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Die Welt · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 15. März 1912 unto y'Dnn 'K TM 1"D >rhl2 Nr. 11. ■v«jr. * HUNDERT JAHRE Von M. Calvary Das preußische Edikt vom 11. März 1812 ist für die rechtliche Gleichstellung der ^uden in Deutschland, so wichtig, daß wir uns wohl fragen, difrfett^wie weit wir deutschen Juden in den hundert Jahren seit diesem Edikte, durch dieses Edikt eigentlich ^gekommen sind, gekommen nicht in der wirklichen Gleichstellung; es ^iemt uns nicht, an einem Gedenktage Tagesfragen zu erörtern. Sondern gekommen in unserer eigenen Entwicklung, die zweifellos durch das Edikt, durch die bequemere Teilnahme am geistigen Leben Deutschlands, Iie es ermöglichte, aufs tiefste beeinflußt wurde; Geboren ward es in denselben Tagen, denen das noderne deutsche Reich seine Entstehung verdankt, in der Zeit des deutsch-nationalen Aufschwungs unter der französischen Fremdherrschaft. Schon das ist seltsam und reizt zum Nachdenken. Freilich, es war eine Zeit eichen geistigen Lebens, und schon dem oberflächlichen Blick zeigen sich in jenen Jahren drei politische Strönungen, neben der nationalen Erregung die universalistischen Ideen der französischen Revolution und damit in Verbindung die individualistischen der Auflösung alter Gebundenheiten. So hat man oft gesagt: unsere Emanzipation sei weiter nichts gewesen als eine zögernd vollzogene logische Folgerung aus ,der Erklärung der Menschenrechte, die nun einmal die Efoktrin des 18. Jahrhunderts verlangte. Aber was ist damit erklärt? Das Ininander so widersprechender Ideen ist ja eben das Rätsel, und in dem Judenedikt steckt doch zweifellos auch eine Tat des preußischen Patriotismus — Hardenbergs Name bürgt dafür —, nicht nur ein Zugeständnis ui den nun einmal vorhandenen Zeitgeist. Das Problem, von einer andern Seite aus, gestellt — und gelöst zu haben, ist das Verdienst Friedrich Meineides, der in seinem Buche „Weltbürgertum und Nationalstaat" die krausen Zickzackwege zu entwirren suchte, die die Theorie des deutschen Nationalstaates von Humboldt bis Bismarck durchlaufen hat. Wie merkwürdig mutet es uns an, wenn Freiherr von Stein noch 1814 dafür eintritt, daß England künftig in Deutschland eine Stimme haben, oder daß Preußen in mehrere Teile zerstückelt werden soll. Der Gedanke des autonomen Machtstaats ist in dem ersten Staatsmann Preußen^ noch nicht erwacht. Fichtes Reden kennzeichnen die Lage auf das deutlichste. Er, der Herold des deutschen Nationalgefühls, will Deutschland nicht darum erhalten, weil es einmal da ist und lebt und sich regen-will —, sondern weil er in dem Deutschtum mit seiner Vielstaaterei, mit seiner Geschichtslosigkeit am meisten Humanität, ursprüngliche Menschheit verkörpert findet. Er ist national, weil er universal ist, die Nation ist ihm nötig zur Herrschaft des Geistes, der Wissenschaft. Wie aber, wenn Moser, wenn Schlegel im Gegensatz zu dem revolutionären Fichte allein in der alten ständischen Verfassung das Heil erblicken? Ist hier nicht ein urnationaler Wille erwacht? Im Grunde ebenso wenig. Denn die ständische Verfassung ist nicht für Deutschland charakteristisch, ist dem ganzen germanisch-romanischen Völkerkreis eigentümlich, und so ist auch hier eine übernationale, universale Form für die einzelne Nation als Ideal hingestellt. Wilhelm von Humboldt freilich erkannte, daß Nationen ihre angeborenen Richtungen haben, er betont die Eigenkraft, den Lebenstrieb des Staates, aber gerade seine Auffassung des individuellen Staatenlebens verrät deutlich, woher sie entstanden ist: er hatte, ein getreuer Zögling des 18. Jahrhunderts, am Einzelmenschen den Reichtum persönlichen Lebens erkannt und künstlerisch genossen, so ward sein Auge reif für die Individualität im Völkerdasein. A m Universalismus erwuchs der Nationalismus, nicht im Gegensatz zu ihm. Er ist nicht nur in seinen Anfängen durchsetzt von allgemeinen Ideen, noch in Ranke und Bismarck schwingen sie mit. Es ist ein Fehler, wenn auch vielleicht ein notwendiger, die Abstraktionen, die uns zum Verständnis des Lebens unentbehrlich sind, auch hineinzudeuten in das Werden der Dinge. Das Judenedikt steht neben der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Städteordnung, wir können nicht sagen, ob Preußen seinem eigenen Nationalgefühl oder dem Weltgeist zu Liebe seine Juden emanzipierte, beide Triebe waren untrennbar verbunden. Genug, die Emanzipation war da, und die beiden Kräfte, die sie erzeugt hatten, haben in diesem Jahrhundert auch in uns fortgewirkt, so recht damals erst anfangen können zu wirken.

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