Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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306 sinnige veranstaltet, doch weder Vornotizen noch Plakate erwähnten den jüdischen Zweck. Darum waren auch die vielen Zuhörer nicht erstaunt, als die jüdische Jugendgruppe nur einen so ganz und gar „neutralen" Abend zusammenbrachte. Die Prager „B o h e m i a" übrigens hatte die Veranstaltung totgeschwiegen, weil sie in einem tschechischen Saale stattfand. Ein ostjüdischer Abend in Prag herrscht für alle Produkte ostjüdischer Kunst ein immer wachsendes Interesse. Kurz nach dem Liederabend des Bar Kochba wurde wieder, im jüdischen Rathaus, ein ostjüdischer Abend veranstaltet, dessen rezitatorischen und schauspielerischen Teil der Warschauer Schauspieler J. Low y besorgte. Stofflich waren den Pragern besonders die chassidischen Lieder neu, die Löwy so echt und natürlich vortrug, wie man sich/s nur wünschen kann. Die nötigen Aufklärungen gab jeweils Herr Schneller; eine einleitende Conference hielt Dr. Franz Kapka; seine warmen Ausführungen gefielen mit Recht sehr. Eine tschechische Broschüre Das zionistische Distriktskomitee für Böhmen hat eine tschechische Broschüre herausgegeben, die die „Jüdische Frage und ihre Lösung" behandelt. Sie ist populär geschrieben und steht aut der Höhe der zionistischen Gedankenentwicklung. Auch andere tschechisch geschriebenen zionistischen Schriften werden vorbereitet. Auch die Tagespresse befaßt sich ununterbrochen mit der jüdischen Frage. Daß die Indifferenz ihr gegenüber geschwunden, ist erfreulich und notwendig, um tatkräftige Mitarbeit zu erzielen. Bevorstehende Veranstaltungen Für die nächste Zeit steht zunächst eine Versammlung in Aussicht, in der Parteisekretär Blumenfeld über deri Zusammenschluß der Juden sprechen wird. Dann kommt Dr. Franz Oppenheimer nach Prag. In den nächsten Tagen findet ein Purimfest für Kinder statt, zu dem große Vorbereitungen getroffen worden sind. Es segelt unter der Devise „Am Hofe des Königs Ahaschverosch". DIE3&ELT [Nr. 10 p&* t*±>* dische Geschichte und Literatur eingerichtet, der stets gut besucht wird. Herr Levi Hiskia referiert über die Geschichte des Zionismus. Der frühere Abgeordnete Haim Farhi über das Leben der Juden in Bulgarien. Schulleiter Assa über allgemeine jüdische Geschichte. Baruchot über jüdische Literaturgeschichte. Aus Anlaß der Großjährigkeitserklärung des Kronprinzen wurden am Tage der Großjährigkeitserklärung in den beiden Hauptsynagogen, in der spaniolischen Zentralsynagoge und im deutsch-israelitischen Tempel in Anwesenheit von Vertretern des Zarenhauses und der Ministerien Dankgottesdienste veranstaltet. Samstagnachmittag empfing der Kronprinz eine Deputation sephardischer Juden, bestehend aus den Herren Großrabbiner Dr. Ehrenpreis als Führer der Deputation, den Herren Penkas, Abramow und David Levi. Die Deputation überreichte eine künstlerisch ausgeführte Adresse. Aut Wunsch des Hofmarschallamts, das bei der Feier auch die deutschsprechenden Juden vertreten sehen wollte, entsandte die deutschisraelitische Gemeinde eine Deputation, bestehend aus den Herren Rabbiner Dr. Rosenwasser, Advokat Dr. Joset Feuerstein und Vizepräsident M. Adler. Beiden Deputationen dankte der Kronprinz für ihr Erseheinen und für die an ihn gerichteten patriotischen Worte. Die von zionistischer Seite längst geforderte Einberufung eines allgemeinen Kongresses der jüdischen Gemeinden Bulgariens ist leider, da keine Einigkeit über die Aufgaben und den Modus der Einberufung erzielt worden ist, wieder aut unbestimmte Zeit verschoben worden. Seit der letzten Tagung eines Kongresses sind über 6 Jahre verstrichen, es läge daher nur im Interesse der Gemeinden, wenn sie wieder zu einer Aussprache zusammentreten würden. Brief aus Sofia (Von unserem Berichterstatter.) Das Stadtverordnetenkollegium, in dem 4 Juden sitzen, darunter unser Gesinnungsgenosse Sabbat David, hat in seiner letzten Sitzung am Samstag fünfzehntausend Franken als Subvention für die hiesigen jüdischen Schulen bewilligt. Beantragt hat die kleine Gruppe jüdischer Stadtverordneter, in Verbindung mit einigen Kollegen der demokratischen Gruppe, den doppelten Betrag. Nach langer Debatte wurde die oben genannte Summe gewährt, mit dem Bemerken, daß im kommenden Jahre mit einer weiteren Erhöhung der Subvention gerechnet werden kann. Man kann danach ermessen, welch große Vorteile den bulgarischen Juden erwachsen würden, wenn sie nicht nur im Stadtparlament, sondern auch in der Abgeordnetenkammer ihre Vertretung hätten. Vor einigen Tagen hat die vor 10 Jahren begründete Zeitschrift „Hamischpat" wieder zu erscheinen begonnen. Hamischpat ist das offizielle Organ der Sofioter Zionisten. Spaniolisch geschrieben, hat es sich bei seiner Begründung zum Ziele gesetzt, die große Masse der sephardischen Juden über die assimilatorischen Bestrebungen der Alliance aufzuklären und ein weiteres Wirken der Alliance in diesem Sinne unmöglich zu machen. Hamischpats Erwartungen sind weit übertroffen worden, die Alliance hat mit Ausnahme dreier kleiner Schulen mit insgesamt 200 Kindern in Bulgarien zu existieren aufgehört. Den Anfang hat Widdin an der rumänisch-serbischen Grenze gemacht, es folgten Sofia, Philippopel, Rustschuk, Warna am Schwarzen Meer und noch viele andere. Nachdem das Blatt kurze Zeit sein Erscheinen eingestellt hatte,, erscheint es jetzt wieder regelmäßig. Als Herausgeber zeichnet die zionistische Vereinigung Sofias. Als Mitarbeiter wirken an dem Organ der frühere Abgeordnete Farhi, der Schulleiter Assa, der Lehrer Joset H a 1 e v i. Auch sonst ist die zionistische Vereinigung nicht müßig, sie hat mit Beginn des Winterhalbjahres für Erwachsene und die der Schule entlassene Jugend einen Lehrkursus für jü- Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Die B'nei Brlth Loge Eine Manifestation des alijüdischen Gedankens, wie wir sie hier selten haben, war die Rede, die Dr. M. Gas t e r anläßlich seiner Wahl zum Präsidenten der Londoner B'nei Brith Loge hielt. Es war eine Art Antwort auf die Aeußerung derjenigen Kreise, die, wie Lord Rothschild, auf den „englischen" Charakter des hiesigen Judentums pochen. Die Antwort Dr. Gasters war glänzend und wird hoffentlich ihren Zweck nicht ganz verfehlen. Erfreulich ist es auch, daß die B'nei Brith Loge in London, obwohl natürlich aus heterogenen Elementen zusammengesetzt, mehr oder weniger unter zionistischem Einflüsse steht. So war Mr. Herbert B e n t w i c h der erste Präsident, und Dr. Gaster ist sein Nachfolger. Die Loge hat es sich nicht nehmen lassen, eine besondere Richtung in der Gemeindepolitik einzuschlagen, und hat auch gewisse Erfolge erzielt, die von bleibendem Werte sind. Besonders anerkennenswert ist die Art, in der die Loge für den rechtlichen Schutz der jüdischen Einwanderer an den Häfen eintrat, eine Fürsorge zugunsten Unbeschützter, die sich in vielen Fällen als wahrer Segen bewährt hat. Auch in anderen Hinsichten hat sich die B'nei Brith Loge echt jüdisch in ihrer Auffassung des Gemeindelebens gezeigt. Naturalisations-Schwierigkeiten Der Trades Union-Kongreß hatte es unternommen, beim Minister des Innern über die hohen Naturalisationsgebühren vorstellig zu werden, da es damit vielen Einwanderern unmöglich gemacht wird, die englischen Bürgerrechte zu erlangen. Der Minister hat nun einer Deputation des Kongresses diese Erleichterung verweigert, so wie es verschiedene seiner Vorgänger getan haben. Der Grund, den er angab, war der, daß der Ausländer für das Vorrecht, als englischer Bürger gelten zu können, die vollen Unkosten, die mit der Naturalisation verknüpft sind, selbst tragen müsse, ohne dem Staate damit zur Last zu fallen. Der Board of Deputies, der sich mit dieser Angelegenheit schon lange beschäftigt, versucht es auch jetzt, den Minister zu dieser Reform zu bewegen, aber wir werden wohl den Erfolg erst abwarten müssen. Wie eine derartige Sache gemacht werden muß, wurde unlängst anschaulich von unserem Gesinnungsgenossen B. A. F e r s h t während der Verhandlungen der zahlreichen jüdischen „Benefit"-Vereine mit den parlamentarischen Faktoren in Angelegenheit des Volksversicherungsgesetzes gezeigt. Diese Vereine, die