Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Erste Voraussetzung einer großzügigen und wahrhaft wirksamen Agitation ist aber ein ganzer Heerbann gefestigter und geklärter Menschen, die wie ein Magnet haltlose Kräfte an uns ziehen. Nicht minder wichtig ist ferner ein möglichst enger Zusammenhang zwischen den Gleichgesinnten, die zur Propaganda und Führerschaft berufen sind, damit sie gegenseitig ihren Gesichtskreis erweitern. Diesen Zwecken dient das Seminar des D. C„ das sich im Saale des zionistischen Zentralvereins in der Türkenstraße befindet und an welchem sämtliche studentische und teilweise auch die bürgerlichen zionistischen Körperschaften Wiens teilnehmen. Der erste Abend war der Beratung über die Organisation des Seminars und der Festlegung des Arbeitsplanes gewidmet. Zum Leiter dieser für Wien neuen Institution wurde der Obmann-Stellvertreter des D. C, Gg. Dr. Hermann Kadi s c h, designiert. Er betonte in seinem einleitenden Referate, daß er den Hauptwert des Seminars in der so dringend nötigen Erzielung der Einheitlichkeit der zionistischen Ausbildung, sowie der Annäherung der zionistischen Korporationen erblicke. Die nächsten Abende werden eine systematische Darstellung der Geschichte des Zionismus geben. Bewährte Kräfte haben sich in den Dienst der guten Sache gestellt und die einzelnen Vorträge übernommen, an die sich eine zwanglose Diskussion schließen wird. Es sei an dieser Stelle mit besonderem Nachdrucke aut den Wert und die Wichtigkeit des Unternehmens hingewiesen und an ein ernstes Wort Friedrich Naumanns erinnert, das auch für uns gilt: „Ein Mensch, der nur agitiert und nie studiert, der immer nur ausgibt und nie sammelt, der vor lauter Agitation keine innere und äußere Heimat mehr hat, geht verloren." ' Wahlzeiten Wien steht vor hitzigen Gemeinderatswahlen. Die verehrlichen Herren Israeliten werden für einige Wochen ein gesuchter und geliebter Artikel sein. Sämtliche Wahlkomitees, die das gegenwärtige Regiment der Residenzstadt vom Futtertrog tortstoßen möchten, um sich selbst zu mästen, werden plötzlich in den stark jüdischen Stadtteilen um den jüdischen Wähler scharwenzeln. Von den rassenantisemitischen Deutschnationalen angefangen, bis zu den ad hoc gebildeten Tischgesellschaften, die sich jene in Wahlzeiten rudelweise aufsuchenden ruhmsüchtigen Sonderlinge zusammentrommeln und bezahlen, deren höchste Seligkeit es wäre, wenigstens einmal aut Straßenplakaten gedruckt zu stehen. Nun mag man über die innerpolitische Betätigung der organisierten Zionisten welcher Ansicht immer sein — eines steht für alle fest: daß man der in Wahlzeiten oft kraß zutage tretenden jüdischen Würdelosigkeit, die bei den verflossenen Wiener Reichsrats- und Landtagswahlen wahre Orgien feierte, im Interesse der jüdischen Volksehre mit aller Energie entgegentreten muß. Rechtzeitig hat der „Jüdische Volks verein für die L e o p o l d s t a d t" an die Wählerschaft einen A u f - r u t erlassen, in welchem es heißt: . . . „Deutschnationale Antisemiten und unzufriedene Christüchsoziale, die Euch fortwährend beschimpfen und besudeln, entdecken ihr Herz für die Wiener Juden und werden Euch von Euren „israelitischen" Führern als Mandatare tür die Wiener Ratsstube aufgedrängt werden! Unter dem Schlagworte ,Weg mit den ,Christlichsozialen' werden sich die ,strebsamen' Elemente zusammenfinden, um mit Hilfe jüdischer Stimmen Mandate zu ergattern." Die jüdische Wählerschaft — fährt der Aufruf fort — müsse ich daher beizeiten zusammenschließen und kundtun, was sie on den Männern zu fordern habe, die als freiheitliche in den Wiener Gemeinderat einziehen wollen. Bereits in den nächsten Tagen beginnt die Versammluingsitigkeit des „Jüdischen Volksvereins für die LeQpoldstadt", He der Aufklärung der jüdischen Wählerschaft gewidmet ist. Vom „Jüdischen Nationalverein für Österreich" Der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich" wendet natürch den bevorstehenden Gemeinderatswahlen ganz esondere Aufmerksamkeit zu. Er erließ eine Instruktion an jüdische Wählerschaft aller Bezirke Wiens, sich strenge n die Parole des jüdischen Nationalvereins zu halten, die er ach Prüfung der Kandidatenlisten ausgeben werde. Schon heute legt er aber fest, daß in allen Fällen, in denen nur ein Christlichsozialer mit einem deutschnationalen Antisemiten konkurriere, unbedingte Wahlenthaltung zu üben sei. In Wahlkreisen mit starker jüdischer Minorität gedenkt der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich" Zählkandidaten zu nominieren. „Verein zur Abwehr des Zionismus" So muß man seit der Sombart-Affäre den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" nennen. Der Nichtinformierte wird sich insbesondere seit der jüngsten Enunziation dieses Vereins, die nach der Protestversammlung der Kultusgemeinderepräsentanz im Wiener Kantorenblatt „Die Wahrheit" erschien, kopfschüttelnd fragen: Wer ist eigentlich für diese Pamphlete, die mit dem Vereinsnamen gedeckt werden, verantwortlich zu machen? Beschließt wirklich der Vereinsausschuß des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" diese Beschimpfungen der zionistischen Bewegung und ihrer Führer? Hat der Verein den Zweck, den Judenhaß zu bekämpfen oder ist er das Exekutivorgan des Wiener Kultusgemeindepräsidenten im Kampfe gegen die verhaßte jüdische Moderne? Ist er dazu ins Leben gerufen worden, um zwischen den Strömungen im Judentume Richter zu sein? . Der Informierte lacht herzlich über den naiven Fragesteller und klärt ihn auf: Dieser Verein steht seit Jahren nur mehr aut dem Papier und seine Mitglieder sind fast durchwegs Juden, von einigen Paradenamen christlicher Mitbürger abgesehen. Seitdem Theodor Herzl das Prinzip der Abwehr durch das der Selbst wehr ersetzte, hat dieser löbliche Verein abgewirtschaftet und erblickt nunmehr seinen einzigen Beruf darin, jener Bewegung, die einigen jüdischen Herren die Gelegenheit nahm, sich auf Kosten des Judentums in der Oeffentlichkeit breit zu machen, ein Bein zu stellen. Es ist charakteristisch für die Verfassung eines Vereins, der irgendeinen Querkopf oder Sonderling ungestraft unter der Vereinsfirma derartige Episteln in die Blätter lancieren läßt. Vom jüdischen Volksheim Wer von Zeit zu Zeit einen Rückblick aut die Wirksamkeit des jüdischen Volksheimes in der Leopoldstadt wirft, wird finden: Es ist rasch ein Zentrum des jüdischen Lebens im zweiten Bezirke geworden. Der Lesesaal ist täglich überfüllt und die allwöchentlichen Sonntagsvorträge sind eine beliebte Institution geworden. Besondere Verdienste erwirbt sich der akademische Verein „Theodor Herzl" mit seinen Veranstaltungen. Nebst zwei Palästinalichtbildervorträgen (Vortragender Gg. Dr. W e i - n_e r), che ausgezeichnet besucht waren, fand ein überaus gelungener Bialik-Abend statt. Schriftsteller Dr. David R o t h b 1 u m hielt eine feinsinnige Conference über unseren großen hebräischen Dichter, worauf eine künstlerische Kraft und Dr. Ernst Müller, der verdienstvolle Uebersetzer Bialiks, aus dessen Werken vortrugen. Auch der Lichtbildervortrag des Herrn Simon Herschdörfer über den so früh verstorbenen Maler Hirschenberg ist besonders hervorzuheben. Der erste Vortragsabend des zionistischen „Verbandes ehemaliger Akademiker'4 — Adolf Böhm sprach über die Entwicklung des Zionismus seit Herzl — fand im Saale des Volksheimes statt. Als Gast der „Nes Zionah" las Schriftsteller Bernhard Tag eine Arbeit über „nationale Erziehung". Zahlreiche Vereine benützen das Volksheim zu ihren geselligen Abenden und Tanzfesten, und am Purimabend gab es im Heim ein fröhliches, echt volkstümliches Maskentreiben. Brief aus Prag (Von unserem Berichterstatter.) Eine große Akademie Die Zionisten, vor allem die Studentenkorporationen, veranstalten jährlich Repräsentationsabende, die immer um eine leitende j ü d i s c*h e Idee ein künstlerisch wertvolles Programm gruppieren. Das wollte nun auch die Johann-Oottfried-Herdervereinigung — die Prager Jugendgruppe der B'nei Brith Logen — tun, lud sich Hofmannsthal, Oskar B i e und die feine Grete Wiesenthal zusammen und mietete den größten Saal Prags. Die Veranstaltung wurde zugunsten eines Fürsorge Vereins für jüdische Schwach-