Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Haifa 1× ep/1047930
- Odesa 1× ep/1000834
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Kunstakademie zu dienen. Referent weist auf die Notwendigkeit hin, einen Betriebsfonds für den Bezalel zu schaffen, wodurch erst die freie volle Entfaltung dieser Schule ermöglicht würde. Referent geht dann zum Jerusalemer Lehrerseminar über, dem er gleichfalls große Bedeutung beimißt. Eine An- stalt, in welcher Männer wie Y e 11 i n , S u t o u. a. tätig sind, hat gewiß einen gesunden Kern. Es ist nur zu bedauern, daß der Hilfsverein der Deutschen Juden, in dessen Händen die Verwaltung dieser Anstalt liegt, in seiner palästinensischen Erziehungstätigkeit über einen gewissen Dualismus nicht hinausgekommen ist, indem auf die deutschen Unterrichtsfächer mehr Gewicht gelegt wird, als es die jüdischen Interessen im Lande erforderlich machen. Hoffentlich wird aber dieser Dualismus bald überwunden sein. Diesen Wunsch hegt Referent auch in bezug auf das Technikum zu Haifa. Diese für die Entwicklung des jüdischen Jischub ungemein wichtige Lehranstalt soll mit ihren Vorstufen mit der Zeit eine vollständige, systematisch aufgebaute Stufenleiter von Elementar-, Mittel- und "Hochschulbildung darstellen. Es bleibt nur zu wünschen, daß die hebräische Sprache in allen Stufen vorherrschen wird. Die Frage nach einer eigenen Hochschule ist bereits eine Tagesfrage des palästinensischen Jischub geworden. Im nächsten Jahr werden wir bereits die ersten Abiturienten des Jaffaer Gymnasiums haben. Diese Abiturienten werden uns viel zu verdanken haben. Wir haben dafür gesorgt, daß sie eine hajmonische, echtjüdische und zugleich allgemein menschliche Bildung erhalten; wir haben sie vor dem schweren inneren Zwiespalt, vor der kulturellen Zerrissenheit bewahrt, an denen wir im Golus kranken. Was sollen aber diese Abiturienten anfangen, wenn sie sich dem Hochschulstudium zuwenden wollen? Sollen sie nach der Schweiz, nach Frankreich Liehen? Werden sie sich die innere Harmonie und Echtheit in der Atmosphäre einer, übermächtigen fremden Kultur bewahren können? Wird nicht der Aufenthalt auf der fremden Hochschule in den Jahren der reichsten Empfänglichkeit des Geistes und Gemütes auf sie verwirrend wirken? Aus diesem Grunde ist die Hochschulfrage geradezu als Tagesfrage des Jischub anzusehen. Nun müssen wir aber bescheiden sein. Wir können an eine Vollanstalt nicht denken. Dazu fehlt es uns an Mitteln und Lehrkräften. Hingegen dürfte es angebracht sein, jetzt schon die Frage der Gründung einer speziellen Hochschule für Geisteswissenschaften, die eine Art philosophische Fakultät, natürlich mit besonderer Berücksichtigung der Wissenschaft des Judentums, bilden soll, ernstlich in Erwägung zu ziehen. Eine derartige humanistische Hochschule würde ein erwünschtes Gegenstück zur Hochschule für Realien, wie sie das Haifaer Technikum darstellen wird, bieten und die Hochschulfrage zum Teile lösen. Allein mit dem Schulwesen sind unsere Aufgaben auf dem Gebiete der Kulturarbeit noch nicht erschöpft. Wir haben noch spezielle Aufgaben auf dem Gebiete der Fortbildung. Mach dieser Richtung empfiehlt der Referent die Förderung ler bestehenden und Schaffung von neuen Volkshallen (Beth- Vm), wie man sie etwa in Jerusalem und in den größeren Kolonien hat. Daneben erachtet es der Referent für notwendig, laß für eine „bewegliche Volksuniversität", d. h. für populärwissenschaftliche Vorträge aus verschiedenen Gebieten abwechselnd in den verschiedenen Städten und Kolonien, gesorgt wird. Ein wichtiges Gebiet der Kulturarbeit ist auch die Förderung der Presse und Literatur. Referent gewährt einen Ueberblick über die verschiedenen diesbezüglichen Versuche, die vom Odessaer Komitee unterstützt wurden, und kommt auf die Entziehung der Subvention an den „Hapoel Hazair" zu sprechen, die seinerzeit großes Aufsehen erregte. Nach Anicht des Referenten hat das Komitee gut daran getan, dem Hapoel Hazair", nachdem er die Tradition und das religiöse iüdische Gefühl gröblich verletzt hatte, die Subvention zu ntziehen. Das Komitee konnte und durfte nicht der Zeitung ue Zumutung stellen, auf ihre eigene Ansicht zu verzichten nd so blieb ihm denn nichts übrig, als einem Organ, dessen Richtung es für schädlich erachtete, seine Unterstützung zu ersagen. Am Schlüsse bespricht der Referent des näheren die •alästinensische Presse und gelangt zum Ergebnis, daß in j alästina das Bedürfnis nach einem gut redigierten Tage- Matte reit geworden ist. Resümierend faßte der Referent seine Ausführung in eine Reihe konkreter Resolutionen zusammen. Das Referat Klausners wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört und mit stürmischem Beifall aufgenommen. In Ergänzung der Ausführungen Klausners sprach Herr M. Scheinkin. Der Grundgedanke seiner Ausführungen bestand darin, daß die Kulturarbeit in Palästina nicht etwas Willkürliches sei, das der palästinensischen Bevölkerung von außen her zum Geschenk gemacht und künstlich gepflegt wird. Die Kulturarbeit ist vielmehr ein dringendes reales Bedürfnis des aufkeimenden Lebens in Palästina. Er erachtet es für angebracht, daß das Komitee auch diejenigen T a 1 - m u d - T h o r a - A n s t a 11 e n unterstützen sollte, die den allgemeinen Forderungen der Pädagogik und der nationalen Erziehung Rechnung tragen. Namentlich sollte das Komitee den Talmud-Thora-Schulen der jemenitischen und grusinischen Juden seine Aufmerksamkeit zuwenden. Das Komitee soll ferner für die Schaffung eines einheitlichen Lehrplans für die verschiedenen Schulen Sorge tragen. Auch eine landwirtschaftliche Schule tut uns not, und das Komitee sollte es sich angelegen sein lassen, diese wichtige Lücke auszufüllen. Am Schlüsse warnt der Redner vor jedem Versuch, die Kulturarbeit in Palästina zu beeinflussen und ihr diese oder jene Richtung aufoktroyieren zu wollen. Nach den mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen Scheinkins entspann sich eine sehr lebhafte Debatte, die sich in der Hauptsache um die Frage der religiösen Erziehung drehte. Rabbiner F i n k e 1 (Odessa) unterzieht den Bibelunterricht im Jaffaer Gymnasium unter Berufung auf Achad-Haams Aufsatz im „Haschiloah" einer scharfen Kritik. Aus diesem Grunde ist Redner auch gegen die Unterstützung des J e r u s a 1 e m e r Gymnasiums. in gleichem Sinne spricht auch Rabbiner Abelsohn, Odessa, der die bibelkritische Methode als Attentat auf die Volksseele bezeichnet. Hier griff Ussischkin in die Debatte ein, um den Standpunkt des Komitees in dieser Streitfrage klarzulegen. Er betonte zunächst, daß das Komitee keine Schulen und Kulturinstitutionen aus eigener Initiative schafft, daß man also das Komitee nicht beschuldigen kann, daß es irreligiöse Tendenzen verfolge. Das Komitee erachte es bloß als seine Pflicht, der Privatinitiative entgegenzukommen und diejenigen Institutionen, die einem realen Bedürfnisse entsprechen und demgemäß iebens- und entwicklungsfähig sind, zu unterstützen. Das Komitee muß es indes ablehnen, das palästinensische Leben irgendwie zu bevormunden und in die inneren Angelegenheiten der Institutionen sich einzumischen. Wir kennen nur ein Minimum von Forderungen: die allgemeine nationale Richtung und die Vorherrschaft der hebräischen Sprache. Die Stellung zur religiösen Frage müssen wir dem freien Ermessen der Eltern überlassen. Wir unterstützen zu gleicher Zeit das Gymnasium und den Tachkemoni, weil beide einem realen Bedürfnisse entsprechen. Wir haben aber kein Recht, den Eltern irgendeine bestimmte Richtung aufzuoktroyieren. Wenn den Eltern das Gymnasium jüdisch genug ist, so haben wir ebenso wenig das Recht, ihnen partout den Tachkemoni aufzudrängen, wie wir etwa das Recht hätten, dem Tachkemoni mit Rücksicht auf das Bestehen des Gymnasiums die Existenzberechtigung abzusprechen. Die Zukunft, das Leben wird zeigen, auf wessen Seite das Zweckmäßigere, Ueberdauernde ist, wir aber dürfen dem Urteil der Geschichte nicht vorgreifen. Am Schlüsse mahnt der Redner zur Toleranz und zur gegenseitigen Respektierung der fremden Ansichten. Die Lehrer und Leiter des Gymnasiums sind von den idealsten Bestrebungen. Sie haben mit ihrer hingebungsvollen Liebe, mit ihrem übermenschlichen Eifer aus Nichts Großes geschaffen. Nun soll man ihnen nicht in die Arme fallen, weil nicht alles an ihrer Arbeit gefällt. Da auf der Liste noch ca. 40 Redner vorgemerkt waren und die Zeit schon ziemlich vorgerückt war, so wurde beschlossen, vier Generalredner zu wählen, je zwei aus den Vertretern der beiden Richtungen. Als Generalredner kamen nun H. Slatopolsky und Rabbiner Glücksberg einerseits, Dr. Kohan-Bernstein und Wladimir Jabotin s k y andererseits zu Worte. Daneben erhielt noch ein Vertreter der Arbeitergruppen, Herr Aronstamm, das Wort. Schließlich wurde eine Kommission zur Behandlung der Kuiturfrage gewählt, bestehend aus dem Referenten und den Herren Rabbiner Fisch mann, Ch. N. Bialik, Jabotin s k y, Dr. Glücksohn, Nissenbaum, Dr. R a b i n , Slatopolsky u. a. Schluß der Sitzung um 12 Uhr abends.