Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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326 DIBBELT Nr. 11 europa, die vor 50 oder mehr Jahren ihre ^Vaterländer" verließen, um in England reich zu werden. Diese Einwanderer waren nicht mehr fromme Juden alten Schlags wie ihre Väter und noch nicht moderne Juden, wie etwa die heutigen deutschen Juden. Ihr jüdischer Habitus, den sie nach England gebracht, war ein kleiner. . . Ohne jüdisches Rückgrat und ohne irgendwelche jüdischen Ideale, sind sie bald „verengländert" worden, und zwar nicht im besten Sinne des Wortes. Diese Judengruppe bildet heute die regierende Minorität. Die zweite beherrschte Gruppe setzt sich aus dem Gros der Einwanderer aus Osteuropa zusammen, die in ihre neue Heimat frisches, lebendiges Judentum und wenig Handelsgeist mitgebracht haben. Dieser Gruppe fehlt die sozialökonomische Kraft, die Minorität unterzukriegen, und die Minorität ist viel zu entjudet, um die Mehrheit beherrschen zu können. Daher kriselt es immer. Genau wie in Ungarn. Wie der Zionismus unter diesen Verhältnissen sich entwickelt hat, werde ich im nächsten Artikel auseinandersetzen. Die Konferenz der Chowewe - Zion*) (Eigener Bericht.) Fünfte Sitzung. (18. Februar, 10 Uhr morgens.) Diese Sitzung hatte es sehr wenig mit den eigentlichen Autgaben und Arbeiten der Chowewe-Zion zu tun. Sie hatte vielmehr einen rein theoretischen, richtiger: instruktiven Charakter. Ein genauer Kenner der türkischen Verhältnisse, Wladimir Jabotinsky, entwarf in einem zweistündigen, nach Form und Inhalt gleich gediegenen Vortrag, den die tausendköpfige Versammlung mit atemloser Spannung anhörte, ein glänzendes Bild vom Leben und Treiben der ottomanischen Judenheit, ihrer sozialen und kulturellen Lage, ihren Stimmungen und Strömungen, kennzeichnete die voraussichtliche Entwicklung der sephardischen Juden im ottomanischen Reiche und die Stellung, die sie in unserer nationalen Bewegung einnehmen werden, und wies schließlich auf die Aufgaben hin, die wir zu erfüllen haben, um die sephardischen Juden des Orients in unserem Sinne zu beeinflussen. Die Ausführungen Jabotinsky s dürften für weite Kreise unserer Gesinnungsgenossen von großem Interesse sein. Wir wollen daher in einer der nächsten Nummern der „Welt" einen möglichst erschöpfenden Auszug aus dem Jabotinskyschen Referate geben. Nach Jabotinsky ergriff Herr D r u j a n o w das Wort. Er sprach von den verschiedenen Organisationsbestrebungen, die sich bislang unter der palästinensischen Judenheit bemerkbar machen, ferner von der Bedeutung und den Aufgaben einer solchen Organisation, die das Prinzip der organisierten gesellschaftlichen Selbsthilfe zu verwirklichen hätte. Es sprachen noch Doktor Kohan-Bernstein über die Arbeitertrage und Dr. Beham über ärztliche Aufgaben in Palästina. Nach einer kurzen Pause wurden die von den verschiedenen Kommissionen ausgearbeiteten bzw. gutgeheißenen Resolutionen zur Abstimmung gestellt. Sämtliche Resolutionen wurden vom Plenum einstimmig angenommen. Sechste Sitzung (Schlußsitzung.) (18. Februar, 7 Uhr abends.) Die Schlußsitzung gestaltete sich zu einer glänzenden Apotheose der Führer des Zionismus in Rußland, Ussischkins und Tschlenows, anläßlich des dreißigjährigen Jubiläums ihrer Arbeit im Dienste unserer großen Volkssache. Der begeisterten Reden der Vertreter verschiedener Gruppen und Organe unserer Bewegung, der stürmischen, nicht endenwollenden Ovationen, die die hingebungsvolle Liebe und Verehrung der Gesinnungsgenossen für die unermüdlichen Vorkämpfer der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes bekundeten, war kein Ende. Die Versammlung brachte aber den verdienstvollen Jubilaren nicht nur imposante Huldigungen entgegen. Sie überraschte sie auch mit einem sehr wertvollen Zeichen der Anerkennung in ihrem Sinne und Geiste, das ein dauerndes Denkmal der Dankbarkeit eines Volkes für die Führer und Vorkämpfer seiner Freiheitsbewegung darstellen wird. Nachdem die Versammlung die Resolutionen der Kulturkommission angehört und einstimmig angenommen hatte, verlas Ussischkin einen Teil der zahlreichen Telegramme und Begrüßungsschreiben, die für die Konferenz aus zahlreichen Orten Rußlands und des Auslandes einliefen. Stürmischen Jubel rief das Begrüßungsschreiben der „befreundeten Palästinaorganisation in Berlin", wie das E. A. C vorsichtigerweise bezeichnet wurde, hervor. Das von Professor Warburg, Dr. H a n t k e , Dr. L e w i n und N. S o k o 1 o w unterzeichnete Schreiben spricht von den historischen Verdiensten de? Odessaer Komitees um die Bewegung und setzt große Hoffnungen auf die Arbeiten der Generalversammlung; die Versammlung möge das Bewußtsein haben, daß das A. C. mit ganzem Herzen bei der Arbeit der Pioniere der nationalen Idee sei. Mit großem Beifall wurde auch das Schreiben des Palästinaamtes zu Jaffa aufgenommen, welches gleichfalls von den großen Verdiensten der Chowewe-Zion um die Palästinaarbeit spricht und im übrigen auf die dringenden Aufgaben des Augenblicks in Palästina aufmerksam macht In gleicher Weise wurden die Begrüßungstelegramme des palästinensischen .Lehrerverbandes, der Jaffaer Töchterschule, des hebräischen Gymnasiums, des „Tachkemoni", der Zeit Schriften „Hachinuch" und „Moledeth", der Verlage „Ko heleth" und „Laam", des Komitees der Kolonie „Rischoi Lezion", der Jaffaer Handwerkerorganisation, ferner des Direk toriums 'des „Jüdischen Nationalfonds", David Wolffsohns Achad-Haams, der Redaktionen der verschiedenen jüdischen Zeitungen in hebräischer und anderen Sprachen, de Petersburger Hochschule für die Wissenschaft des Judentums verschiedener Studentengruppen aus Kiew, Petersburg un Berlin, Dr. Tschlenows, Temkins (der in San Rem< krank darniederliegt), des großherzigen Spenders für Palästina zwecke J. Feinbergs aus Irkutsk, Eisenstadts aus Je rusaiem, W. G 1 u s k i n s und Isaak Goldbergs aus Rischo Lezion u. v. a. mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Der Vorsitzende macht sodann Mitteilung über einig größere Spenden, die für verschiedene palästinensische Zweck gemacht wurden. So hat Frau E ß m a n n aus Kiew ck Betrag von 12 000 Rubel, zahlbar in einigen Jahresraten, zi Anlage einer Pflanzungswirtschaft in Palästina gespendet, den Ertrag verschiedenen palästinensischen Institutionen zugu kommen soll. Herr und Frau R e s s e 1 n i k aus Kopis spendete 1500 Rubel zwecks Ankaufs einer kleinen Pflanzungswirtscha; oder eines Hauses in Jaffa mit der Maßgabe, daß die z erwartenden Einnahmen als Stipendium beim Jaffaer Gymnasiu; verwendet werden sollen. Das zu erwerbende Gut soll Eigei tum des Gymnasiums bzw. des Nationalfonds sein. Große Beifall rief die telegraphische Mitteilung Podiische wskv aus Warschau hervor, daß er sich verpflichte, 10000 Frc für den Unterricht in Palästina zur Verfügung zu stellen. Hierauf verließ Ussischkin die Estrade, und das Wo ergriff Dr. S a p i r, um im Namen einer Gruppe von Mi gliedern einen Vorschlag an die Generalversammlung anläßlie des dreißigjährigen Jubiläums der Palästinatätigkeit Ussischkii und Tschlenows zu stellen. Er gab eine glänzende' Charakterist der beiden russischen Zionistenführer und schilderte in schwum, vollen ^Worten ihre Verdienste um die Bewegung, der sie di Jahrzehnte hindurch unablässig und unermüdlich dienten, s diese Zeit Schulter an Schulter in den ersten Reihen, bisweilen mit verschiedenen Methoden und Waffen, stets ab gleich standhaft und ergeben, um das Wohl und die En wicklung der Bewegung kämpfend. Unbeugsamer Wille, une schütterliche Energie, stürmischer Tatendrang sind die Grum züge der Persönlichkeit Ussischkin s. So war er uv so blieb er nach dreißig Jahren unermüdlicher und ununte brochener Arbeit; nach allen Stürmen und Fährnissen, die auf den exponiertesten Posten der Bewegung zu erleben hati Wie Ussischkin, so hat sich auch Tschlenow unve gängliche Verdienste um unsere große Volkssache erworbe Man kann sich eigentlich den einen Namen ohne den andere *) Vergl. „Die Welt" Nr. 9 u. 10 d. Jhrgs.