Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316526--55758-3349585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

yTT*»«^^;,^^^^ 324 DIE3aEELT: Nr. 11 Wir dürfen es ruhig zugeben, es stand schlimm um das deutsche Judentum des 18. Jahrhunderts. Wir sind heute, im Kampfe gegen Gleichgültigkeit und Mangel an Ehrgefühl, sehr geneigt, uns diese Zeit im Lichte einer falschen Romantik zu malen. Es gab da Werte, gewiß, die seltener geworden sind: Charakter, innere Sicherheit, Unbefangenheit nationalen Daseins, — und doch, es war mehr nationale Dumpfheit, die sich da regte oder nicht regte, als nationales Leben, das der Rede wert war. Und selbst das war 1812 schon fünfzig Jahre her. Es lebt in allem Dasein eine Sehnsucht, sich zu geistigen, künstlerischen, politischen Leistungen zusammenzufassen, seine Instinkte in ihnen zu klären und zu vertiefen. Dem deutschen Judentum fehlte die Kraft dazu. Es bedurfte des reichen Lebens der europäischen Welt. War das nicht das Verhängnis? Lag hier nicht die Notwendigkeit zur Assimilation — im üblen Sinne des Wortes — und ihren schlimmen Konsequenzen? Schlimm nicht darum, weil viele sich lossagten vom Judentum, sondern weil die mit halber Seele Bleibenden notwendig an Charakterwerten verloren? Ja und nein. Die Unsicherheit unserer Instinkte verdanken wir gewiß diesem Zeitraum, und Mathias Acher mag Recht haben, daß der moderne jüdische Nationalismus durch die Abkehr von einem sich selbst genügenden Judentum zum mindesten gesteigert wurde. Aber wir haben auch manches gewonnen, nicht etwa nur etwas Bildung. Kultur ist keine Additionsaufgabe, ein Stückchen Judentum weniger, ein Stückchen Deutschtum mehr. Wie Deutschland über den Universalismus zum Nationalstaat gekommen ist, so führte uns umgekehrt der Weg nach Hellas — heute sagt man nach Europa — über die Nation. Das war von^ jeher so. Nicht nur die Griechen fanden sich im Kampfe gegen die Perser, am Beginn der italienischen Renaissance steht das Erwachen der lingua toscana, und der deutsche Humanismus ward auch der Wiedererw ecker der deutschen Nationalsprache. Wie hätte es den Juden anders gehen sollen! Im Anfang freilich schien es so. Das Deutschtum wurde nicht von jüdischen Instinkten getragen und fortgebildet, sondern, wenn auch mit Begeisterung, hingenommen. So trat ein Gegensatz zwischen ursprünglicher Anlage und dem neuen Werden ein, der zur Zwiespältigkeit führen mußte. Jedoch das Gift wurde zum Heilmittel und die hundert Jahre Europa trugen ihre Früchte. Wif vetzicMgrugern auf die Feststellung, wie weit Juden an den Gütern der deutschen Kultur teilnehmen: Material läßt sich aneignen. Aber auch die Form unserer Teilnahme hat sich gewandelt, verinnerlicht, Grundzüge der jüdischen Seele, die vorher abseits, neben aller Kultur einhergegaQge^n waren, traten immer stärker gerade im geistigln Schaffen hervor. Noch Philipp Veit malte genau so wie seine nazarenischen Genossen, Moses Mendelssohns und Maimons Deutsch gleicht einem Durchschnitt ihrer Zeit, und selbst in Felix Mendelssohn ist die jüdische Note nur auf Umwegen zu entdecken. Doch schon Börne und Heine verraten ganz anders die Struktur ihres geistigen Daseins, und je weiter das Jahrhundert vorschritt, um so mehr zeigte sich in den deutschen Kämpfen die Eigenart und der Reichtum, freilich auch dies* FrSgjvürlligkeit und Verschlungenheit unseres inneren Lebens;Jllie jüdische Seele ist ausdrucksfähig geworden und damit auf eine neue, wertvollere Stufe gehoben. Ist es nötig, Namen und Taten zu nennen? Das 19. Jahrhundert ist voll davon, und der verstärkte Kampf gegen das Judentum ist nicht zum geringsten aus dieser unserer wächsenden Nationalisierung zu erklären. Noch einmal, es soll nicht etwa die paradoxe Behauptung gewagt werden, daß wir an sich national geschlossener geworden seien, wohl aber haben gerade im Kampfe um die Kultur bei aller Ableitung und Verwirrung unsere angeborenen Kräfte auch eine Bereicherung und Vertiefung erfahren, die, wie es scheint, auf keinem anderen Wege zu gewinnen war. Es ist wahr, wir können dieses Wachstums nicht wirklich froh werden. Zu viele Wunden sind Zeugen einer krampfhaften Entwicklung. Aber sie führte, in ihrem Ineinander von Kultur und Nation, auch konsequent zum Zionismus, der alle diese Bestrebungen in einer höheren Einheit verschmelzen soll. So wollen wir das Jahrhundert nicht schelten. Es hat uns krumme Wege geführt, durch Lüge, Halbheit, Wirrsal hindurch, aber es ging uns ähnlich wie dem Jüngling im Märchen. Aus den Nöten unserer Seele strebten wir nach den Werten, die uns ringsum lockend umgaben, wir ergriffen sie mit Leidenschaft^ und fanden — uns. Juden und Judentum in England Von Dr. S. M. MeJamed, London. In der englischen Judenheit „kriselt" es seit langer Zeit. Man hört alle Augenblicke von monströsen Massen-Meetings im Eastend, von Protestversammlungen, von Protestresolutionen und Gegenresolutionen, von „brennenden" Fragen, die dort auf der Tagesordnung stehen, von Kämpfen zwischen Führern und Volk und von neuen Parteibildungen. Qenau wie in Ungarn. Seit einer Reihe von Jahren befindet sich die „englische" Judenheit in der wenig glücklichen Lage, alle Augenblicke vor neuen, vor unmöglich zu lösenden Fragen zu stehen. Zionismus, Reformjudentum, jüdisches Hospital, Get- Frage, Schechita-Ordnung, Chief-Rabbinat usw. Jede dieser Fragen entfachte die Leidenschaft von Hunderttausenden, über jede Frage wurde reichlich diskutiert, und keine einzige Frage wurde gelöst. Der englische Zionismus ist — trotz des guten Arbeitsfeldes und der günstigen Arbeitsbedingungen — desorganisiert, das „liberale" Reform Judentum in England, das soviel von sich reden macht, beschränkt sich noch immer auf die Person des Mr. Claude Montefiore, ein jüdisches Hospital ist noch nicht gebaut, obgleich es notwendiger ist als in Berlin, Frankfurt, Wien und Paris, die Get-Frage hat der letzte Chief-Rabbi im Interesse seines Herrn und Meisters Lord Rothschild und gegen die Interessen und den Geist des Judentums zu lösen glsucht, und darum ist sie wirklich ungelöst geblieben, die Schechita-Frage ist noch nicht gelöst und das Problem des Chief-Rabbinats auch nicht. Dabei fehlt es der englischen Judenheit durchaus nicht an „public workers" und an ernsten Männern, die im Interesse der Allgemeinheit zu arbeiten gewillt sind. Auch fehlt es den englischen Juden nicht an Bewegungsfreiheit, wie z. B. den russischen Juden. An Geld fehlt es gewiß nicht. Und doch kriselt es immer, doch hört man immer von wilden Kämpfen in der englischen Judenheit. Merkwürdig, fast unbegreiflich . , , ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.