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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 immer die äußere, konkrete, mit Sinnen greifbare sein muß. Es sind ganz gut Fälle denkbar, wo es eine nur von innen schaubare Welt ist. Und zweitens hängt, von diesen Fällen ganz abgesehen, die eigentlich künstlerische Gestaltung soviel wie gar nicht mit den Sinnen zusammen. Sofern nämlich schon das Schauen des Künstlers von seinem Künstlertum orientiert ist, ist es eben geistig orientiert, durchleuchtet, vorbereitet. Und der Rest, der ganze große Rest, die eigentliche Schöpferarbeit, das innere Herausgestalten der Bilder aus dem fertigen Schaustoffe, ist einfach ganz unsinnlich, kommt von A bis Z auf rein geistigem Gebiete zustande, ist vom ersten Augenblicke an eine Eroberung des Stoffes durch den Geist, eine Beseelung des Stoffes, wenn sie sich uns auch im Werke als Verstoffung des Seelischen präsentiert. Und der Künstler ist einfach der Mann, der das kann. Doch selbst, wenn man sich dieser Einsicht verschließen und die rein kausative Funktion der Sinne im künstlerischen Gestaltungsprozesse mit Gewalt in den Vordergrund zerren wollte, hätte Bab mit seiner Abdrängung der Juden vom Tempel der Kunst noch immer nicht recht. Und das deshalb, weil er sich das Verhältnis der jüdischen Geistigkeit zu den Sinnen schematisch ausschließend vorstellt. Der absolute Geist der Juden erscheint ihm wie ein dichter Nebel, der dem jüdischen Auge die Welt entzieht, während er sich in Wirklichkeit, wie (ich dies in meinem mehrzitierten Artikel ausdrückte, wie ein weißes, strahlendes Licht zwischen Welt und Sinne schiebt. Das heißt: Der Jude sieht gerade so dreist und gerade so eroberungslustig in die äußere Natur, wie der Nichtjude, und hat auch wie dieser schon im ersten Augenblicke Bilder von ihr empfangen. Der Unterschied ist nur, daß diese Bilder durch den geistigen Lichtschimmer, durch den hindurch sie gesehen werden, eine gewisse andere Physiognomie bekommen. Auf die Kunst angewendet: Die Kunstwerke werden durch die jüdische Art des Schauens in ihrem Charakter beeinflußt. Gewiß, und sie werden es ja noch mehr durch die künstlerische Verarbeitung des Erschauten. Aber dadurch hören sie ja nicht auf, Kunstwerke und ihre Schöpfer Künstler zu sein. Die Variation des Kunstcharakters braucht sich allerdings nicht bloß am einzelnen Kunstwerke zu dokumentieren. Es liegt vielmehr nahe, daß sie auch eine verschieden gestufte Eignung zu den verschiedenen Unterarten und Stoffgruppen einer Kunst bewirkt. Bab hätte sich sicherlich ein großes Verdienst erworben, wenn er diesen Wirkungen im einzelnen nachgegangen wäre. Hätte er z. B. gefunden, daß die Juden für die dramatische Dichtung eine etwas geringere Eignung mitzubringen pflegen — weil speziell hier eine stärkere Anschaulichkeit notwendig ist, also die Lichtatmosphäre doch einigermaßen irritierend wirken kann —, so hätte sich zumindest im Principe nichts dagegen einwenden lassen. Vielleicht wäre er auch darauf gekommen, daß es dichterische und nichtdichterische Propheten gab, daß man auch die letzteren nicht einfach auf die Rhetorik abschieben darf, und daß das jüdische Pathos von dem der anderen Völker verschieden ist, insofern es schon von Hause aus echte Gefühlsmomente und ein dichterisches Element in sich birgt. Er hätte sich's dann vielleicht auch überlegt, die religiösen Gedichte aus dem Reiche der Dichtung zu verbannen, weil sie ihm in seine anerzogenen Vorstellungen von möglichen Dichtungskategorien; und Stoffwahl-Möglichkeiten nicht passen. Kurz, es hätte eine reiche Lese werden können. Aber leider hat er sich lieber in seine radikale Lösung verrannt und glaubt den Juden um jeden Preis das ganze Dichtertum und damit das ganze Künstlerrum absprechen zu müssen. Und Bab täuscht sich sehr, wenn er glaubt, daß die Hotte Gewichtsverjüngung, die er da dem Judentum zumutet, so sie verdient wäre, dessen Wert gar nicht herabsetzen 329 würde. Bei seiner merkwürdigen Auffassung der Kunst als einer einfachen Sinnenattacke auf die Natur ist ja der Irrtum begreiflich. Und dann ist ja eigentlich nur die Kunst beleidigt und nicht das Judentum. Aber wer diese Auffassung nicht teilt, wer die Kunst als ein sinnbildlich-schöpferisches Wirken des absoluten Geistes in den Persönlichkeiten, als eine Art auszeichnender Steigerung der menschlichen Persönlichkeit erkennt — und als solche empfinden sie wenigstens alle Völker — wird das Urteil Babs über die Untauglichkeit der Juden für die Kunst als ein unzweideutiges Urteil allgemeiner Minderwertigkeit empfinden. Wenn es, um die heutigen Ziffern zugrunde zu legen, vierhundert Millionen Weiße und tausend Millionen Kulturmenschen überhaupt, von verschiedenster Artung und Art, gibt, — die sämtlich den Künstler als einen individualisierten Individualisator durch den Geist hervorbringen, und wenn ihnen nur ein einziges Volk von zwölf Millionen gegenübersteht, das so „entmenscht" ist, solche kostbaren Leute nicht zu produzieren, — so ist dieses Volk unanfechtbar inferior, und seine sonstigen auszeichnenden Eigenschaften können es nicht wieder reputierlicher machen. (Wie übrigens, nebenbei erwähnt, ein so stark von der allgemeinen Menschen- und speziell von der deutschen Norm abweichendes Volk, soweit es in Deutschland lebt, mit den Deutschen nur auf Grund der Sprache eine sinnvolle nationale Einheit darstellen soll, — bleibt Babs Geheimnis, der es so will.) Die Sache wird noch schlimmer dadurch, daß Bab, der den jüdischen Dichtern in deutscher Sprache das letzte nehmen will, worauf sie jedenfalls noch Anspruch haben, — nämlich den Dichternamen — die zahlreichen deutschen Juden in den Vasallen- und Maklergebieten der Dichtkunst — Kritik, Uebersetzung, Theaterleitung, Verlag — über Gebühr nachsichtig behandelt. Er hält es für einen überwundenen Standpunkt, den Zwischenhändler nicht als produktiv anzusehen, aber er vergißt, daß man den Zwischenhändler auch noch unter einem anderen Gesichtswinkel betrachten kann, namentlich den geistigen Zwischenhändler. Und er übersieht, daß es sich hier gar nicht um die einzelnen Zwischenhändler handelt, die ja ganz charmante und notwendige und oft auch hochbegabte und wohlverdiente Menschen sein können, sondern darum, daß ein Volk, das nach seiner Meinung keine Dichter, sondern höchstens ein paar „Grenzfälle" hervorzubringen vermag, auf jeden solchen Grenzfall zehntausend Makler bereit hat, die dann natürlich zumeist die Dichter der anderen zu bedienen haben. Wenn schon nichts anderes, sollte ihn dieser klaffende Gegensatz zwischen der erstaunlichsten Fruchtbarkeit an literarischen Mittelspersonen und der beschämendsten Armut an dichterischen Persönlichkeiten, der sich da plötzlich vor seinen Augen auftun muß, belehren, wieviel jüdische Ehre seine Theorie zerstören müßte, wenn sie richtig wäre. Freilich könnte ihm auch dann noch die Wahrheit über alles gehen, — seine Wahrheit. Für uns braucht sie es ja nicht zu sein. Wir wissen ja, daß sie auf einer ganz unstatthaften Nichtachtung des geistig-persönlichen Schöpfermoments in der Kunst beruht. Wir müssen aber auch noch eines wissen: Daß Bab sich niemals in diese Theorien verliebt hätte, wenn er vom Judentum wirklich mehr gekannt hätte, als die obersten und derzeitigen Erscheinungsflächen des deutschen Judentums. Er sagt zwar, daß sein Urteil auch im mittelalterlichen und altertümlichen jüdischen Schrifttum begründet sei. Aber das sagt einfach sein selbstherrlicher Wille, Recht zu behalten. Für uns kann kein Zweifel sein: Hätte er einen wirklich unmittelbaren und ausgiebigen Einblick in die Poesie der mittelalterlichen Juden sowie der Hebräer des Altertums, oder auch nur in das Leben und Schaffen der heutigen Ostjuden, dann hätte ihn wohl die Macht des Eindrucks selbst davor behütet, nach einem Grunde für eine sozusagen kon- DIE^ELT

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