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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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gar nicht recht denken. Das sind die beiden Seiten einer goldenen Medaille. Der stürmische, kampfeslustige Ussischkin, der milde, tiefe Tschlenow — kann man sich denn die jüdische Bewegung der letzten Jahrzehnte ohne diese Namen denken? Beide sind aus demselben ' Kreise, aus dem Moskauer Bne-Zion-Vereine, hervorgegangen, beide kämpften und wirkten drei Jahrzehnte in unseren ersten Reihen und beiden wissen wir in gleichem Maße Dank. Redner stellt im Namen einer Gruppe von Mitgliedern den Antrag, die Generalversammlung möge dem Komitee den Auftrag erteilen, anläßlich der Jubiläumsfeier Ussischkins und Tschlenows zwei Gartenstädte in Palästina zu gründen und zu diesem Zwecke einen speziellen Fonds ins Leben zu rufen. Von diesen Gartenstädten soll die eine, in der Nähe von Jerusalem, den Namen „Mena ehern" (dies der Vorname Ussischkins), die andere „Jechiel" (nach Tschlenow benannt) führen. Zu diesem Zwecke sei bereits der Betrag von 12 000 F r c s. gezeichnet worden. Die Versammlung solle nun eine spezielle Kommission wählen, die sich m i t d e r Aufbringung der nötigen Mittel befassen soll. Der Antrag wurde unter stürmischen Ovationen einstimmig angenommen. In die Kommission wurden gewählt die Herren: Samuel Barbasch (Odessa), Ch. Etting er (Odessa), B. Göldberg (Wilna), Abraham Kaplan (Minsk), J. Naid i t s c h (Moskau), A. P o d 1 i s c h e w s k y (Warschau), Dr. Sapir (Odessa), M. Scheinkin (Jaffa), H. Slatopolsky (Kiew), Agronom Sußmann (Odessa). Es wurde dann das Ergebnis der Zettelwahlen in das Komitee verkündigt. Gewählt wurden: in das Komitee die Herren M. Ussischkin, Dr. Sapir, Ch. Ettinger, Samuel Barbasch, Dr. Himmeltarb; als Ersatzmänner: Ch. N. B i a 1 i k, Dr. J. Klausner, Agronom A. Sußmann, Dr. J. Raimist, M. Kleinmann; als Mitglieder der Revisionskommission: Rechtsanwalt S. Schapiro, Rechtsanwalt J. Trivus, Ch. Rosenthal, H. Frankfeld, Dr. J. Landesmann. Ueber die Versammlung ließ sich die wehmütig-feierliche Abschiedsstimmung nieder. Nach den Tagen gemeinsamer angestrengter Arbeit im Dienste einer großen Volkssache, in welchen man das düstere, licht- und farblose Einerlei unseres russischen Ghetto ganz vergessen hatte, sollte man sich nun wieder über das weite Zarenreich zerstreuen, sollte man zu den grauen Sorgen des Werktagslebens zurückkehren. Diese wehmütige ,,Neilah"-Stimmung hörte man nun in den folgenden Abschiedsreden mitschwingen. Durch die Schlußrede Ussischkins zitterte die tiefe Ergriffenheit des Veteranen. Er sprach von der dreißigjährigen Arbeit, die hinter uns liegt, und entwarf in knappen Zügen ein lebendiges Bild von der Bewegung mit ihrem dauernden Wechsel von Ebbe und Flut, wie er sie persönlich erlebt hat. Er sprach von dem jugendlichen Rausch des Glaubens und der Begeisterung, mit welchem er und sein Freund Tschlenow, beide damals noch Schüler, dem ersten Ruf zur nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat, der von Odessa ausging, folgten. Er sprach von den spätem schweren Stunden des Zweifels und des Unwillens über den Stillstand in der Bewegung, von dem neuen Aufschwung des Glaubens und der Hoffnung anläßlich der ersten erfolgreichen Versuche zur Organisation und zum Zusammenschluß der zersplitterten Kräfte. Und wiederum hat die Bewegung etwas abgeflaut. Da kam das Jahr 1887. In Drusgen ik wurde die zweite Konferenz der Zionsfreunde abgehalten, an der der Redner sich aktiv beteiligt hat. Hier hat er die Führer der Bewegung, P i n s k e r und L i 1 i e n b 1 u m zum ersten Male kennen gelernt, und hier wurden die Bande gemeinsamer Arbeit für ein großes Ziel geknüpft, die sie später unzertrennlich vereinigten. — ,Jahre kamen und vergingen. In der Bewegung trat wiederum eine Stagnation ein. Die Verhältnisse in Palästina entwickelten sich sehr langsam, der schleppende Gang der Arbeit entmutigte gar manchen. Da kam wieder einmal aus Odessa ein neuer Ruf, — der Ruf nach der Neubelebung des Herzens", nach der Erzie! :ng'des Volkes zu nationalem Wollen, nach dem kulturellen Zentrum in Erez-Israel. Und wieder trat darauf eine neue Depression ein — die Krisis von 18Q1 —, die von einem neuen Aufschwung abgelöst wurde. Im Westen erschien der große Führer, die neuen Formen und Devisen der nationalen Idee wirkten zündend, — die Massenbewegung setzte ein. Es folgten später innere Kämpfe und Krisen, die aber glücklich überstanden wurden. Die Idee ging aus diesen Kämpfen bereichert und vertieft hervor. So vergingen dreißig Jahre. Und heute verkündet dieses Meer von Köpfen vor mir die Macht und die Wucht unserer Bewegung. Und wir fühlen es, daß drüben in unserer historischen Heimat neues Leben aufkeimt, daß dort ein neues Volk mit mächtigen Schultern und kräftigen Sehnen sich bildet, das sich dort sein Geschick schmiedet. Und ich sehe das zukünftige Palästina vor meinen Augen: ein blühendes Land, von Juden bebaut, von jüdischen Gärten und Weinbergen bedeckt, und darin ein neues hebräisches Geschlecht mit hebräischen Mittel- und Hochschulen, mit einer starken ureigenen Kultur, die ihre Ausstrahlungen nach der gesamten Diaspora aussendet — ich sehe vor meinen Augen Palästina als das jüdische Land. Und dies ist kein Traum. Ich bin kein Träumer. Wir müssen nur recht wollen. Und ,.\venn ihr wollt, ist es kein Märchen". Das Schlußwort Ussischkins entfesselte tosenden Beifall, der sich wiederholt erneuerte und die Begeisterung der tausendköpfigen Versammlung zu elementarem Ausdruck brachte. Es folgten dann mehrere Abschiedsreden, die teils der Ausdruck der Huldigung für Ussischkin von sehen berufener Vertreter der Bewegung anläßlich seines Jubiläums, teils ermunternde und aneifernde Abschiedsworte an die aktiven Gesinnungsgenossen, die zu Hunderten aus dem weiten Reiche zur Konferenz der Chowewe-Zion herbeigeeilt waren, darstellten. Es sprachen R o s o w und G o 1 d s t e i n (für Petersburg"), Dr. J a c o h s o n (für ,, Berlin"), ferner Jabotinsky, Sehe i n k i n und Rabbiner L e w i n. Frenetischen Beifall rief die glänzende, ebenso zündende wie formvollendete Ansprache Jabotinskys hervor, die dem vornehmen Stolz und dem glaubensstarken Enthusiasmus der jüdischen Renaissancebewegung geradezu künstlerischen Ausdruck verlieh. Um 10 Uhr schlug der Hammer, dem sich die Versammlung fünf Tage lang widerstandslos fügte, energisch kurz auf den Tisch. Alles wurde still, und Ussischkin verkündete: ,,Ich schließe die Generalversammlung." Alles eilte auf die Estrade zu und bereitete Ussischkin eine stürmische Ovation. Einige begannen spontan die ,,Hatikwah" zu singen, wurden aber gleich bedeutungsvoll von den Nachbarn zum Stillschweigen gebracht. — Es war schon viel, daß man in Odessa reden durfte .... Können Juden Dichter sein? Von Mathias Acher In meinem Artikel „Judentum und Rationalismus" (in Nr. 7 dieses Jahrgangs der „Welt") beschäftigte ich mich mit den neuen Versuchen, die Grundeigenschaft der jüdischen Seele zu bestimmen. Einleitend verwies ich auf Chamberlain, Weininger und S o m b a r t, die die Vorherrschaft der Geistigkeit im Sinne der Naturwidrigkeit, des Verstandes, des Rechenmäßigen, als den Hauptgrundzug des jüdischen Wesens ansehen, und stellte fest, daß in ähnlichem Sinne auch unsere eigene jüdische Intelligenz, nicht in letzter Reihe die national gesinnte, mit der jüdischen Seele nicht zufrieden ist. Ich bemühte mich sohin, soweit es mir der knapp zugemessene Raum gestattete, darzutun, daß zwar gerade diese Intelligenz, unter eigenster Verantwortung, einige Anhaltspunkte für solche Wertung bietet, daß aber sonst alle diese Anklagen und Selbstanklagen auf einer ungenügenden Orientierung an den großen Literaturdenkmälern des jüdischen Volkes und an den heutigen jüdischen Massen beruhen. Es kann nun kein Zweifel darüber sein, daß' diese un-

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