Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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294 D1E3 praktischen Schritt bedeuten, um auf die Bestrebungen nach Gesamt Organisation der Auswanderungshilfe unmittelbaren Einfluß zu n e h m e n. Daß wir uns aber, von unserem palästinensischen Standpunkte ausgehend, an diesen Bestrebungen zu beteiligen haben, wird heutzutage in den Kreisen unserer Freunde und Gesinnungsgenossen ziemlich allgemein anerkannt. Es gilt die Vertretung unseres Standpunktes in der Behandlung des Emigrationsprobiems. Im Gegensatz zur Politik der Zerstreuung soll das Prinzip der Sammlung und Konzentration geltend gemacht werden. Und es handelt sich uns dabei nicht bloß um das Prinzip der Konzentration an sich, sondern um ganz konkrete Möglichkeiten im Siniie unserer Bestrebungen. Wir sind nämlich überzeugt, daß mit der Zeit Palästina und seine Nachbarländer als ein wichtiges Gebiet für die Konzentration der Auswanderung in Betracht kommen werden. Die auf der Tagesordnung stehenden Schritte und Unternehmungen, die eine tatkräftige Initiative auf dem Gebiete der Landwirtschaft sehr erheblich erleichtern sollen, werden sicherlich einen neuen Schwung in die landwirtschaftliche Kolonisation Palästinas bringen. Aber auch die Industrie und der Handel, die zurzeit weniger in Betracht kommen, werden in der Zukunft mit der Entwicklung des Verkehrswesens und der Konsolidierung der politischen und rechtlichen Verhältnisse größere Bedeutung gewinnen. Und diese Perspektive soll die Richtschnur unserer Tätigkeit sein. Referent faßte dann seine Ausführungen in konkrete Vorschläge zusammen, die er in Form von Resolutionen verlas. Es sind dies die später von der Spezialkommission genehmigten und von der Generalversammlung angenommenen Resolutionen 1 bis IV, betreffend das Informationswesen. Auf das Referat folgte eine lebhafte Diskussion, in der weniger die Ausführungen des Referenten, als die gegenwärtige Tätigkeit des Informationsbureaus einer bisweilen recht entschiedenen Kritik unterzogen wurden. Näheres über die gegenwärtige Arbeit des Odessaer Informationsbureaus berichtete der Leiter dieses Bureaus, Herr B. Spielberg. Ein Redner empfahl die Suspension der Zweigbureaus in Beirut, Haifa und Jerusalem, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hätten. Auf all diese Einwände erwiderte ausführlich der Leiter der palästinensischen Bureaus, Herr M. Scheink i n. Nach einem Schlußwort des Referenten, der auf die prinzipielle Seite der Diskussion einging, wurde wiederum eine Kommission für Informationswesen eingesetzt, in die neben dem Referenten und den Herren Scheinkin und Spielberg, einige andere sachkundige Personen gewählt wurden. Darauf ergriff Herr Chaim Grünberg das Wort zu seinem Referate über die „Tätigkeit der Vertrauensmänner des Komitees". An das Referat schloß sich eine kurze lebhafte Debatte, in der verschiedene praktische Anregungen für eine rationelle Propaganda-Arbeit gemacht wurden. Schließlich wurde auch diese Frage einem besonderen Ausschuß übertragen, worauf die Sitzung geschlossen wurde. Vierte Sitzung. (Sonnabend, 17. Februar, 7 Uhr abends.) Kulturarbeit. Der „große Tag" der Konferenz war, wie übrigens nach der Erfahrung unserer letzten Kongresse und Konferenzen zu erwarten war, die ,,Kultur"-Sitzung. Schon rein äußerlich merkte man es, daß die Kulturfrage als der „springende Punkt" der Konferenz angesehen wurde. Der weite Raum des Sitzungssaales einschließlich der Galerie war bis auf den letzten Platz dicht gefüllt, und mit größter Spannung lauschte die zweitausendköpfige Versammlung sieben Stunden lang der lebhaften Debatte zur Kulturfrage. Nach der denkwürdigen Kulturdebatte des zehnten Kongresses hat freilich die Konferenz der Chowewe-Zion zur Klärung der überaus wichtigen Streitfrage nichts Neues gebracht, ja, sie hat sogar das hohe prinzipielle Niveau der Kongreßdebatte lange nicht erreicht. Vielleicht liegt es daran, daß die Konferenz der Chowewe-Zion es weniger mit abstrakten Prinzipien, mit bloßen programmatischen Forderungen, als mit einem konkreten, weitverzweigten Schulwerke mit ganz bestimmten Licht- und Schattenseiten zu tun hatte. Das Interessanteste und Bedeutendste an dieser Debatte waren die Reden der drei Odessaer Rabbiner (der Herren Finkel, Abelsohn und Glücksberg), die durchaus sachlich und vornehm, dabei aber ganz entschieden ihren Standpunkt in der Frage der religiösen Erziehung ver- [ELT -■ ■ ' - .................1 Nr. 10 traten und an den bestehenden Zuständen scharfe Kritik übten. Man war angenehm überrascht, aus dem Munde von altmodischen Rabbinern sehr geschickte, tadellos parlamentarische und eindrucksvolle Reden in flotter russischer Sprache zu hören. Die Sitzung wurde mit einem anderthalbstündigen Referate Dr. Klausners über unsere Kulturarbeit in Palästina eröffnet. Der Referent charakterisiert einleitend in großen Zügen das Neue und Schöpferische, das in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina geleistet wurde. Ursprünglich harten wir es mit einem völligen Chaos auf diesem Gebiete zu tun. Es gab Schulen verschiedener Richtungen und Arten, ein Schulsystem gab es aber nicht. Erst mit dem neuen Jischub beginnt eine planvolle, zielbewußte Erziehungsarbeit. In dieser Beziehung haben die palästinensischen Lehrer bewunderungswürdige Pionierarbeit geleistet. Sie haben das Wunderwerk zustande gebracht, aus Nichts lebendiges Leben zu formen. Sie haben das Hebräische aus einer Schriftsprache in eine Umgangs- und Unterrichtssprache für alle Lehrfächer umgewandelt. Gleichzeitig hatten sie auch mit dem Mangel an Lehrbüchern und Lehrmitteln, an allgemein anerkannter Fachterminologie, an einem bestimmten für alle ähnlichen Schulen gültigen Lehrplan zu kämpfen. Das Schöpferische ihrer Leistungen ist indes die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die ein sicheres Mittel bildet, um aus den heterogenen, kulturell auseinanderlaufenden Gemeinden eine zielbewußte nationale Einheit zu schmieden. Diese Phantasten haben es fertig gebracht, anstelle des alten Schulwirrwarrs ein in sich geschlossenes und organisch gegliedertes Schulsystem zu schaffen. Die Chowewe-Zion haben nun immer der segensreichen Tätigkeit der palästinensischen Lehrer tätige Sympathie entgegengebracht. Seit längerer Zeit gehört die nationale Erziehungsarbeit in Palästina zu den vornehmsten Aufgaben des Odessaer Komitees. Das Komitee ist bestrebt, das gesamte palästinensische Schulsystem in seiner gegenwärtigen Gliederung in jeder Weise zu fördern und zu unterstützen. Dieses Schulsystem baut sich zurzeit vom Kindergarten bis zur höheren Schule auf und weist die Tendenz auf, in eine Hochschule auszulaufen. Referent gibt eine ausführliche Schilderung der bestehenden Lehranstalten verschiedener Arten und Stufen. Zum hebräischen Gymnasium in Jaffa übergehend, bemerkte der Referent, daß diese Anstalt die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. Man wollte ursprünglich nicht recht glauben, daß es den 2—3 Idealisten, denen es an allem fehlte, was für eine Mittelschule unentbehrlich erscheint an Lehrern, Lehrbüchern, Lehrmitteln allerlei Art und auch nur einigermaßen gesicherter materieller Grundlage —, gelingen sollte, eine wirkliche hebräische Mittelschule ins Leben zu rufen. Auch Referent gehörte anfangs zu den Mißtrauischen. Glücklicherweise haben sich die Skeptiker getäuscht. Das Gymnasium entspricht allen Forderungen, die man an eine gute Mittelschule zu stellen pflegt und ist zugleich eine Stätte jüdischer Erziehung im besten Sinne des Wortes. Referent verhehlt sich nicht, daß das Gymnasium auch gewisse Mängel autzuweisen hat. So kann er es durchaus nicht billigen, daß man im Gymnasium Bibelkritik unterrichtet. Dies ist nicht nur vom religiösen Standpunkte aus, sondern auch aus rein pädagogischen Gründen unzulässig. Referent will jedoch hoffen, daß diese junge, in erfreulicher Entwicklung begriffene Anstalt die vorhandenen Fehler bald überwinden wird. Auch in Jerusalem haben wir bereits ein Gymnasium, das allerdings erst im Werden begriffen ist. Zu den Mittelschulen, die vom Odessaer Komitee unterstützt werden, gehört auch der Tachkemoni, jene Mittelschule orthodoxer Richtung, die sich die Aufgabe gestellt hat, eine den Ueberlieferungen der Väter treu ergebene Generation in und für Erez Israel großzuziehen. Da diese Schule unseren Hauptforderungen entspricht, indem hier die hebräische Sprache vorherrscht und den Zöglingen die Liebe zu ihrem Volke, ihrem Lande und ihrer nationalen Sprache eingeimpft wird, so sieht sich das Komitee veranlaßt, auch diese Schule zu fördern. Eine eigenartige Stellung nimmt in der Kette des palästinensischen Schulwesens der „Bezalel" ein. Referent spricht von der gedeihlichen Entwicklung dieser überaus populären Anstalt, die bereits ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die palästinensische Judenheit geworden ist und gleichzeitig die schöne Aufgabe hat, einen originalen jüdischen Kunststil zu s£hajfen und als Vorstufe für eine zukünftige jüdische