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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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328 - DIE j genügende Orientierung als Voraussetzung eines Urteils über die Eigenart der jüdischen Seele eine große Gefahr bedeutet. Und diese Gefahr ist sicherlich noch größer, wenn die Urteilenden Juden sind. Denn nicht nur, daß sie den nichtjüdischen Kritikern als jüdische Eideshelfer sehr willkommen sind. Viel schlimmer ist, daß sie zu einer argen Verwirrung im jüdischen Lager selbst den Anstoß geben. Wie leicht kann sich da allmählich eine Art unbewußter, idealer Gemeinschaft aller schlecht Orientierten herausbilden, die dann natürlich mit der Zeit auch auf die Wegweisung und die Tat mitbestimmend wirken will und wirkt . . . Diese Befürchtungen wurden in mir durch einen Fall der jüngsten Tage wieder wach: Durch einen Vortrag, den ein in seinem Fach gewiß sehr verdienstvoller und mit Recht anerkannter Mann, Julius Bab, über den Anteil der Juden an der deutschen Dichtung hielt. Um es vorwegzunehmen, er hält nicht viel von diesem Anteil. Wohl versenkt er sich mit warmem und wohlwollendem Verständnis in die Entwicklungswege jedes einzelnen der namhaftesten zeitgenössischen deutschdichtenden Juden. Aber schließlich spricht er offen seine Ansicht aus, daß sie mit den bedeutenden deutschen Dichtergestalten der Gegenwart nicht in eine Linie gestellt werden dürfen und eigentlich nur Grenzfälle des dichterischen Könnens darstellen. In dem ersten Satz dieses Urteils stimme ich ganz mit ihm überein, den zweiten halte ich schon für einigermaßen ungerecht. Andere werden sich vielleicht anders zu den beiden Sätzen verhalten. Jeder aber wird zugeben müssen, daß Bab als feiner Kenner dichterischen Schaffens in deutscher Sprache sicherlich und vielleicht vorzugsweise berufen ist, seine Meinung über bestimmte Dichterpersönlichkeiten zu sagen. Und niemand wird ihm zumuten, daß er sich in der Aeußerung seiner ehrlichen und in jedem Falle gut orientierten Meinung Gewalt antue, wenn die Persönlichkeiten Juden sind und er nichts besonders Gutes über sie zu sagen hat. Allein Bab beschränkt sich nicht darauf, Persönlichkeiten, gleichgültig, ob sie Juden oder Nichtjuden sind, auf ihr Können zu prüfen. Er hat sie vielmehr gerade als Juden herausgegriffen, zusammengefaßt und einer gemeinsamen Kritik unterzogen. Und nicht nur das, er hat auch ausdrücklich den Grund ihres gemeinsamen dichterischen Unvermögens in ihrem Judentum gefunden. Dadurch verschiebt sich die Sachlage vollkommen. Denn wir haben nur so lange kein Recht, seine Legitimation zu verlangen, als er als Kritiker deutsch dichtender Menschen auftritt. Sowie er aber als Enträtseier jüdischer Geistesartung kommt, wird er uns ausweispflichtig. Gewiß, die verhältnismäßig so kleine Zahl von Dichtern unter den so zahlreichen literarisch tätigen deutschen Juden mußte ihm auffallen. Und auch das, daß er selbst diese Wenigen nur als Grenzfälle qualifizieren zu müssen glaubte. Gewiß mußte er angesichts dieser übereinstimmenden Unzulänglichkeit auf den Gedanken kommen, ihren Grund in irgendwelchen Gruppentatsachen zu suchen. Und sein Wunsch, diese Ursache zu erkunden und auch der Oeffentlichkeit mitzuteilen, war durchaus verständlich und gerechtfertigt. Aber dann mußte er auch als logischer und gründlicher Prüfer verfahren, d. h. nicht gleich auf die ganze Allgemeinheit zurückgreifen, sondern die Verantwortung erst in engeren, ihm übrigens auch zugänglicheren Kreisen suchen. Was lag näher, als vor allem das deutsche Judentum der Prüfung zu unterziehen? Und vielleicht wäre er auf diesem für ihn denn doch mehr gangbaren, kontrollierbaren und konkreten Wege bald zur Einsicht gekommen, daß auch das deutsche Judentum nicht mit seinen jüdischen Wesensmomenten dafür haftbar gemacht werden darf, daß selbst Hoffmannsthai, Schnitzler und Mombert den [ELT — - Nr. 11 Vergleich mit Gerhart Hauptmann, Liliencron und Dehmel nicht aushalten. Er wäre vielleicht dazu gelangt, zu vermuten, daß die dichterische Unzulänglichkeit der zeitgenössischen deutschen Juden gerade in der Tendenz zur Entjudung, richtiger im verlorenen Gleichgewicht, im Pendeln zwischen Judentum und Deutschtum gelegen ist. Nun hat aber Bab, statt den naheliegenden Weg zu diesen diskutablen Erkenntnissen zu machen, gleich eine Forschungsreise ins allgemeine jüdische Seelenland unternommen. Natürlich mit einer Ausrüstung, die gerade für einen Tagesausflug gereicht hätte. Und kommt nun mit einer wahrlich leicht und rasch gewonnenen Ausbeute zurück: Wenn unsere heutigen deutschen Juden keine wirklich hervorragenden, ja überhaupt keine Dichter aufweisen, die so recht den Dichternamen verdienen, so lieg-t das am Judentum überhaupt, an der jüdischen Artung, wie sie seit unvordenklichen Zeiten festgestellt ist. Juden ist das Dichten nicht gegeben. Seit jeher nicht. Es war im Mittelalter und auch im Altertum nicht anders. Man darf Rhetorik, auch die großartigste und weltbewegendste, nicht mit Dichtung verwechseln. Bab will mit diesem Urteile die Juden nicht als inferior, als rationalistisch veranlagt hinstellen. Es handle sich nur um eine ganz eigenartig eingerichtete Psyche, mit ihren eigenen Großartigkeiten und ihren eigenen Lücken. Die Eigenartigkeit findet er darin, daß die Juden vom Geiste ausgehen, Gott in die Welt hineintragen. Und er glaubt nun, daß diese jüdische Methode der Priorität des Geistes die Dichtung ausschließt, weil diese die entgegengesetzte und von den anderen Völkern geübte Methode voraussetzt: Mit den Sinnen die Natur erfassen und in der Natur zu Gott vordringen. Gegen die Auffassung des jüdischen Wesens durch Bab habe ich wenig einzuwenden — um so weniger, als sie meiner eigenen, die ich zuletzt in dem oben zitierten Artikel aussprach, nahe kommt. Und ich bin ihm gewiß dankbar, daß auch er den ungeheuren Unterschied zwischen der hochgespannten prophetischen Geistigkeit des jüdischen Wesens und der inferioren Verstandes-Geistigkeit der Rationalisten kräftig betont. Aber ich kann leider nicht wahrnehmen, daß er in dem Falle, mit dem er sich und uns befaßt, diese Erkenntnis auch überall richtig anwendete. Und ich muß vor allem gegen die Behauptung Einspruch erheben, daß dichterisches Können eine ganz bestimmte Methode der Gewinnung des Weltbildes, und zwar gerade die der nichtjüdischen Völker, voraussetzt. Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich aber noch auf eine Konsequenz der Behauptung Babs hinweisen, an die er vielleicht gedacht, vielleicht auch nicht gedacht hat, die aber sehr ernster Erwägung wert ist: Wenn es nämlich wirklich wahr sein sollte, daß Dichten sinnliche Unmittelbarkeit des Menschen voraussetzt, dann muß ja dieselbe Bedingung auch für die andern bekannten Künste gelten. Denn einerseits haben die bildenden Künste doch wohl noch weit mehr mit den Sinnen zu tun, als die Dichtkunst. Und andererseits ist doch die Musik nur um eine Nuance unsinnlicher als die unplastischeste Form der Dichtung, die Lyrik. Der Babsche Satz muß also in seiner folgerichtigen Erweiterung lauten: Juden können keine Künstler sein. Und so ist er auch besser zu fassen. Es ist kein Zweifel, daß die Sinne im künstlerischen Gestaltungsprozeß eine Rolle spielen. Da ist zunächst das Technische der Kunst, das ja fast ganz auf die Sinne angewiesen ist. Doch gerade dieses Gebiet scheidet ja für unsere Frage, die den Anfang und Kern der Gestaltung betrifft, von vornherein aus. Wichtiger ist die Funktion der Sinne als kausativer Voraussetzungen der künstlerischen Gestaltung, insofern, als der Künstler erst in die Welt schauen muß, um überhaupt erst Gestaltungsstoff zu gewinnen. Aber erstens ist es noch nicht ausgemacht, daß die Welt, in die er schaut,

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