Zionismus tiefen Ein druck hinterlassend. Fast überall — so in Budweis besonders und in Komotau — entwickelten sich ausführliche Debatten in Prag wirkte die Versammlung positiv werbend und all gemein aufklärend. Besondere Aufmerksamkeit widmete dei Parteisekretär den Partei- und Vereinsverhältnissen in Prag Er sprach dort in einer sehr stark besuchten öffentlichen Studentenversammlung, in einer allgemeinen zionistischen Akademikerversammlung, in den einzelnen akademischen Korpora tionen, in den Jugendgruppen usw. Die führenden Gesinnungs genossen empfinden mit lebhafter Befriedigung die tatkräftigi Teilnahme, die die Parteileitung an der österreichischen Organi sation nimmt. Es liegt jetzt wirklich nur an uns böhmischer und österreichischen Zionisten, die überaus wertvolle Unterstützung des Aktionskomitees und seines Sekretärs voll auszunützen. Brief aus der Bukowina (Von unserem Berichterstatter.) Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalita wird seitens der jüdischen Studentenschaft in Czernowitz bc harrlich weitergeführt. Die Studentenschaft gewann allmählicl die Ueberzeugung, daß das oft versprochene Wohlwolle? seitens des akademischen Senates es bei leeren Worten bc wenden ließ und nur den Zweck verfolgte, die Studentenschafhinzuhalten. Insbesondere ist es ein Mann „mosaischer Kon