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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 ME^ELT 325 Die gegenwärtige Lage des englischen Zionismus macht es notwendig, die zionistischen Leser über die Zustände in der englischen Judenheit aufzuklären, damit sie wissen, daß es sich überall zionistelt wie es sich jüdelt, und damit sie erfahren, daß nicht sowohl die Führer des englischen Zionismus, sondern die allgemeine Verfassung der englischen Judenheit an dem augenblicklichen Niedergang des englischen Zionismus schuld ist. Zunächst einige Tatsachen. Eine englische Judenheit mit Traditionen und Ueberlieferungen gibt es nicht, sondern Juden, die seit längerer oder kürzerer Zeit in England leben — d. h. es fehlt eine ethnische Einheit. In England leben etwa 300 000 bis 400 000 Juden aus Holland, Deutschland, Rußland, Polen, Galizien, Rumänien, Oesterreich-Ungarn usw. Da die große Mehrzahl dieser Juden in den letzten 50 Jahren in England eingewandert ist und die Neuankömmlinge ein ziemlich farbloses, intellektuell und religiös schwaches Judentum, das Sephardim, holländische und süddeutsche Juden repräsentierten, vorfanden, das nicht stark genug war, den Neuangekommenen sein Siegel aufzudrücken, so lebte jede Judengruppe ihren eigenen Idealen und Traditionen und jede ist bis auf den heutigen Tag eine „separate" -ethnische Einheit geblieben. Da gibt es zum Beispiel in der City und im West-End eine sephardische Gemeinde mit eigener Verwaltung und mit eigenen großartigen Institutionen — die sich um die nichtsephardischen Gemeinden blutwenig kümmert, da gibt es im Norden eine deutsche neuorthodoxe Gemeinde, deren Wegweiser Samson Raphael H i r s c h ist und die — wie alle neu-orthodoxen Gemeinden — auf dem Boden der absoluten Separation steht und sich sozusagen selbst vom KlaJ-Jsroel ausschließt. Dann die offizielle Hauptgemeinde, der Lord Rothschild vorsteht, die große Gemeinde „Federation of Synagogues", der Lord Swaythling vorsteht, die Reformgemeinde, die liberale „Reformgemeinde" und eine Reihe anderer kleinerer Gemeinden, die gegeneinander arbeiten, weil sie sich, ihren Tendenzen nach, gegenseitig ausschließen. Kurz: in London existieren viele jüdische Gemeinden, aber keine einzige jüdische Gemeinde. Also kein „englisches" Judentum, sondern Judentümer. Es fehlt ein allgemeiner Wille. Wollen die osteuropäischen Juden ein jüdisches Krankenhaus, Talmud-Thoras, jüdisch-nationale oder nur völkische Institutionen, dann kommen die mehr oder weniger anglisierten Juden deutschen Ursprungs mit ihrem Führer Lord Rothschild an der Spitze und erklären kategorisch: Wir sind Engländer, wir brauchen keine jüdischen Institutionen, die Antisemitismus schaffen können, und wir müssen lediglich englische Institutionen fördern. Wenn die reichen Juden jahraus jahrein Hunderttausende von Mark englischen Hospitälern geben, kann sich kein jüdisches Hospital, das auf die Unterstützung der Reichen angewiesen ist, erhalten. Und die Folge? Die Missionsärzte entfalten eine große Tätigkeit in White - chapel und fangen arme Seelen kranker Juden. Dann kommen die „anglisierten" deutschen Juden und schimpfen: Polacken (genau wie in Frankfurt), die ihre Religion verschachern. Und besorgt um die Erhaltung der jüdischen Religion in Whitechapel, berufen sie Konferenzen ein, um zu beraten, wie die jüdische Religion in Whitechapel zu heben wäre!... Die russischen Juden wollen z. B. eine Gemeindeorganisation nach kontinentalem Muster, d. h. Gemeinde-Autonomie. Da kommen aber die sogenannten „leaders" des West Ends und erklären: Wir sind Engländer und müssen die mosaische Konfession den englischen Verhältnissen, d. h. der englischen Kirche, anpassen. Die Engländer haben ihren Erzbischof. Wir müssen unseren Bischof haben. Setzen sich die russischen Juden zur Wehr, dann werden sie öffentlich disqualifiziert. Lord Rothschild erklärte auf der letzten Chief-Rabbi-Konferenz, daß ein großer Teil der in England ansässigen russischen Juden vom russischen Militärdienst durchgebrannt ist. Der Daily Telegraph beeilt sich, von dieser Bemerkung Notiz zu nehmen ... Was hat die Wahl eines Chief-Rabbi mit dem Militärdienst der russischen Juden zu tun? Sehr einfach. Die russischen Juden in England wollen sich keinen Chief-Rabbi aufoktroyieren lassen, machen Rothschild öffentlich Opposition, und damit die Engländer nicht glauben sollen, daß die Opposition einige Beachtung verdiene und der Lord doch nicht der ungekrönte Judenkönig ist, beeilt sich der ehrwürdige Lord, die Opposition als Parias hinzustellen. Wie soll man jetzt die Engländer dazu bewegen, sich der russischen Juden anzunehmen, wenn der ihnen bekannte Judenführer und Präsident der offiziellen jüdischen Gemeinde Londons die russischen Juden öffentlich beschuldigt, daß sie sich en masse dem russischen Militärdienste entziehen? Ich zweifle, ob selbst ein Ludwig Geiger sich zu einer solchen „Kriegsführung" verstehen würde. Woran die englische Judenheit krankt, ist, daß sie gar nicht englisch ist, nicht ethnisch und nicht psychologisch. Der Engländer hat Verständnis für die Wirklichkeit. Sieht er, daß man die Buren nicht von London aus regieren kann, dann beeilt er sich und gibt ihnen Autonomie. Jetzt kommen auch die Iren daran. Dem echten Engländer wird es niemals einfallen, eine große Mehrheit, die ursprünglich gleichberechtigt ist, gegen ihren Willen beherrschen zu wollen. Es gibt daher in Wirklichkeit nichts Lächerlicheres als das Engländertum der Londoner West End - Israeliten aus Frankfurt, Fürth und Breslau. . . . Sie predigen den russischen Juden Engländertum und sind doch dabei selbst so echt unenglisch . . . Die emporgekommenen deutschen und holländischen Juden in England haben die Allüren der englischen Hochtories angenommen. Den sozialen Konservatismus, feudalistische Herrschergelüste, episkopales Kirchentum usw. Da sie aber ihr Judentum auf Kosten des Engländertums sehr vernachlässigt haben, so ist es ihnen heute unmöglich, der Mehrheit, die aus osteuropäischen Juden besteht, ihr „Westjudentum" aufzuzwingen. Daher die ewigen Reibungen und Kämpfe. Die osteuropäischen Juden z. B. wollen einen Rabbinertypus nach kontinentalem Muster, d. h. einen Gelehrten. Die „Toryjuden" aus Deutschland und Holland behaupten aber fest und steif, ein Rabbiner habe sich um gelehrte Dinge überhaupt nicht zu kümmern und seine Pflicht sei allein, Kranke zu besuchen und Krüppeln beizustehen. Also „Charity". Daher die Erscheinung, daß von den hundert englischen „Rabbinern" d. h. Reverends, nur 5 qualifizierte Rabbiner sind. Die andern sind Krankenwärter, Synagogendiener und Ignoranten von Beruf — genau wie die echtenglischen Reverends. Man kann sich leicht vorstellen, welche Achtung ein solcher „Rabbiner" bei den osteuropäischen Juden genießt und welche Erziehung ein solcher „Rabbiner" seinen jüdischen Zöglingen in der Religionsschule gibt. Als nun vor genau einem Jahre die osteuropäischen Rabbiner in England sich zu einer Konferenz versammelten, um zu beraten, wie dieser Zustand zu ändern wäre, beeilte sich die „Jewish World", das Organ der „West-Endleaders", zu erklären, die russischen Rabbiner seien verantwortlich für den Mädchenhandel, für den Mord in Hounsditch und für die wachsende Kriminalität in Whitechapel. Damit sollten die russischen Rabbiner disqualifiziert werden. Welchen Eindruck diese „Begrüßung" der ersten englischen Rabbinerkonferenz auf die osteuropäischen Juden in England machte, kann man sich leicht denken. Auch welche Folgen solche Verleumdungen haben können, ist nicht schwer, sich vorzustellen, wenn man bedenkt, daß die Engländer die anglo-jüdische Presse lesen . . . Es stehen sich also in England zwei Judengruppen gegenüber, deren Ideale und Bestrebungen sich gegenseitig ausschließen: Emporgekommene jüdische Einwanderer aus West-

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