Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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300 =========:===== D1E3QKELT Nr. 10 Von der Bezalel-Ausstellung in Lodz Wie bereits berichtet, fand in Lodz eine „Bezalel"-Ausstellung statt, die über vier Wochen währte: die Ausstellung war von ca. 18 000 Menschen besucht, wobei, trotz der jetzigen ökonomischen Krise, für nahezu 10 000 Rubel Erzeugnisse der Schule verkauft wurden. Während hier früher nur wenige etwas vom „Bezalel" wußten, ist er jetzt zum populärsten Th'ema der Tagesgespräche geworden. Tausende und Abertausende von Menschen defilierten in den hübsch dekorierten Sälen der Ausstellung und wurden zu einem immer mehr steigenden Interesse hingerissen. Alle hatten das erhebende Bewußtsein, das erstaunliche Resultat einer modernen jüdischen Kulturschöpfung gesehen zu haben, die weit über die Bedeutung einer Lehrstätte hinausgeht. Gerade in Polen, wo das jüdische Handwerk im landläufigen Sinne als Pfuscherei verschrien wird, war es eine moralische Genugtuung, durch die „Bezalel" - Ausstellung packend zu demonstrieren, wie es jüdische Arbeiter in einem eigenen nationalen Milieu, in normalen Verhältnissen verstehen, Erzeugnisse herzustellen, die nicht nur von einer geradezu peinlichen Gewissenhaftigkeit der Ausführung, sondern auch von einem tiefen Schönheitssinne, ja, von einem subtilen ästhetischen Verständnis beredtes Zeugnis ablegen. Es kamen alle zur Ausstellung; es kam die jüdische Masse, jüdische Arbeiter, überhaupt alle national gesinnten jüdischen Kreise, für die sich die Ausstellung zu einem Fest gestaltete, zu einem Feste des jüdischen Schaffens auf nationalem Boden. Auch die halb assimilierte jüdische Intelligenz kam oder wurde durch das riesige Interesse der Oeffentlichkeit für die Ausstellung dorthin gedrängt. Auch die jüdische Plutokratie kam und . . . begnügte sich mit dem Besuch, während es sonst jeder Besucher — und gerade die armen — für ihre Ehre hielten, sich etwas vom „Bezalel" zum Andenken zu kaufen. Die jüdische Plutokratie häufte noch einen Beweis auf die vielen bisherigen, daß sie eben . . . eine Lodzer Plutokratie ist, die es nie verstanden hat, etwas Großes zu wollen, die auch in der Philanthropie Stümperin blieb und ihren Gesichtskreis und sozialen Sinn nicht auf ein höheres Niveau zu richten vermag. Charakteristisch ist es, daß die „Bezalel"-Ausstellung, obgleich sie von Zionisten veranstaltet wurde, auch unseren Gegnern Sympathien abgerungen hat. Es ist dies eine interessante Illustration dafür, daß, wenn man, statt über den Zionismus zu sprechen, Zionismus schafft, man selten auf Opposition stößt. Wenn man diesen Leuten durch eine Bezalel-¬ Ausstellung die Frucht einer groß angelegten Idee der Schaffung einer neuen Erwerbsquelle für das palästinensische Judentum und einer jüdischen Nuance der Kunst, vor Augen führt, so bekommt man die Antwort: „Ja, ein solcher Zionismus ist uns sympathisch." Das ist eben die Charakteristik der Denkfaulheit dieser jüdischen Durchschnittsintelligenz: alle realen Aeußerungen, alle logischen Folgen einer Idee anerkennen, und zugleich deren Voraussetzung, den kausalen Zusammenhang, die grundlegende nationale Anschauung bekämpfen! M. J a h r b 1 u m. Der Landeskongreß der jüdischen Kultusgemeinden Ungarns Am 20. Februar fand in Budapest der erste Landeskongreß der jüdischen Kultusgemeinden statt. Veranlassung zum Kongreß boten die Separationsgelüste der offiziellen Orthodoxie, die in den letzten Jahren, wie offen eingestanden, auf die konfessionelle Trennung der konservativen und fortschrittlichen Judenschaft lossteuerte, und es gesetzlich festgesetzt haben wollte, daß es in Ungarn neben der katholischen, reformierten und anderen christlichen Kirchen auch verschiedene jüdische „Kirchen'' mit ihren eigenen autonom istischen Organisationen gäbe! Die Idee des Kongresses, der in erster Reihe die Einheit des Judentumes demonstrieren sollte, ging vom Präsidenten der Szabadkaer neologen Kultusgemeinde, Dr. Adolf Klein aus, dem als Mitarbeiter am großen Werke unser Gesinnungsgenosse, Oberrabbiner Dr. Bernhard Singer (Szabadka) zur Seite stand. Der Plan wurde anfangs seitens der offiziellen neologen Presse und der leitenden Kreise der Neologie bekämpft; es hieß, man solle am alten Grundsatze festhalten: Quieta non movere, und nur die Zionisten und die zionistische Presse waren es, die vom ersten Augenblicke an für die Einigungsaktion mit Wort und Schrift eifrigst eintraten. Der unerwartet schöne Erfolg muß denn auch gerade die zionistischen "Kreise Ungarns mit Befriedigung erfüllen. Der Kongreß bot ein Schauspiel dar, das sowohl in seiner prächtigen äußeren Erscheinung als auch durch seinen hohen inneren Ernst in der Geschichte der ungarischen Judenheit beispiellos dasteht. In den Festsälen des „Lloyd" versammelten sich über 600 Delegierte des ganzen Landes, vertreten waren 149 neologe, 68 „Status quo ante" und 30 orthodoxe Gemeinden, erschienen waren ferner alle leitenden Persönlichkeiten der ungarischen Judenheit, und zum ersten Male hatte auch das zionistische Landeskomitee als jüdische Körperschaft eine Einladung zu einem Kongresse der jüdischen Gemeinden erhalten. Erwähnt mag auch noch werden, daß den Ordnerdienst des Kongresses die zionistische akademische Vereinigung „Makkabäa" versah, daß die Ordner blau-weiße Armbinden trugen und daß das Kongreßabzeichen in zionistischen Farben die Aufschrift trug: „Amcha Israel echad baarez!" Zum Präsidenten des Kongresses wurde Hofrat Dr. Franz S z e k e 1 y gewählt, als Beisitzer fungierten die hervorragendsten Persönlichkeiten der ungarischen Judenheit, u. a. Baron Wilhelm Gutmann, Baron Josef Hatvany, Hof rat Winter b e r g , Hofrat E n g e 1 d e J ä n o s y , Feldmarschalleutnanl Schweitzer, die Reichstagsabgeordneten Rosenberg. B a k o n y i, Vazsony i, K o v ä c s , Mayer usw. Hofrat Szekely hob in seiner Eröffnungsrede hervor, daß der Kongreß manifestieren wolle, daß die ungarische* Judenheit einig sei, und die Trennung der Juden in verschiedene Konfessionen nie zulassen werde. Dr. Adolf Klein, der Initiator des Kongresses, verwies auf die traurigen Verhältnisse der ungarischen Juden. Seit Jahrzehnten sei die ungarische Judenheit zerklüftet, führe einen erbitterten Kampf im eigenen Lager und biete den Feinden willkommene Gelegenheit, die Juden aus ihren festen Positionen zu verdrängen. Die Verwirrung nütze in erster Reiht die Regierung aus, um sich in die innersten religiösen Angelegenheiten der Juden zu mischen, haufenweise werden, ohm Anhörung der Judenheit, Regierungsedikte erlassen, die jüdische Fragen regeln sollen, und auffallenderweise stets darauf zugespitzt sind, die Gegensätze in den streitenden jüdischen Lagern zu vergrößern. Die Judenheit benötige dringend eine einheitliche Organisation, die vermöge ihrer Autonomie jede fremde Einmischung in jüdische Fragen vereitele. Unsere jähr-